Camouflage-Chic für Kinder eckt an

Benetton provoziert mit Kriegsklamotten für Kinder. Die Aufregung darüber ist allerdings künstlich. Es geht um etwas ganz anderes.

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Der Herbst-Look für kleine Mädchen ist gesetzt: Camouflage soll der letzte Schrei sein, glaubt man der Website des italienischen Moderiesen Benetton. Ein Jupe, eine enge Hose, ein Leibchen sowie eine gefütterte Jacke kommen im schlammgrün-grauen Tarnmuster des Krieges daher. «Mädchen, was haltet ihr von einem romantischen Camo-Look?», fragen die Macher von Benetton und richten sich dabei an deren Mütter. Kombiniere man die Militärkleidung mit einem schicken Rot, Puderpink oder Blau sowie leuchtenden Strickjacken und gemusterten T-Shirts, erhalte man den perfekten Streetstyle. «Ideal für Nachmittage mit euren Freunden.»

Mit dem Military-Look für Kinder will Benetton Aufmerksamkeit auf sich lenken, keine Frage. Der Kleiderkonzern produziert erstmals Kinderkleider im Tarn-Look. Das gibt zu reden. Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass eine Werbeaktion des Modelabels für Entrüstung sorgt. Benetton provozierte schon mit Bildern toter Menschen, küssender Staatsoberhäupter (Palästinenser Mahmoud Abbas und Israeli Benjamin Netanyahu) oder einer schwarzen Frau, die ein weisses Baby stillt. Nun also versucht es der Kleiderhersteller mit Kindern und Krieg. Das zieht.

«Geil, wir machen für die Kinder was mit Krieg!»

Die entsprechende Publizität hat die neue Kollektion – kaum war sie im Netz – denn auch umgehend erhalten. In ihrer Kolumne auf «Spiegel online» enervierte sich die Journalistin Silke Burmester über den Umstand, dass Benetton mit Kriegskleidern für Kinder Geld machen wolle, sowie über den Zeitpunkt der Kampagne: Während gleichaltrige Kinder in Syrien nicht mehr atmen könnten, ohne befürchten zu müssen, an tödlichen Gasen zu verrecken, präsentiere Benetton fröhliche Kinder im Military-Chic. Die «Spiegel»-Kolumnistin schreibt, sie stelle sich vor, wie sich die Designer zuvor vom Elend der Kriegsgebiete auf der Welt inspirieren liessen, um dann zu sagen: «Geil, wir machen für die Kinder was mit Krieg!»

Die Entscheidung, dass ein Modehersteller für Kinder Kleider in Kriegsoptik produziert, mag speziell sein. Verständlich, wem der neuste Coup geschmacklos erscheint. Doch neu ist die Diskussion um Kinderkleider im Kriegs-Look nicht. Ein anderer bedeutender Kleiderhersteller, H & M, hat schon vor Jahren kommuniziert, dass er die Finger davon lässt. Keine Camouflage-Kleider für Kinder, lautet das Credo. Dennoch erscheint die Kritik an der Military-Chic-Kinderkollektion übertrieben. Sie beinhaltet gerade mal vier Kleidungsstücke, und die Fotos erinnern nicht an Krieg, sondern vielmehr an Hipster-Mode, wie man sie in Frauenzeitschriften und auf der Strasse derzeit überall sieht: Skinny-Jeans, Schlabber-Shirt, ein weiter Pulli darüber. Die Füsse stecken in klobigen Doc Martens. Fertig ist der angesagte Einheitslook.

Schöne, zurechtgemachte Neunjährige

Die Modemacher orientierten sich nicht am Syrienkrieg, sondern an der Welt der Erwachsenen. Die jungen Mädchen sollen so aussehen wollen wie ihre Mütter – und umgekehrt. Auf den Fotos der Kollektion sieht man schöne, zurechtgemachte Neunjährige, die wie erwachsene Profimodels aussehen und auch so posieren. Im Minijupe, mit wehendem Haar, dezent geschminkt – und einem Schuss Military-Look.

Nicht der Umstand einer Kinderhose mit Tarnmuster ist deshalb das eigentliche Ärgernis. Es ist vielmehr das Bild, das die Modemacher von ihren jüngsten Kundinnen vermitteln: von Kindern als zu klein geratenen Erwachsenen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2013, 14:50 Uhr

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