Das Ende der Schweizer Grossmacht

1515 unterlagen die kampfkräftigen Eidgenossen bei Marignano. Eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich erinnert an die Schlacht, die bis heute die Gemüter erhitzt.

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Der Pulverdampf ist längst verraucht, die Lanzen sind im Museum. Aber gekämpft wird noch immer. 500 Jahre nach Marignano, jener schicksalsschweren Schlacht, mit der die werdende Schweiz ihre Grossmachtambitionen endgültig beerdigen musste. Wobei einige schon an diesem Punkt ihr Veto einlegen werden. Denn je nach politischer Ausrichtung gehen die Meinungen stark auseinander, wofür die Niederlage von 1515 steht. Für den Beginn der Schweizer Neutralitätspolitik? Oder ist die Schlacht lediglich eine Etappe auf dem Weg hin zum Wiener Kongress von 1815, auf dem die Unabhängigkeit den Schweizern «verordnet» wird?

Im Landesmuseum Zürich treten diese Fragen zurück, die zurzeit die hitzige Debatte zwischen den Exponenten der SVP und den Vertretern der universitären Geschichtsschreibung bestimmen. Denn hier in den kühlen Dunkelräumen des Museums kann man sich selbst auf die Spuren der historischen Verwicklungen begeben, die man entwirren muss, wenn man die Voraussetzungen, die Dramatik und die Folgen der Schlacht bei Marignano verstehen möchte. Und auch sollte, wenn man eine eigene Position zur Frage nach dem Ursprung der Schweizer Neutralitätspolitik entwickeln will.

Poker um Mailand

Der Zankapfel des 16. Jahrhunderts war nicht die Neutralität der Eidgenossen. Nein, damals ging es um das Herzogtum Mailand, das zu dieser Zeit so etwas war wie das Silicon Valley heute: Hier wurden moderne Waffen entwickelt, hier wurden kostbare Seidenstücke hergestellt, von denen man eines in der Ausstellung sehen kann. Und hier trieb Leonardo da Vinci zusammen mit anderen Wissenschaftlern und Künstlern das voran, was wir heute als Renaissance kennen. Es waren diese Errungenschaften, welche alle europäischen Grossmächte für sich haben wollten und die für alle greifbar schienen, da Mailand damals mit den Sforzas – als Herrscher ohne adelige Herkunft – einen schwachen Stand hatte.

Die Folge dieser Schwäche war ein jahrelanger «Poker um Mailand», an dem sich auch die Eidgenossen beteiligten: In der Ausstellung sieht man auf einem kolorierten Flugblatt einen Eidgenossen am Tisch der europäischen Grossmächte, wobei der Schweizer – für uns gut sichtbar – die besten Karten in den Händen hält. Das war kein Wunschdenken. Im Gegenteil: Seit den Burgunderkriegen von 1474 bis 1477 waren die Eidgenossen zu einem wichtigen Faktor im europäischen Gerangel geworden, das mit den Mailänderkriegen ab 1494 einen neuen Schauplatz erhielt.

Brutal und beutegierig

Begründet wird die Macht der Eidgenossen mit ihrer Kampfkraft. Genauer gesagt: mit ihrer Brutalität, Zerstörungswut und Beutegier, die sie im Dienst fremder Mächte und als Söldner auf ­eigene Rechnung auslebten. Das muss man wissen, wenn man im Landesmuseum vor der putzigen Puppe im filzigen Tenü steht, die uns die Söldnermode von damals präsentiert. Die Ärmlichkeit der Kleider täuscht darüber hinweg, dass das Söldnertum für einige Eidgenossen ein Bombengeschäft war und dem Selbstbewusstsein des «corpus helveticum» einen kräftigen Schub gab, wobei dieser bis in die Gegenwart nachwirkt. Denn noch heute kann man mit dem Bauer den König stechen. Zumindest mit den Schweizer Jasskarten, mit denen während der Soldfeldzüge der Bauer zum «Trumpf» erhoben wurde.

Die Eidgenossen stachen und stachen. Jahrelang. Erst als Söldner, dann als Grossmacht, die selbst vom Papst ihre Anerkennung erhielt, wofür in der Ausstellung ein geweihtes Schwert steht. Schliesslich – auf dem Höhepunkt ihrer Macht – konnten die Eidgenossen ihren Schützling Massimiliano Sforza als Herzog von Mailand einsetzen. Zudem durften die Schweizer Lugano und Locarno sowie das Val d’Ossola, das Veltlin, Bormio und Chiavenna für sich in Anspruch nehmen. Das war 1512 nach dem Feldzug nach Pavia, mit dem die Eidgenossen die Franzosen aus Mailand vertrieben.

