Interview

«Da können Welten aufeinanderprallen»

Welche Formulierungen verwendet man in der schriftlichen Korrespondenz? Professorin Ulla Kleinberger über missglückte Anreden, Höflichkeit und den Einfluss von SMS und Smartphones.

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«Sehr geehrte Frau Kleinberger» – so habe ich meine Interviewanfrage eingeleitet. Ist das immer noch Standard?
Das kommt ganz darauf an. Eine E-Mail ist eine Art, Nachrichten an einen oder mehrere Empfänger(innen) zu übertragen. Die Ausgestaltung des Textes ist nicht nur von der Übertragungsart abhängig – sie hat einen Einfluss, ist aber nicht allein entscheidend. Die Modalität bestimmt stark mit, wie man in welche Höflichkeitskiste hineingreift: Wenn Sie mir schreiben und etwas von mir wollen, aber mich nicht kennen, dann ist das auf jeden Fall normal, mit «Sehr geehrte» zu beginnen und mit «Freundliche Grüsse» aufzuhören.

Wenn ich meine Anfrage mit «Liebe Frau Kleinberger» begonnen und mit «Herzliche Grüsse» aufgehört hätte, was wäre Ihre Reaktion gewesen?
Ich hätte zuerst mal gelesen, was Sie zwischen den Grussformen geschrieben hätten.

Studierende nehmen es nicht mehr so genau mit Anreden in E-Mails, wie man hört. Ärgern Sie sich oft über unpassende Anreden?
Nein, ich ärgere mich nicht, und ich glaube auch nicht, dass die Studierenden es nicht so genau nehmen. Vielmehr haben sie einen anderen Fächer an Höflichkeitsvarianten. Das ist eine Frage, wie man sozialisiert wurde, wie man aufgewachsen ist – da gibt es effektiv eine Altersschere. Da können Welten aufeinanderprallen. Aber die Jüngeren haben genau wie die Älteren verschiedene Modalitäten drauf. Die Studierenden treffen die Anrede nicht immer, aber meistens klappt das ganz gut.

Eine wichtige Unterscheidung ist jene zwischen privater und geschäftlicher Korrespondenz. Haben Sie den Eindruck, dass sich das vermischt?
Aufgrund von eigenem Forschungsmaterial kann ich bestätigen, dass hier eine Durchmischung stattfindet. Es gibt die ganz klassischen Business-Mails, die bleiben Business-Mails, und es gibt die klassischen privaten Mails, die sind und bleiben privat. Doch weil das Medium E-Mail eine gewisse Nähe suggeriert, kommt es zu Durchmischungen. Zum Beispiel kann man die Tendenz beobachten, dass in einem geschäftlichen E-Mail Persönliches aufgenommen wird, dass gefragt wird, wie es einem geht oder was die Familie macht.

Wie ist der Einfluss von anderen Sprachen, zum Beispiel Englisch?
Ich glaube nicht, dass Englisch einen grossen Einfluss hat. Nur den Namen als Anrede zu benutzen, wie es im Englischen üblich ist, wirkt bei uns zum Beispiel fordernd oder eher unhöflich, das hat sich nicht durchgesetzt. Es ist eher der Fall, dass man Formen der Anrede benutzt, die eher in mündlichen Kontexten gebräuchlich sind, die man in einen schriftlichen Bereich transferiert, wie «Guten Tag».

Wie sieht es aus mit der Schlussformel «Mit freundlichen Grüssen»? Das wurde früher auch umständlicher gesagt.
Interessant ist hier vor allem, dass das «mit» verschwindet. Früher hiess es: «Ich verbleibe mit freundlichen Grüssen». Das «ich verbleibe» ist auch in Briefen schon längst verschwunden, und «Mit freundlichen Grüssen» ist geblieben. Weil man das mit dem «ich verbleibe» nicht mehr weiss, verkürzt man weiter und schreibt nur noch «Freundliche Grüsse». Das ist in der Wandlung dieses sprachlichen Verabschiedungsmusters eine konsequente Haltung.

Einige Leute halten diese Formeln für unnötige Floskeln. Warum hält man daran fest?
Das ist Ausdruck eines Höflichkeitskonzepts. Man markiert Anfang und Schluss einer Mitteilung, das ist das Grundprinzip. Das hat man auch in E-Mails auf jeden Fall drin, wenn man eine Anfrage an einen Unbekannten macht. Wenn man dann aber hin und her schreibt, geht das von einem Briefkontext weg in einen zeitnahen dialogischen Kontext. Dann können Anrede und Grussformeln wegfallen, wobei der Gruss normalerweise länger beibehalten wird. Und es gibt die Möglichkeit, die Anrede in den Text, in den ersten Satz einzubauen – auch ein Anzeichen, dass man in ein dialogisches Setting kippt.

Immer mehr Mails werden vom Smartphone aus geschrieben – hat das einen Einfluss? Schreibt man kürzer?
Es kommt auch hier stark auf die Modalität an, egal, mit welchem Gerät man arbeitet. Wenn Sie von Ihrem Smartphone aus eine Anfrage schicken, werden Sie im klassischen Modus bleiben und weder Abkürzungen noch Emoticons oder Akronyme benutzen. Das realisiert man erst in einem Softcommunication-Bereich. Ich habe mit Carmen Spiegel von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe eine Studie über Schreibkompetenzen von Jugendlichen durchgeführt. Wir konnten sehr gut aufzeigen, dass diese in einem nicht schulischen Rahmen, zum Beispiel in einem Forum, normnah schreiben, wenn sie etwas erreichen wollen. Wenn sie eine Anfrage an einen anderen im Forum haben und eine Antwort wollen, schreiben sie orthografisch und stilistisch korrekter und näher an der standardisierten Norm, als wenn sie einfach plaudern.

Hat die Kommunikation per SMS einen Einfluss auf Briefe und E-Mails?
Das kann ich nicht so genau sagen. Generell ist es so, dass junge und auch alte Leute klug genug sind, die unterschiedlichen Ausprägungen von Texten nicht zu vermischen. Es gibt Verschleifungen, wo es ineinanderwirkt, aber es ist nicht so, dass die Jungen heute nicht mehr schreiben können. Sie haben ein anderes Spektrum oder eine andere Verteilung in diesem Spektrum, als es ältere Leute haben.

Das ist also, wie die gesamte Sprache, im steten Wandel.
Genau. Ich finde es sehr spannend, was punkto Anrede in den letzten 20 Jahren an Dynamik entstanden ist. Es ist so etwas Kleines, bewegt aber sehr und hat Auswirkungen im globalen Kontext. Da muss man sich in den wichtigen Höflichkeitsindikatoren Anrede und Abschied – auch sprach- und kulturübergreifend – immer wieder finden.

Erzeugt dieser Wandel auch ein verstärktes Bedürfnis nach Regeln?
Einige Leute halten sich an einer einzigen gültigen Norm fest, andere können mit der Dynamik umgehen. Ich persönlich meine, das meiste regelt sich mehr oder weniger im eigenen Umfeld. Wenn ein Student, eine Studentin mal den Ton nicht trifft, kann ich auch entsprechend reagieren. Das ist ja meistens nicht bösartig gemeint. Dann weist man sie halt auf die Modalität hin. Das ist nicht nur eine Frage der Anrede, sondern des Stils des gesamten Textes.

Erstellt: 31.01.2013, 14:06 Uhr

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Ulla Kleinberger ist Titularprofessorin für Germanistische Linguistik an der Universität Zürich und Professorin für Angewandte Text- und Gesprächslinguistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

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