Das Greta-Paradox

Will der Mensch sich und seine Umwelt retten, muss er die Natur manchmal künstlicher machen.

Umweltaktivistin Greta Thunberg am 18. September 2019 in Washington.

Umweltaktivistin Greta Thunberg am 18. September 2019 in Washington. Bild: Reuters

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Einst war die Natur dem Menschen ein Säbelzahntiger. Man konnte froh sein, heil davonzukommen. In der Moderne verwandelten wir sie in eine Wollmilchsau, die wir gnadenlos ausnahmen. Heute sitzen wir auf einem kranken Maulesel, und fast alle wissen, dass es so nicht weitergeht. «Absteigen, aber subito», ruft die Klimajugend um Greta Thunberg.

Doch egal, wie sehr wir verzichten: Ein Zurück in eine heile Welt wird es nicht geben. Dafür ist es zu spät. Nur wenn der Mensch weiterhin raffiniert in die Natur eingreift, kann er sich und seine Umwelt retten.

Ein aktuelles Beispiel: Korallen. Steigt die Erderwärmung um 2 Grad, dürften 99 Prozent von ihnen absterben. Beim Anstieg um 1,5 Grad, der sich kaum mehr vermeiden lässt, sterben 70 Prozent – mindestens. Korallenforscher setzen deshalb auf künstliche Korallen, die höhere Temperaturen aushalten. Tom Goreau, Leiter Global Coral Reef Alliance, baute bereits Hunderte künstliche, schwach mit Strom betriebenen Algengärten. Sie seien «eine Art Arche» für die Tiere, sagt Goreau.

Ein anderes Beispiel ist der Zoo. Er hat nicht mehr dieselbe Funktion wie vor hundert Jahren, als er allein der Ort war, wo drollige oder exotische Tiere vorgeführt wurden – heute ist er auch ein letztes Refugium. Tiere wie die Säbelantilope oder der europäische Bison überlebten nur hier. Die Weiterexistenz anderer Tiere hängt von den Fähigkeiten von Labor-Wissenschaftlern ab: 2018 starb das letzte Männchen der nördlichen Breitmaulnashörner, mit konserviertem Sperma wollen Forscher die beiden verbliebenen Weibchen befurchten.

Entfremdung ist unvermeidbar

Die Rettung der Natur durch forcierte Künstlichkeit zeigt sich auch auf unseren Tellern. Grosse Unternehmen liefern sich einen Wettbewerb darum, mit vegetarischen Ersatzprodukten beliebte Fisch- und Fleischgerichte zu imitieren. Das künstliche Fleisch, bei dem im Brutkasten tierische Zellen zum saftigen Bissen zusammenwachsen, ist mittlerweile marktfähig. Wechseln Fleischesser zu solchen Produkten, wäre ein grosses Klimaproblem gelöst.

Schriftsteller Eckhart Nickel gab in seinem Roman «Hysteria» letztes Jahr eine Ahnung vom Leben in einer Welt, in der die Nahrung aus Umweltschutzgründen komplett artifiziell geworden ist. Der feinfühlige Protagonist besucht einen Markt, schaut sich die Früchte etwas genauer an und merkt: «Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.» Die Himbeeren sind künstlich – eine unangenehme Entdeckung.

Eingriffe werden nötig

Auch wir werden, wohl oder übel, um solche Entfremdungserfahrungen nicht herumkommen. Viel hängt in der künftigen Klimapolitik davon ab, ob Aktivistin Greta Thunberg, die grüne Jugend und ihre politischen Unterstützer sich deswegen allzu sehr auf ein «Retour à la Nature» fixieren, eine idyllische Vorstellung einer «Mutter Natur», die man am besten in Ruhe lasse.

Denn künftig dürften noch heftigere Eingriffe nötig werden. Es ist möglich, dass wir massiv investieren müssen in Ventilatoren, die die Atmosphäre nach unseren Wünschen regulieren. Dass wir Insekten genmanipulieren müssen, damit sie robust genug werden, um ihre Funktion für unser Überleben weiterhin erfüllen zu können. Vielleicht müssen wir sogar Bäume in ihrem Wachstum beschleunigen oder Fische mit Medikamenten füttern, damit sie den Temperaturschock überleben. Das ist das Greta-Paradox: Wer von der Welt noch was haben will, muss ihre Verkünstlichung vorantreiben.

Erstellt: 26.09.2019, 11:15 Uhr

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