Interview

«Das Verhalten deutet auf eine Depression hin»

Psychiatrie-Professor Jiri Modestin über den Zusammenhang zwischen Schlaflosigkeit, Burn-out und Depression.

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Carsten Schloter litt offenbar unter massiven Schlafstörungen. Sind Schlafstörungen typisch für das Burn-out-Syndrom?
Die Hauptsymptome eines Burn-outs sind Verdruss und Erschöpfung, Ungeduld im Umgang mit Mitmenschen und das Gefühl, die erwünschte Leistung nicht mehr zu erbringen. All dies bereitet Sorgen, und die Sorgen stören den Schlaf.

Schlaflosigkeit ist eine Volkskrankheit. Ist, wer Schlafstörungen hat, Burn-out-gefährdet?
Es ist ein Teufelskreis: Länger dauernde Schlaflosigkeit führt zur Erschöpfung, und die Gefahr, an einem Burn-out oder einer Depression zu erkranken, nimmt infolgedessen zu.

Welche Menschen sind besonders gefährdet?
Das Burn-out-Syndrom wurde erstmals bei Angehörigen von sogenannten helfenden Berufen beobachtet. Leute im Gesundheitswesen, zum Beispiel in der Psychiatrie oder auf der Intensivstation. Diese leisten ausserordentlich viel, aber ihre Patienten sind häufig nicht in der Lage, sich dafür zu bedanken. Später wurde der Begriff des Burn-outs allgemein auf berufsbezogene Erschöpfung bezogen. Darunter fallen natürlich auch die Manager.

Ist ein Burn-out eine Krankheit?
Nicht als offizielle Diagnose. Klinisch äussert sich das Burn-out oft zunächst als neurasthenisches Syndrom: also als eine reizbare Schwäche. Bei der Intensivierung der Beschwerden sind wir dann mit einer Depression konfrontiert.

Carsten Schloter liess sich nicht helfen – wieso?
Dieses Verhalten könnte auf eine Depression hindeuten. Der schwer depressive Patient schränkt jene Aktivitäten ein, die eigentlich hilfreich wären. Er reduziert zum Beispiel soziale Kontakte, geht seinem Hobby nicht mehr nach, schliesst sich möglicherweise zu Hause ein. Er meint häufig, und insbesondere im Fall eines Managers, er müsse sich auf sich selbst verlassen. Auch verbinden viele Menschen die Hilfesuche immer noch mit dem Gefühl einer persönlichen Schwäche.

Wer mit wenig Schlaf auskommt, denkt, er sei stark.
Aus psychiatrischer Sicht stimmt es sicher nicht: Auf lange Sicht ist ein Schlafmangel gefährlich.

Zumal die Leistung zwangsläufig abnimmt.
Ja, und bei gewissenhaften Menschen folgen darauf Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, weitere typische Zeichen einer Depression.

Kann Schlafmangel auch ein Rauschgefühl auslösen?
Das könnte ausnahmsweise kurzfristig der Fall sein. Eine durchwachte Nacht kann bei Depression eine vorübergehende Stimmungsaufhellung herbeiführen, was auch therapeutisch benutzt wird.

Wie lautet die Therapie bei Schlaflosigkeit?
Schlaflosigkeit ist meistens ein Symptom unter vielen. Man klärt also zuerst ab, an was der Patient leidet. Dann muss man das Grundleiden behandeln, die Depression zum Beispiel. Wobei die Therapie immer auf mehreren Säulen beruht: Psychotherapie, Pharmakotherapie und Soziotherapie im Sinne eines Eingriffs in die Lebensgestaltung.

Wann kommen Medikamente zum Einsatz?
Sicher bei schweren Depressionen. Bei leichten oder auch mittelschweren Depressionen – insbesondere auch, wenn der Patient eine ambivalente Einstellung gegenüber Antidepressiva hat – kann man abwarten und es mit einer Psychotherapie versuchen. Wenn diese allein zu keinem hinreichenden Erfolg führt, sind auch dort Medikamente indiziert.

Viele Patienten haben Angst vor einer Abhängigkeit. Zu Recht?
Bei Antidepressiva droht keine Abhängigkeit. Auch bei Schlafmitteln wie Benzodiazepinen ist eine echte Sucht sehr selten. Hier besteht – und vor allem bei einem länger dauernden Einsatz – die Gefahr einer «low dose dependence»: Man steigert die Dosis zwar nicht, aber es ist schwierig, auf das Medikament zu verzichten.

Erstellt: 19.08.2013, 14:13 Uhr

Professor Jiri Modestin, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ist stellvertretender Chefarzt beim Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich.

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