Drei Jahre nach diesem sensationellen Erfolg waren die Grossmachtträume schon wieder dahin. Und dies, obwohl die Eidgenossen beim Feldzug nach Pavia mit Ulrich von Hohensax erstmals eine Art General eingesetzt hatten, der mit seinem opulenten Kopfschmuck auch optisch einen Anspruch auf Grösse im europäischen Machtgefüge erhob. Es nützte nichts. Die «Schlacht der Giganten», wie Marignano von einem italienischen Feldherren getauft wurde, war für die Eidgenossen ein Fiasko: Der «Schlachthaufen», der sie berühmt und erfolgreich gemacht hatte, war nicht mehr zeitgemäss und unterlag der Artillerie der Franzosen und Venezianer. In der Ausstellung wird dies mit einer Art Comictheater illustriert: Hinter animierten Zeichnungen lauern die angriffsbereiten Spiesse und Kanonen der Rivalen. Stärkeren Eindruck als diese Veranschaulichung machen zeitgenössische Zeichnungen von Urs Graf, der selbst ein Söldner war: Auf einer seiner Skizzen sieht man Eidgenossen und Tierkadaver, deren muskulöse Körper von klaffenden Wunden aufgerissen sind.

Kluge Zurückhaltung

Für die Eidgenossen war die Schlacht von Marignano ein militärischer Verlust, für den sie einen hohen Blutzoll zu zahlen hatten. Zugleich war die Niederlage in Italien aber auch ein grosser Gewinn: Mit dem «Ewigen Frieden» von 1516 schlossen die Eidgenossen eine wichtige Allianz mit Frankreich, die ihnen nicht nur hohe Reparationszahlungen für den Feldzug in den Süden garantierte. Vielmehr ermöglichte ihnen der «Ewige Friede» das wichtige Soldbündnis von 1521, das Franz I. den Zugriff auf ein Heer von bis zu 16 000 Soldaten erlaubte – und das für die Eidgenossen erneut zu einem einträglichen Geschäft wurde.

Wie aber hält es die Ausstellung mit der Schweizer Gretchenfrage, also der Frage nach dem Ursprung der schweizerischen Neutralität? In dieser Hinsicht hält sich die von Erika Hebeisen kuratierte Schau klug zurück: Zwar stellt sie alle Etappen der Schweizer Neutralitätsgeschichte seit 1515 dar, verzichtet aber auf eine Gewichtung oder eine Entwicklungsgeschichte. Man kann also Marignano als Ursprungsereignis feiern oder dieses gegenüber der «gewährten Neutralität» des Wiener Kongresses von 1815 gewichten. Oder man kann sich dem Jahr 1889 zuwenden, als Bismarck die Überwachung der aus Deutschland geflohenen Sozialisten forderte, was beträchtliche Energien im Kampf um die Schweizer Neutralität freisetzte.

Diese letzte Station ist denn auch der Grund, warum die Ausstellung mehr überzeugt als die offen ausgetragenen Dauerfehden um die Deutungshoheit in Sachen Schweizer Geschichte: Sie setzt auf mündige Besucher, die sich selbst ein Bild machen wollen – und die nicht mit einer «abschliessenden» Wahrheit ausgestochen werden wollen.

Die Ausstellung wird morgen eröffnet und dauert bis 28. 6. 2015.

Erstellt: 25.03.2015, 19:47 Uhr

Bauer sticht König: Die Jasskarten dokumentieren das Überlegenheitsgefühl der Schweizer. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Mehr Marignano: Publikationen und Diskussionen

Ergänzend zur Ausstellung «1515 Marignano» im Zürcher Landesmuseum erscheint eine reich illustrierte Broschüre im Grossformat, die wichtige Exponenten der Schlacht von Marignano und der schweizerischen Neutra­litätsgeschichte seit damals porträtiert. Darunter der eidgenössische «General» Ulrich von Hohensax. Ebenfalls als zusätz­liche Informationsveranstaltung angelegt ist eine Ringvorlesung und Diskussionsreihe an der Universität Zürich, die unterschiedliche Aspekte der Kriegsgeschichte kontrovers beleuchten will. Ausserdem erschien kürzlich im Verlag Merker im Effingerhof ein umfangreicher Sammelband der Fondazione Pro Marignano, die sich seit fünfzig Jahren um das Gedenken an die Schlacht in Norditalien bemüht. (atob)

Vollständiges Programm unter: www.marignano.landesmuseum.ch

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