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Der Besuch des jungen Playboys

1976 liessen sich Gunter und Ernst Wilhelm Sachs im bündnerischen Surcuolm einbürgern. Was zog die Jetsetter in das ärmliche Bergbauerndorf in der Nähe von Ilanz?

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Surcuolm ist rätoromanisch und heisst «über dem Berg». Über alle Berge nach Surcuolm in der bündnerischen Surselva flüchteten 1976 die berühmten deutschen Millionäre Ernst Wilhelm und Gunter Sachs. Die beiden Brüder verkauften in dieser Zeit ihre Anteile am Sachs-Konzern und wollten sich in Surcuolm einbürgern lassen und damit der deutschen Erbschaftssteuer entgehen.

Sie hatten ein Feriendomizil in Valbella und waren auch in Gstaad oder St. Moritz gern und oft gesehene Gäste – aber Surcuolm? Was zog die Jetsetter in das ärmliche Bergbauerndorf in der Nähe von Ilanz? Weshalb kam gerade Surcuolm zum Handkuss und sollte mit jährlich 300'000 Franken Steuern durch Ernst Wilhelm Sachs beglückt werden – mehr als der zehnfache Betrag, den das 87-Seelendorf bis dahin selber zusammengebracht hatte.

«Kapitale des Sachsenlandes»

Bereits 1969 hatte die Gemeinde beschlossen, vermehrt in den Tourismus zu investieren und baute in der Folge einen Skilift. Weitere Bahnen folgten. Der damalige Vizepräsident der Bergbahnen, der Bündner Merens Cahannes, war mit den Gebrüder Sachs persönlich befreundet und ihr persönlicher juristischer Berater. Als sich das Einbürgerungsgesuch der beiden Deutschen in Valbella nicht wunschgemäss schnell abwickeln liess, wurde Cahannes im Gemeindehaus von Surcuolm vorstellig.

Die Bergler zeigten sich willig: Gegen ein offizielles Einstandsgeld von je 6000 Franken und die Umsiedlung von Ernst Wilhelm Sachs von Valbella nach Surcuolm bekamen die Sachs-Brüder den Schweizer Pass. Der Deal löste ein grosses mediales Echo aus: Plötzlich war die kleine Bündner Gemeinde weltweit bekannt und wurde da und dort als «Kapitale des Sachsenlandes» oder gar als «Sachsenhausen» verhöhnt.

«Das war alles purer Neid», erinnert sich Hiazint Brunold, der heutige Gemeindeschreiber von Mundaun, wie Surcuolm seit 2009 nach der Fusion mit Flond heisst. Auch wenn er erst seit 30 Jahren in der Gemeinde arbeitet, weiss er viel aus Erzählungen der Zeitzeugen, von denen heute die meisten tot sind. So weiss Brunold auch, dass die wenigen Stimmen im Dorf, die gegen die Einbürgerung waren, von Auswärtigen kamen. «In Surcuolm war man sehr stolz, solche Bürger zu haben», sagt Brunold.

Protestantisches Geld für katholische Kirche

Doch das Glück währte nicht lange: Kurz nach der Einbürgerungsfeier in der neuen Turnhalle mit Alphornklängen und Ländlertänzen kam Ernst Wilhelm Sachs im April 1977 bei einem Lawinenunglück in der Nähe von Val d’Isère ums Leben. Der Traum vom grossen Geld war damit auch beerdigt, denn nur Ernst Wilhelm hatte in Surcuolm eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung gemietet und war dadurch steuerpflichtig. Ob die 300'000 Franken jährliche Steuern je einmal bezahlt wurden, weiss Brunold nicht. Gewiss ist allerdings, dass die protestantischen Sachs-Brüder 100'000 Franken an die Renovation der katholischen Dorf-Kirche bezahlt hatten.

«Wir haben mehr vom Image durch die Gebrüder Sachs als durch ihr Geld profitiert», sagt Gemeindeschreiber Brunold. Durch ein kantonales Steuergesetz ging auch noch die Erbschaftsteuer flöten. Das sei zwar gemein, aber auch nicht so schlimm. Viel wichtiger sei der langfristige Effekt auf den Wohnungsbau. «Sehr viele Deutsche haben hier ein Feriendomizil, weil die Sachs-Brüder Bürger von Surcuolm waren», sagt Brunold. «Noch heute wollen Leute wissen, wo Ernst Wilhelm Sachs gelebt hat.»

Nach dem Tod von Ernst Wilhelm wurde kein Sachs-Nachkomme in Surcuolm gesichtet. Auch Gunter Sachs liess sich nach der Einbürgerungsfeier nie mehr blicken. Entsprechend zurückhaltend ist die Gemeinde auch im Vermarkten der berühmtesten Bürger. «So sind wir Bergler eben», sagt Brunold. Auch wenn ihn selber die Todesnachricht von Gunter Sachs schockiert hat, so wird Surcuolm nichts zu Ehren des Verstorbenen unternehmen. Auch an Ernst Wilhelm Sachs erinnert nichts mehr im Dorf. Nur eines ist gewiss: Dank des Images der Sachs-Brüder ist Surcuolm über dem Berg.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2011, 09:26 Uhr

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