Analyse

Calmy-Reys schillernder Scherbenhaufen

Die Neujahrskarte von Micheline Calmy-Rey sorgt für Kritik. Ist die Wahl des Sujets eine Frechheit? Ein Kommunikationsfehler? Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kulturchef Rico Bandle hat die Karte genauer angeschaut.

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Weihnachtskarten seien noch immer beliebt, vermeldete die Post vor wenigen Tagen und präsentierte eindrückliche Zahlen: Bis zu 20 Millionen Briefsendungen transportiert die Post im Dezember täglich, doppelt so viele wie in anderen Monaten. Einige davon stammen aus dem Büro der angehenden Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey. Sie verschickt ihre Neujahrsgrusskarten, in denen es in drei Sprachen heisst: «Möge das kommende Jahr für Sie Glück, Zufriedenheit und Wohlergehen bringen.» Nicht, dass sie das Rätoromanische ignoriert, sorgt für Kritik, sondern das Sujet auf der Karte: Frauenfüsse in hochhackigen Schuhen, die auf einem roten Teppich Christbaumkugeln zertreten. Darunter heisst es: «Die Welt ist zerbrechlich. Tragen wir Sorge zu ihr!»

Faszination Glamour

Das Bild stammt aus dem Video «Here Comes Santa» (2003) der Genferin Sylvie Fleury, eine der international angesehensten Schweizer Künstlerinnen. SVP-Nationalrat Lukas Reimann ereifert sich in «20 Minuten»: «Die Karte ist eine Frechheit: Frau Calmy-Rey kokettiert mit dem Scherbenhaufen, den sie angerichtet hat.» Auch in welschen Zeitungen ist Kritik zu vernehmen. «Ich sehe eine Frau, die sauer ist auf die Menschen, die Männer und die Religion», heisst es in einem Kommentar in «Le Temps». Tatsächlich will das Bild mehr sagen, als dass die Weihnacht vorbei ist. Doch handelt es sich deshalb gleich um einen Kommunikationsfehler, wie «Le Temps» meint?

Konsum, Glamour und Kitsch sind die Hauptthemen in Sylvie Fleurys Werk. Sie überzeichnet den allgemeinen Drang nach Luxus, zeigt Wracks von Autos in Nagellackfarbe, lässt weibliche Schönheiten mit dem Gewehr auf edle Handtaschen schiessen, hängt Schriftzüge mit der Aufschrift «Faster! Bigger! Better!» über polierten Automotoren auf. Ob die Werke die Lust an der Glamourwelt ausdrücken sollen oder daran Kritik üben, ist oft nicht genau ersichtlich – ein bewusstes Spiel der Künstlerin. Klar ist jedenfalls, dass Fleury damit sowohl bei der Luxusindustrie ankommt, die ihr immer wieder Aufträge für Werke erteilt, als auch bei der eher kritischen Kunstszene. Und sogar bei der Bundespräsidentin.

Ein klares Statement

Dass eine Politikerin, die auf dem diplomatischen Parkett bisher wenig durch Feinfühligkeit aufgefallen ist, auf die Zerbrechlichkeit der Welt aufmerksam macht, mag tatsächlich eine Provokation sein. Genau so, wie wenn sie, die mit der Kollegialität – gelinde gesagt – Mühe zeigt, in einem Interview ein Hohelied auf die Konkordanz singt. In Fleurys Original-Video steht aber nicht die Zerbrechlichkeit im Zentrum, sondern vor allem die Lust an der Zerstörung. Dass die Frau in Highheels auf die Kugeln tritt, ist kein Unfall, sondern eine bewusste Tat, die so oft wiederholt wird, bis die gesamte Weihnachtsidylle in Tausende von Stücken zerbrochen ist.

Das Sujet passt hervorragend zu Calmy-Rey. Die Widersprüche, Fehltritte aber auch die Eleganz der Genferin kommen darauf perfekt zum Ausdruck. Eine solche Karte ist kein Kommunikationsfehler. Die Karte ist ein klares Statement, dass Calmy-Rey ihre Politik und ihre Art trotz aller Kritik unbeirrt weiterführen wird. Und klare Statements sind immer besser als dekorative Nullaussagen.

Erstellt: 29.12.2010, 13:23 Uhr

Bleibt sich auch bei der Neujahrskarte treu: Micheline Calmy-Rey. (Bild: Keystone )

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Sylvie Fleury in Genf

Sylvie Fleury in Genf Grosse Retrospektive im Museum Mamco 2008/09.

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