«Dann will ich auch bewusst die Hose runterlassen und sagen, so schreib ich»

Dirk von Gehlen plädiert in «Mashup» für die Aufwertung der Kopie und eine Reform des Urheberrechts. Im Gespräch gibt er Auskunft über seine Ideen, die Forderung nach einer Pauschalabgabe und sein neues Buch.

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Dirk von Gehlen, Ihr Buch «Mashup» ist vor genau einem Jahr erschienen. Wie stehen Sie heute dazu?
Ich wollte über zwei Sachen schreiben: Die damals noch nicht so hochkochende Urheberrechtsdebatte und die Digitalisierung. Das Buch ist bisher fast nur als Urheberrechtsbuch wahrgenommen worden, was ich ein wenig schade finde. Es ist natürlich wichtig, wie der Gesetzgeber das regelt, aber die spannendere Frage finde ich, wie wir als Künstler, als kreative Leute mit den Möglichkeiten des digitalen Kopierens umgehen wollen. Da das Buch aber genau in eine Politisierungsphase hinein erschienen ist, als es Anfang des Jahres diese europaweiten Acta-Proteste gab, ist das nicht weiter verwunderlich. Ich habe fast sieben Jahre an dem Buch gearbeitet und fand das immer ein wichtiges Thema, aber dass es jetzt so aufkochen würde, hatte ich nicht erwartet.

Wie hat sich Ihre Einstellung in diesem Jahr geändert? Würden Sie das Buch heute anders schreiben?
Nein, eigentlich nicht. Der Lektor hat mich gefragt, ob wir für die zweite Auflage des Buches etwas ändern sollen. Da wären ganz viele Sachen, die man ändern müsste, aber dann hätte man das Buch ganz umschreiben und eine neue Version veröffentlichen müssen. Darum haben wir es so belassen.

Was ist die Idee hinter Ihrem neuen Projekt «Eine neue Version ist verfügbar»? Wird es überhaupt als Buch erscheinen?
Das wird am Schluss als Buch erscheinen, aber davor soll auch der ganze Prozess ersichtlich sein. Wir sind in Kunst und Kultur zu sehr auf das Ergebnis fixiert, dabei ist wie bei einem Fussballspiel auch interessant, wie es dazu gekommen ist. In der Kunst wird bislang sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt. Dann wird das Ergebnis auf Datenträgern verbreitet, um das zu finanzieren. Das Prinzip der Verknappung steht aber zur Disposition. Wir müssen uns also überlegen, wie wir mit Kunst und Kultur überhaupt noch Geld verdienen können, wenn sie verflüssigt wird. Meine These ist, dass wir viel mehr in Versionen denken und den Prozess in den Mittelpunkt rücken müssen, ähnlich wie beim Fussballspiel, wo die Menschen auch nicht nur hingehen, um das Ergebnis zu erfahren, sondern um mitzuerleben, wie es dazu kommt. Dadurch, dass alle gemeinsam da sind, entsteht etwas. Diesen Entstehungsprozess, der das Produkt ergänzt, will ich beschreiben.

Wie wollen Sie dabei vorgehen?
Einerseits auf einer abstrakt feuilletonistischen Ebene, ich will es aber auch direkt in die Tat umsetzen, indem ich den Prozess umdrehe. Ich sage nicht, hier ist das fertige Buch, kauft es, sondern ich sage, ich will ein Buch schreiben, unterstützt es bitte – das ist die Crowdfunding-Idee. Dann will ich auch bewusst die Hose runterlassen und sagen, so schreib ich. Ich speichere immer unterschiedliche Versionen davon ab, und am Ende wird es eine Art Wiki geben, wo man sieht, okay, so hat er damals angefangen, was sehr peinlich sein kann, weil da noch Tippfehler und falsche Bezüge drin sind, aber ich will das bewusst offenlegen. Meiner Meinung nach ist das ein Weg raus aus diesem Digitalisierungsdilemma, dass wir offenlegen, wie wir Sachen produzieren. Das Publikum bekommt eine viel wichtigere Rolle.

Wie weit geht denn die Beteiligung der Leser? Geben die im Crowdfunding nur Geld oder schreiben sie mit?
In einem ersten Schritt ab Anfang Oktober bitte ich die Leser um Unterstützung. Und dann setze ich mich quasi in eine gläserne Kiste und die Leute können zuschauen und Hinweise geben. Sie müssen das nicht tun, sie kriegen am Ende auf jeden Fall ein Ergebnis, aber ich versuche mindestens, unterschiedliche Versionen hochzuladen.

