Interview

«Denken ist kein Luxus»

Wie gross ist das Interesse an philosophischen Fragen? Kann Philosophie für alle da sein? Im Gespräch mit Philosophie.ch-Präsidentin Anja Leser blicken wir zurück auf die Serie von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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Anja Leser, kann man mit Philosophie eine breite Öffentlichkeit erreichen?
Das ist eine gute Frage. Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen eine grosse Neugierde gegenüber philosophischen Fragen haben – was das grosse Interesse an unserer Serie «Die grossen Fragen» gezeigt hat. Zugleich gibt es oft Berührungsängste gegenüber der Philosophie. Dem versuchen wir entgegenzuwirken und zu zeigen, dass man philosophisches Denken lernen kann.

Wie weit kann und soll sich die Philosophie denn für alle öffnen?
Philosophinnen und Philosophen sollten andere Leute wissen lassen, dass sie mitdenken am Weltgeschehen, an der Gesetzgebung oder am wissenschaftlichen Fortschritt. Es gibt sicher Bereiche der Philosophie, die nicht leicht zugänglich sind und einiges an Vorarbeit voraussetzen. Es gibt aber auch Leute, die sagen: Richtig gute Philosophie ist für alle verständlich.

Und, stimmt das?
Ich denke, das hat mit der Bereitschaft des Einzelnen zu tun. Gewisse philosophische Fragen kann man sich nicht einfach während einer halben Stunde Lektüre im Liegestuhl erschliessen. Je nachdem, wie intensiv sich jemand mit einem Thema auseinandersetzen möchte, wird ihm erst die philosophische Fachliteratur die Differenziertheit geben, die er oder sie sucht.

Gewisse Themen wie die Fragen nach Fleischkonsum oder nach der Existenz Gottes sind auf mehr Interesse gestossen als andere – was kann die Philosophie hier leisten?
Philosophie kann mit Argumentationshilfen und mit einer differenzierten Perspektive dienen. Wenn man sich zum Beispiel die Debatten in der Umwelt- oder Migrationsethik anschaut, dann kommen dort Aspekte vor, die auch für Politiker sehr interessant sind. Da gibt es viele Perspektiven, auf die man nicht so schnell kommt. Andererseits ist Philosophie ein Werkzeug, eine Denkschule. Man lernt, sachlich zu bleiben, und sagt nicht einfach, ich glaube jetzt an das, sondern man versucht, es sachlich zu begründen.

Wie schwierig ist es, philosophische Themen herunterzubrechen und verständlich zu machen?
Nun, hier muss man wohl Mut zur Lücke haben. Aber jeder Artikel, der sich mit einem etwas komplexeren Thema beschäftigt, nicht nur in der Philosophie, kann nie alles im Detail darstellen. Dass Abstriche gemacht werden und nicht alles eins zu eins dargestellt wird, ist grundsätzlich kein Hindernis, die Inhalte der Philosophie weiterzugeben. Klar wäre ein grösserer Kontext interessant, aber der ist durch das Format schwer zu erreichen.

War die Serie «Die grossen Fragen» eine gute Möglichkeit, philosophische Inhalte zu vermitteln?
Ja und nein: Gewisse Argumentationen und Stossrichtungen der Debatten kann man aufzeigen und dadurch einen Einblick in das Geschäft der Philosophinnen und Philosophen ermöglichen. Aber eine differenzierte analytische Auseinandersetzung mit den vorgeschlagenen Fragen ist auf derart kleinem Raum nicht wirklich möglich.

Was haben Sie für Philosophie.ch daraus gelernt?
Für uns hat es gleich mehreres gezeigt: Das Netzwerk mit der Professorenschaft und den anderen Mitarbeiterinnen der philosophischen Institute funktioniert sehr gut. Der Wille seitens der philosophischen Institute mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten, ist merklich vorhanden. Angesichts des zahlenmässig grösseren Interesses an der Webplattform Philosophie.ch und den für die breite Öffentlichkeit massgeschneiderten Themendossiers scheint die Serie ein Fall von gelungener Wissenschaftskommunikation zu sein.

Wie fanden Sie die Leserkommentare?
Äusserst erfreut hat mich, dass richtig diskutiert wurde: Teilweise entstand so etwas wie eine argumentative Auseinandersetzung zwischen der Leserschaft. Auf der anderen Seite hat man immer wieder gelesen, dass die Philosophie oftmals als lebensfremd wahrgenommen wird – sogar dann, wenn sie sich mit existentiellen Fragen wie in dieser Reihe befasst. Diese Kritik nehmen wir ernst, und bemühen uns weiterhin zum selbstständigen Denken zu verführen.

Wie ist Philosophie Ihrer Meinung nach sonst in den Medien vertreten?
So wie ich das mitverfolge, hat die Philosophie zum Glück einen festen Platz in Feuilletons. Die «Sternstunde Philosophie» auf SRF erfreut sich grosser Beliebtheit. Interessant ist, dass die wissenschaftliche Philosophie kaum im Bereich Wissen angesiedelt wird, sondern immer im Kulturbereich – als wären wissenschaftliche Fragen den Naturwissenschaften vorbehalten.

Was wollen Sie mit Philosophie.ch erreichen?
Philosophie.ch soll als Portal für alle an Philosophie interessierten Personen dienen. Ob es um Weiterbildung oder Studium, philosophische Veranstaltungen, nützliche Links oder Literatur für Einsteigerinnen geht – auf Philosophie.ch findet man fast alles zur Philosophie in der Schweiz. Unser Ziel ist es, der Öffentlichkeit näherzubringen, dass Denken kein Luxus ist und dass man mit der Philosophie sein Denkwerkzeug schärfen und im Alltag davon profitieren kann.

Was sind Ihre nächsten Schritte?
Bis im September erscheint monatlich ein philosophisches Themendossier, welches sich mit gesellschaftlich relevanten Fragen auseinandersetzt: Zur Zeit stellen diese Dossiers den Kern der Bereich Wissenschaftskommunikation dar. Zukünftig planen wir – insofern wir die entsprechende finanzielle Unterstützung finden – einerseits mit leichteren Happen wie Videos und eventuell einem Cartoonbuch, Begeisterung für die Philosophie zu wecken. Auf der anderen Seite bieten wir kleine Veranstaltungen an, die ganz im Zeichen der lebensnahen Philosophie für alle stehen.

Zum Schluss noch etwas Persönliches: Was ist für Sie die wichtigste philosophische Frage?
Ich persönlich interessiere mich für die Frage, wie Bewusstsein möglich ist. Dabei wird beispielsweise untersucht, welche Kriterien es für geistige Phänomene gibt, und was wir unter Bewusstsein verstehen. Oder auch, ob wir unsere Vorstellung davon, was Materie und was das Geistige ist, überarbeiten sollten.

Erstellt: 27.03.2013, 14:17 Uhr

Anja Leser ist Präsidentin von Philosophie.ch. Sie macht momentan ihren Master in Philosophie an der Universität Freiburg.

Serie

Orientierungswissen scheint gefragt. Das beweisen nur schon die populärphilosophischen Bestseller eines Richard David Precht. Auch der Zeitschriftenmarkt hat sich kürzlich um zwei Philosophie-Magazine erweitert. Und neu stellt das Portal Philosophie.ch den Kontakt zwischen Professoren und Normalbürgern her. Tagesanzeiger.ch/Newsnet macht die Probe aufs Exempel und richtet in einer zweiwöchigen Serie die ganz grossen Fragen an Experten, die von Philosophie.ch ausgesucht wurden. (lsch)

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