Das Crystal Meth der Videospiele

«Candy Crush Saga» ist das neue «Tetris»: Ursprünglich für Frauen konzipiert, wird das Gratisspiel inzwischen täglich 600 Millionen Mal quer durch die Gesellschaft gespielt. Was steckt hinter dem Phänomen?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1985 erfand der russische Wissenschaftler Alexei Paschitnow «Tetris». Obwohl sich das Videospiel millionenfach verkaufte, gingen alle Erlöse an den Staat. Erst als zehn Jahre später die Lizenzverträge ausliegen, sah auch Paschitnow Geld für sein Spiel – allerdings bloss Bruchteile des zuvor erwirtschafteten Gewinns.

Auch nach 30 Jahren besticht «Tetris» durch seine simple Spielidee. Unterschiedlich geformte Steine fallen von oben herab und müssen so gedreht werden, dass sie möglichst wenig Platz einnehmen. Wenn eine Reihe komplett ohne Lücke gefüllt ist, verschwinden die Klötze. «Ich habe mal versucht, ein besseres Spiel als ‹Tetris› zu machen», sagte Paschitnow kürzlich: «Das hat aber nicht geklapp. ‹Tetris› konnte einfach nicht mehr verbessert werden.»

Keine mühselige Installationen

Wirklich? Ein Blick in die Trams und Busse dieser Welt lässt einen zweifeln. Auf den Smartphones und Tablets vieler Passagiere werden derzeit wieder Klötze aneinandergereiht. Um genau zu sein: keine Klötze, sondern Bonbons. «Candy Crush Saga» heisst das süchtig machende Spiel, das auch schon als «Crystal Meth unter den Videogames» bezeichnet worden ist. Das Spielkonzept erinnert an eine Mischung aus «Tetris» und «Vier gewinnt». Der Spieler muss mindestens drei gleiche Zuckerfrüchte aneinanderreihen, dann explodieren diese – und die Bonbons über ihnen rutschen nach. Um ein Spiellevel zu meistern, steht eine gewisse Anzahl Züge zur Verfügung. Wie sich die Spieler durch die insgesamt 500 Levels kämpfen, spiegelt sich auf ihren Gesichtern: eine Mischung aus Konzentration, Befremden und Befriedigung.

600 Millionen Mal wird «Candy Crush Saga» jeden Tag auf mobilen Geräten gespielt. Der Hersteller, die englische Firma King, verdient damit 250 Millionen Franken pro Jahr. Wieso das Spiel derart unwiderstehlich ist, wird von Gamefachleuten unterschiedlich analysiert. Einerseits ist die Spielmechanik intuitiv, also innert Minuten erlernbar. Auch fallen mühselige Installationen oder der Kauf von Spielkonsolen weg; über Smartphones und Tablets wird eine bis dato spielferne Klientel erschlossen – Frauen und ältere Menschen zum Beispiel. Tatsächlich hat Hersteller King die weibliche Bevölkerung im Visier gehabt, als man «Candy Crush Saga» lancierte. Inzwischen hat sich das Spiel als gemeinsamer Nenner jeglicher demografischer Gruppen herausgestellt.

Die Verzweiflung der Spieler

Was «Candy Crush Saga» weiter auszeichnet, ist das vermeintlich einfache Spielziel (drei herzige Früchtchen aneinanderreihen) – das in den höheren Spielstufen aber zum Wahnsinnigwerden schwierig wird. Eingestehen mag sich das der Spieler natürlich nicht. Im Gegenteil: «Das kann doch nicht so schwierig sein», dürfte der meistgedachte Gedanke der «Candy Crush»-Süchtigen sein.

Im Unterschied etwa zu «Angry Birds» gibt es bei «Candy Crush Saga» jedoch keine Strategien, die man bei Youtube angucken kann, um komplexe Levels zu meistern. So scheitert der eine bei Level 25, während der andere mühelos zum 50. voranschreitet – um dort zu erfahren, was richtiger Frust ist. Die Verzweiflung der Spieler ist auch den Herstellern bekannt, just mit ihr machen sie nämlich das grosse Geld. Zwar lässt sich «Candy Crush Saga» kostenlos herunterladen, doch für einen Franken kann man sich ein neues Leben kaufen. Noch verlockender: Für einen weiteren Franken bekommt man fünf zusätzliche Züge. 30 Prozent der Spieler machen laut Hersteller von den Bezahlangeboten Gebrauch.

Über die Faszination von «Tetris» sagt Alexei Paschitnow: «Es ist die Darstellung der Fehler und nicht des Geleisteten, das den Spieler immer weiter anspornt.» Einem «Candy Crush»-Spieler sind die Fehler egal. Das Geleistete eigentlich auch. Lernen tut er nichts. Er will einfach Früchtchen explodieren sehen.

Erstellt: 21.10.2013, 15:03 Uhr

Umfrage

Spielen Sie Candy Crush Saga?




Artikel zum Thema

GTA 5 knackt bereits die Milliardenmarke

Kein anderes Computerspiel hat je in nur drei Tagen so viel Geld eingespielt: «Grand Theft Auto V» hat bereits ein Vielfaches der Entwicklungskosten eingespielt – und stellt jeden Film in den Schatten. Mehr...

«GTA 5 ist das Highlight einer Generation»

Die Tester bejubeln weltweit das neue Game der Superlative. Wermutstropfen sind eine fehlende PC-Version – und dass man nur als «Scheisskerl» in einer grossartigen virtuellen Welt leben darf. Mehr...

«Wird Waterboarding kritisch hinterfragt, hat es im Spiel Platz»

Interview Videospiel-Experte Marc Bodmer erklärt, was «Grand Theft Auto 5» für Jugendliche attraktiv macht - und ob das 18er-Rating gerechtfertigt ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Aufwändige Feier: Farbenfroh ist der Karneval in Macedo de Cavaleiros, Portugal. (25. Februar 2020)
(Bild: Octavio Passos/Getty Images) Mehr...