Liegt in dieser Offenlegung und Demokratisierung die Zukunft des Urheberrechts?
Ich sehe das getrennt: Einerseits muss man das Urheberrecht reformieren und andererseits erkennen, dass wir in der Digitalisierung grosse Möglichkeiten zur Gestaltung haben. Wir diskutieren Digitalisierung zu sehr aus so einer Ablehnungshaltung heraus und schauen zu wenig, was man daran verbessern könnte. Man muss ja nicht gleich so euphorisch sein wie Google oder Facebook und sagen, alles wird super durchs Internet. Demokratisierung wird bei uns schnell negativ konnotiert als Amateurisierung, aber wenn man runterbricht, was das Internet und die Digitalisierung an Veränderung gebracht haben, ist die bedeutsamste, dass Menschen mitreden können, dass es die Möglichkeit zum Dialog gibt. Politisch ist aber die Frage bedeutsamer, wie wir das Urheberrecht gestalten. In der medialen Diskussion in Deutschland wird so getan, als stünde die Abschaffung des Urheberrechts kurz bevor, dabei wurde es immer nur verschärft. Viele Leute, vor allem aus der jungen Generation, haben keine Einsicht mehr in dieses Gesetz. Weitere Verschärfungen und repressive Massnahmen nützen da nichts. Ich bin für eine Anpassung des Urheberrechts an die digitalen Verhältnisse, um es zu schützen und zu verhindern, dass es einen weiteren Legitimationsverlust erleidet.

Wie könnte das Urheberrecht denn angepasst werden?
Ich glaube, es sollte in eine Richtung gehen, die wir kennen, und zwar in die der Pauschalabgabesysteme. Wenn Einzelfälle nicht mehr regelbar sind, muss man es über Pauschalen versuchen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk funktioniert so, die Leermedienabgabe auf CD-Rohlinge und Kassetten funktioniert so. Nun kann man nicht im Einzelfall kontrollieren, was die Leute alles runterladen, deshalb muss man eine Pauschale einführen.

Wie könnte die aussehen?
Wie die am Ende ausgestaltet wird, muss man diskutieren, aber es ist auf jeden Fall ein funktionales Prinzip. Spotify oder Apple haben ähnliche Systeme in der Privatwirtschaft schon eingeführt, und vielleicht sind wir als Gemeinschaft viel zu spät dafür. Wir müssten uns als Gesellschaft viel stärker die Frage stellen, wie wir eigentlich mit Kunst und Kultur und mit der Digitalisierung umgehen wollen. Das ist bisher alles privatwirtschaftlich organisiert – siehe Google, Facebook, Apple, Amazon.

Auf welcher Ebene muss das Problem gelöst werden? Politisch-juristisch oder auch gesellschaftlich?
Der Gesetzgeber muss einen Ausgleich finden. Er muss sich fragen: Was ist uns Kunst und Kultur wert? Das berechtigte Interesse der Künstler an einer angemessenen Entschädigung muss in Einklang gebracht werden mit dem Interesse der Allgemeinheit, Privatkopien anzufertigen. Der erste Hebel wäre meiner Meinung nach, über Pauschalabgaben das private Kopieren zu entkriminalisieren und den Legitimationsverlust zu stoppen. Und der zweite wäre, Lösungen zu finden, wie man mit digitalen Produkten umgehen kann, die man auch schützen können muss. Was Kim Schmitz macht, finde ich immer noch falsch, aber der Prozess der ständigen Verschärfung darf nicht fortgeführt werden. Man wird die Zahnpasta nicht zurück in die Tube drücken können. Man sollte auf Basis der neuen Realität gesetzliche Grundlagen schaffen, um damit umgehen zu können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.08.2012, 14:37 Uhr

Dirk von Gehlen

Der 1975 geborene Dirk von Gehlen absolvierte die Deutsche Journalistenschule und ist seit 2002 Redaktionsleiter von Jetzt.de, der Jugend-Community der «Süddeutschen Zeitung». Sein erstes Buch «Mashup. Lob der Kopie» erschien im August 2011 im Suhrkamp Verlag. Im Herbst startet sein neues Buch-Projekt «Eine neue Version ist verfügbar».

Dirk von Gehlen: Mashup. Lob der Kopie. Suhrkamp 2011. 233 Seiten,
ISBN 978-3-518-12621-9

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