Der Abschied eines Heimatlosen

Der grosse albanische Schauspieler Bekim Fehmiu hat sich das Leben genommen.

Bekim Fehmiu als Odysseus in der Fernsehserie «Die Odyssee».

Bekim Fehmiu als Odysseus in der Fernsehserie «Die Odyssee».

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Er hatte kaum seine Karriere begonnen, und schon galt er als Belmondo des Balkans, als das grösste schauspielerische Talent des jugoslawischen Vielvölkerstaates. Diese Zeit liegt weit zurück. Der internationale Durchbruch gelang dem Schauspieler Bekim Fehmiu vor mehr als 40 Jahren. Beim Filmfestival in Cannes 1967 gewann die jugoslawische Produktion «Ich traf sogar glückliche Zigeuner» den Grossen Preis der Jury, danach folgte eine Nominierung für den Oscar. In diesem Streifen spielt Fehmiu die Hauptrolle. Der Belgrader Regisseur Aleksandar Petrovic porträtiert darin den Alltag und die Tragödien der Roma-Minderheit in der nordserbischen Provinz Vojvodina.

Der Film schildert anhand der dramatischen Lovestory zwischen Bora (Bekim Fehmiu) und Tisa (Gordana Jovanovic) das Schicksal dieser vernachlässigten und wandernden Randgruppe, deren Angehörige mit Gänsefedern handeln, um zu überleben. Auf Serbokroatisch heisst der Film deshalb «Die Federnsammler».

Nationalisten heftig kritisiert

In den 70er-Jahren wirkte Bekim Fehmiu in mehreren Produktionen als Darsteller mit – zusammen mit Filmstars wie Claudia Cardinale, Ava Gardner und Irene Papas. In der italienisch-deutsch-jugoslawischen Fernsehserie «Die Odyssee» spielte Fehmiu den Krieger Odysseus, in der Rolle der Penelope glänzte Irene Papas.

In den letzten Jahren zeigte sich der Schauspieler kaum in der Öffentlichkeit. Am Dienstag wurde er in seiner Wohnung in Belgrad tot aufgefunden. Neben ihm lag eine Pistole. Die Nachricht, dass der 74 Jahre alte Bekim Fehmiu Selbstmord begangen hatte, löste in der Kulturszene des früheren Jugoslawien einen Schock aus. In den Medien wird seine schauspielerische Leistung und seine Kritik an den nationalistischen Politikern auf dem Balkan hervorgehoben, die er nur «apokalyptische Reiter» nannte. Der blutige Zerfall Jugoslawiens, die Zerstörung von Dubrovnik durch die serbisch dominierte Armee, das Massaker in Srebrenica, die Kriegsverbrechen in Kosovo bedeuteten eine Zäsur in seinem Leben. «Seit Jahrhunderten leben wir zusammen, aber wir sehen nur das Böse bei unseren Nachbarn», sagte Fehmiu. Solchen Mahnungen schenkte man in Belgrad unter dem Regime von Slobodan Milosevic kein Gehör.

Ein kultureller Brückenbauer

Bekim Fehmiu stammte aus einer albanischen Familie aus Gjakova im Westen des Kosovo. Er wurde 1936 in Sarajevo geboren, wuchs im albanischen Shkodra und im kosovarischen Prizren auf und studierte an der Belgrader Filmakademie. Ende der 80er-Jahre zog er sich aus dem öffentlichen und kulturellen Leben in Jugoslawien zurück. Er tat dies aus Protest gegen die antialbanische Propaganda des Regimes von Slobodan Milosevic. 2001 erschienen in Belgrad seine Erinnerungen unter dem vielsagenden Titel: «Glänzend und schrecklich». Als Kosovo-Albaner fühlte er sich in Belgrad nicht mehr willkommen.

Den Sommer verbrachte er oft in Pristina, wo manche nationalistische Wirrköpfe kein Verständnis dafür hatten, dass der grosse Schauspieler in Belgrad mit seiner serbischen Ehefrau lebte. Der bekannte Regisseur Goran Markovic erklärte, mit dem Tod von Bekim Fehmiu sei eine wichtige kulturelle Brücke zwischen Serben und Albanern niedergerissen worden. Der Balkan nimmt Abschied von einem grossen Schauspieler, der heimatlos geworden war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2010, 20:18 Uhr

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