«Damen (...) gleichen tückischen Tellerminen»

Der deutsche Gross-Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger ergreift Partei in einem Fall sexueller Nötigung. Wie er das tut, ist befremdlich.

«Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen», weiss Hans Magnus Enzensberger (im Bild: Swisscoy-Übungsplatz bei Stans).

«Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen», weiss Hans Magnus Enzensberger (im Bild: Swisscoy-Übungsplatz bei Stans). Bild: Keystone

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Der Leserbrief sei nicht sein Lieblingsmedium, schreibt der Dichter und Vorzeige-Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger an die «Süddeutsche Zeitung» – und legt dann los mit einer Tirade, bei deren Lektüre man sich die Augen reibt: «Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen. Ihre Rachsucht sollte man nie unterschätzen. Sie wissen sich der überforderten Justiz virtuos zu bedienen. Der Rufschaden, den sie bei dem, der sie verschmäht hat, anrichten können, ist beträchtlich.»

Worum geht es? Enzensberger kommentiert mit diesen Sätzen einen Fall, der im deutschen Kulturleben einiges Aufsehen erregt hat. Im Zentrum steht Siegfried Mauser, Pianist, Musikwissenschaftler, ehemaliger Direktor der Münchner Musikhochschule, Rektor des Mozarteums Salzburg – ein bekannter, auch durchaus einflussreicher Mann also, der kürzlich vom Münchner Amtsgericht wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde. Die Strafe: ein Jahr und drei Monate bedingt, dazu eine Busse von 25'ooo Euro. Das Opfer: eine Professorin der Münchner Musikhochschule. Noch eine zweite Pädagogin dieser Schule hatte Mauser angeklagt; in diesem Fall war er aber freigesprochen worden, weil sich die Frau nicht entschieden genug gewehrt habe.

Es war natürlich die Frau, wieder einmal!

Sechzehn Zeugen sind zu der Geschichte befragt worden, nicht aber Hans Magnus Enzensberger, der offenbar genau weiss, was gelaufen ist: Nicht Mauser machte unsittliche Avancen, es war die Frau, wieder einmal! Auch andere illustre Persönlichkeiten sehen das so, wie die Leserbriefseite der «Süddeutschen» zeigt: Michael Krüger, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, spricht von einer Blamage der Justiz und fragt sich, warum die Frau jahrelang geschwiegen habe (was sie nachweislich nicht hat). Auch der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer, der Mauser auch in der NZZ schon einmal verteidigt hat (damals gegen den Pianisten Alfred Brendel, dem er fälschlicherweise vorwarf, Mauser in einem Gedicht für sein Flair für zeitgenössische Musik kritisiert zu haben), zeigt sich «bestürzt» über das Urteil.

Allerdings, und da wird der Fall endgültig zum unappetitlichen Kuriosum, bezieht sich diese Bestürzung auch auf zwei Bemerkungen des Münchner Richters. Die eine: «Mit Verlaub, Herr Rektor, Sie sind ein Grapscher.» Die andere: «Möglicherweise fühlen Sie sich sexuell so attraktiv wie James Bond; da überschätzen Sie sich aber in der Wirkung.» Kein Zweifel, diese Sätze kommen aus exakt derselben untersten Schublade der Klischeekommode, aus der auch Enzensberger seine Argumentation übernommen hat.

Und man denkt an den «Rufschaden», den letzterer in seinem Leserbrief beschwört: Der trifft in dieser Geschichte längst nicht mehr nur Siegfried Mauser. Sondern auch den Richter. Und vor allem Enzensberger selbst, der in der «Süddeutschen» wie in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» heftige Reaktionen geerntet hat auf seine unerwartet frauenfeindliche Attacke. Die «vergifteten und hysterischen Zeiten», die er beklagt, sind offenbar auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen: Man konstatiert es mit düsteren Ahnungen, denn Mauser zieht den Fall weiter. Und egal, was dabei herauskommt: Die Klägerin wird sich gut schützen müssen vor verbalen Tellerminen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.06.2016, 14:12 Uhr

Deutscher Vorzeigeintellektueller: Hans Magnus Enzensberger, fotografiert 2016

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