Das Millionengeschäft mit einem Kinderheft

«Junior» wird Senior: Das Schweizer Gratisheftchen in Millionenauflage wird diesen Monat 60 Jahre alt. Ein internationales Geschäft der Zürcher Familie Hug, das mit beeindruckenden Zahlen aufwartet.

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In der ersten Ausgabe nahm «Junior» die junge Leserschaft gleich mit auf grosse Reise: «Mit Kolumbus nach Amerika» hiess die Titelgeschichte von November 1951. «Kolumbus hatte sich immer leidenschaftlich für fremde Länder interessiert!», beginnt der Artikel und setzt Jahre vor dem ersten «Blick» konsequent auf die boulevardesken Ausrufezeichen.

Reich bebildert mit teilweise farbigen Zeichnungen wird den Kindern auf fünf Seiten die dramatische Geschichte von der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im 15. Jahrhundert erzählt. «Endlich eine Insel, grün und herrlich! Sie haben die Neue Welt entdeckt!»

Bildung, Erziehung und Moral

«Wissen und Abenteuer für die Jugend» nannte sich das 32-seitige «Junior» im Untertitel. Der heute 91-jährige Zürcher Johann Rudolf Hug wollte mit seiner Lancierung dieser handlichen Kinderzeitschrift Bildung, Erziehung und Moral beim Nachwuchs fördern. Er verkaufte Abonnements an Apotheken, Drogerien und den Detailhandel. Die Geschäfte konnten den «Junior» anschliessend als Geschenk an die Kinder der Kundschaft weitergeben – mit Gratiswerbung auf der Rückseite: eine Winwin-Situation.

Das Projekt hatte einen durchschlagenden Erfolg: Die Zeitschrift expandierte nach Deutschland, Österreich und sogar in die Niederlande. Da das Heft auch in der Westschweiz vertrieben wird, kommt «Junior» in drei Sprachen in einer Gesamtauflage von 1,1 Millionen heraus. Gesamthaft wird es von 14'000 Kunden vertrieben. Allein in der Schweiz sind es 2500 Kunden, die «Junior» in ihren Geschäften auflegen.

Über mehrere Generationen sind bis heute Millionen von Kindern zwischen vier und elf Jahren beglückt aus den Läden getreten – an der einen Hand die Mutter, in der anderen das «Junior» mit dem lustigen Knabenkopf im O. War dort als Logo zunächst ein lustiges Knopfgesicht zu sehen, ist es heute ein Comic-hafter Rotschopf.

Die Leserschaft wählt Titelseite

Wie das Logo hat sich auch die Auftaktseite über die Jahre verändert. «Da sich die jüngeren Kinder an den älteren orientieren, dürfen Titelbilder nicht zu ‹bubig› wirken», sagt Julia Hug (30), die seit 2010 zusammen mit ihrem Mann das Familienunternehmen in dritter Generation führt. Damit die Redaktion im zürcherischen Kilchberg den Geschmack der Leserschaft auch wirklich trifft, darf sie auf der Website www.junior.ch zwischen drei Titelseiten abstimmen – zurzeit für die Februar-Ausgabe.

Der Hug-Verlag überlässt auch sonst nichts dem Zufall: Monat für Monat bietet er in Deutschland, Österreich und in der Schweiz je 40 Kinder auf, die die aktuelle Nummer Seite für Seite mit einem Kleber für gut, mittel oder schlecht bewerten. «So können wir herausfinden, wie die einzelnen Seiten bei Knaben und Mädchen in den verschiedenen Altersgruppen abschneiden», sagt Julia Hug. Wenn eine Seite bei allen durchfällt, lässt man sie in Zukunft weg.

Bei aller Veränderung ist über die Jahre auch etwas konstant geblieben: Für jedes «Junior» schreibt die vierköpfige Redaktion Storys für Comics, eine Wissens- und eine Tiergeschichte. «Bei den Knaben kommen Adler gut an, Mädchen mögen Pferde», sagt Julia Hug. Wenn also eine Rössligeschichte im Blatt ist, dann muss die Redaktion etwa mit einer Fussballstory für Ausgewogenheit sorgen – damit sich alle Kinder auf den nächsten Einkauf mit den Eltern beim «Junior»-Geschäft freuen.

Erstellt: 04.11.2011, 11:06 Uhr

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