Interview

«Da können staatliche Unterstützungsprogramme nicht mithalten»

Eine neue Studie von Swissfuture beschäftigt sich mit der Schweiz im Jahr 2030. Mitverfasser Basil Rogger über zukünftige Kultursubventionen, neue Technologien und das Kunstsponsoring grosser Firmen.

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Herr Rogger, drücken der tiefe Dollarkurs und die Eurokrise auf das Kulturleben?
Auf jeden Fall, ja. Wir wissen nur noch nicht genau, wie und wie schnell.

Ist Geist ohne Geld gar nicht denkbar?
Natürlich ist Geist ohne Geld denkbar, aber sagte nicht Brecht: «Erst kommt das Fressen…»? Nicht umsonst sprechen wir heute nicht bloss von Kultur, sondern von Kulturwirtschaft.

In der Studie von Swissfuture über die Schweiz im Jahr 2030 sind zwei Hauptfaktoren bestimmend: Der Gang der Wirtschaft und die Rolle des Staates. Ist die Kulturproduktion in der Schweiz letztlich mehr vom Kapital abhängig, als den Künstlern lieb ist?
Die grosse Frage ist immer diejenige nach der Unabhängigkeit der Künstler und ihrer Produktion. Wenn ein Geldgeber da ist, der gewisse Ansprüche stellt, dann kommen jeweils die nicht unberechtigten Ängste auf, dass das ein Verlust der künstlerischen Freiheit sei.

Die Frage ist letztlich auch, von welcher Seite die Gelder kommen – von privater oder staatlicher. Wie werden sich die Verhältnisse in Zukunft entwickeln?
Unabhängig von der Frage nach der Herkunft der Gelder geht die Tendenz zu einer weiteren Ökonomisierung – das heisst, man wird die Kultur noch stärker durch eine wirtschaftliche Brille anschauen. Die ersten Anzeichen für diese Entwicklung gab es vor rund 20 Jahren, als die Kulturmanagement-Ausbildungen aufkamen. Rückblickend kann das als ein Vorbote der Heirat von Wirtschaft und Kultur verstanden werden.

Lassen sich staatliche Subventionen für kulturelle Projekte zukünftig politisch noch durchbringen?
Es wird schwieriger. Aus einer linken Perspektive muss die Kultur helfen, die Welt zu verbessern; aus einer rechten Sichtweise soll sie die nationale Identität bewahren. Beides sind funktionale Kulturverständnisse, und das geht längerfristig nicht auf. Auftragskunst war noch nie sehr spannend.

Kann man damit rechnen, dass beim Ausfall staatlicher Unterstützung die privaten Geldgeber eingreifen?
Hochpreisige und arrivierte Kultur ist bereits heute ohne privatwirtschaftliche Unterstützung nicht mehr finanzierbar. Beispiele sind grosse Kunst- oder Bühnenprojekte. Da können staatliche Unterstützungsprogramme gar nicht mehr mithalten. Bei nicht etablierten Kunstformen oder bei der Förderung des Nachwuchses bin ich hingegen skeptischer.

Wird sich die staatliche Kulturförderung in Zukunft in Nischen zurückziehen?
Das ist denkbar, aber auch eine undankbare Aufgabenteilung: Der Staat macht die Aufbauarbeit und die privaten Sponsoren ernten dann die Früchte des Erfolgs.

Wann ist es lukrativ für einen Privaten, ein Projekt zu unterstützen?
Wenn man ein Engagement ökonomisch betrachtet, muss man sich überlegen, welche Effekte daraus resultieren. In Zukunft werden die Sponsoren das noch genauer ausloten, aber gleichzeitig müssen sie sich damit abfinden, dass nicht alles quantifizierbar ist.

Werden wir uns in Zukunft vermehrt auf Kulturprojekte einstellen müssen, die von Grossfirmen gesponsert werden?
Ja, auf jeden Fall. Meines Erachtens ist das Potenzial der offensiven Bewirtschaftung der eigenen konflikthaften Geschäftsfelder bei Grossfirmen noch nicht ausgeschöpft. Wenn sich zum Beispiel in einem Chemieunternehmen die Einsicht durchsetzt, dass die Gentechnologie nicht nur die Rettung der Welt bedeutet und man diese Erkenntnis kulturell transformiert, dann würde die Akzeptanz letztlich steigen, weil der Konflikt gesellschaftlich bearbeitbar wird. Diese Chance haben viele Firmen noch nicht erkannt.

Heute ist es immer noch so, dass Firmen nur Geld für ein Loblied auf ihr Unternehmen hergeben.
Leider, ja. Aber das ist zu kurz gedacht.

Gibt es schon Unternehmen, die weiter denken?
Ja, sicher, teilweise sogar schon sehr lange. Oft ist das stark personenabhängig. In der Schweiz wären hier zum Beispiel Gottlieb Duttweiler von der Migros oder Paul Sacher von der Hoffmann-La Roche zu nennen. Beide Unternehmen haben durch diese prägenden Figuren eine lange Tradition von Kulturförderung.

Wie werden sich die neuen Technologien auf die kulturelle Produktion auswirken?
Seit dem Buchdruck hat keine Technologie unser Leben so revolutioniert wie die Computertechnologie. Vor allem im Bereich der kulturellen Distribution sind die Umwälzungen enorm: Ton, Bild und Text – die Träger kultureller Inhalte – lassen sich hervorragend übers Internet vermitteln. Das verändert dann natürlich auch die Möglichkeiten der Produktion.

Werden zum Beispiel E-Books grösseren Einfluss haben?
Ja, bestimmt. Aber mich interessiert beim Aufkommen neuer Technologien immer auch die Frage, was dann mit den alten passiert. In der Regel werden die nicht abgeschafft, sondern überwölbt.

Zum Beispiel die Schallplatte, die gar eine Renaissance erlebt.
Ja, das ist mittlerweile ein hochpreisiger Nischenmarkt, der von Liebhabern betrieben wird – der Inbegriff von Hochkultur. In Kombination mit den neuen Technologien können so «globale Nischen» entstehen.

Wie das?
Egal, ob der Liebhaber einer seltenen Aufnahme aus den 1940er-Jahren in Toronto oder Tokio sitzt – die Fans sind miteinander und mit den Produzenten vernetzt.

Das Internet hat gemäss Ihrer Studie weitere Folgen: Durch die Blogs wird sich die Zahl der Schreiber und der Leser immer mehr angleichen.
Das ist schon heute der Fall: Es gibt gleich viele Blog-Betreiber wie Blog-Leser. Das Problem des hierarchiefreien unzensierten Datenverkehrs besteht darin, dass auch sehr viel Müll produziert wird. Aber man darf auch nicht vergessen, dass zum Beispiel das Köchelverzeichnis mit den Werken von Mozart an die 700 Positionen enthält, aber nur etwa 100 werden regelmässig gespielt. Nicht alles, was er komponiert hat, ist meisterhaft – vieles waren Auftragsarbeiten oder Gelegenheitskompositionen.

Oder das Meisterhafte wird erst in Zukunft entdeckt.
Ja, da sind wir bei einem wichtigen Punkt: der Rezeption zu Lebzeiten. In der Popmusik ist sie äusserst wichtig, denn sie bewirkt, dass jemand mehr als ein Demo oder eine Single veröffentlicht. Andere kulturelle Produktionen – Literatur oder Kunst – werden zu Lebzeiten der Künstler oft gar nicht beachtet.

Auf was muss sich ein Künstler in Zukunft gefasst machen?
Künstler, die von ihren Werken leben wollen, nehmen eine Herausforderung an, die nicht kleiner wird. In der Schweiz geht es den Künstlern im Hinblick auf die Fördermechanismen noch relativ gut. Schon Deutschland und insbesondere der Brennpunkt Berlin ist ein weitaus härteres Pflaster. In der Schweiz muss man sich darauf einstellen, dass sich die Kulturförderung tendenziell dem europäischen Niveau anpassen wird. Zudem steigen die Anforderungen: Künstler müssen heute Unternehmer, Kunstvermittler und Selbstmarketing-Experten sein – und gute Kunst machen. Diese Tendenz zum Künstler als Kulturunternehmer kann auch eine Überforderung sein. Und ob sie der Qualität der künstlerischen Produktion dienlich ist, ist alles andere als selbstverständlich.

Erstellt: 16.08.2011, 13:13 Uhr

Basil Rogger (46) hat an de Universitäten Bern und Zürich Philosophie, Psychologie und Pädagogik studiert. Nach Tätigkeiten in Forschungsprojekten des Schweizerischen Nationalfonds und für das Gottlieb-Duttweiler-Institut arbeitete er ab 2001 als selbständiger Berater. Seit 2004 ist er im Leitungsteam des Studienschwerpunkt Style & Design an der Zürcher Hochschule der Künste. Für die Swissfuture-Studie «Wertewandel in der Schweiz 2030» wirkte er als wissenschaftlicher Redaktor an der Vertiefungsstudie «Die Werte in Kunst und Literatur von morgen» mit.

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