Der Bund beschenkt pensionierte Künstler

Punkto Altersvorsorge stehen Schweizer Künstler schlecht da, viele können sich den Ruhestand nur dank Sozialhilfe leisten. Der Bund will sie darum ab 2013 jährlich mit einer Million Franken unterstützen.

Viele Künstler können den Ruhestand nicht geniessen: Zwei Senioren an der Uferpromenade in Rapperswil. (Archivbild)

Viele Künstler können den Ruhestand nicht geniessen: Zwei Senioren an der Uferpromenade in Rapperswil. (Archivbild) Bild: Keystone

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Der Bund verbessert die Altersvorsorge von Künstlerinnen und Künstlern – ab 2013 gibt er dafür pro Jahr rund eine Million Franken aus. Das Geschenk ist allerdings nicht ganz uneigennützig.

«Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung – und das Resultat eines über 20-jährigen Kampfs», sagte Hans Läubli zur Nachrichtenagentur sda. Läubli ist Geschäftsführer von Suisseculture, dem Dachverband der Organisationen der professionellen Kultur- und Medienschaffenden der Schweiz sowie der schweizerischen Urheberrechtsgesellschaften.

In Bezug auf die Sozialvorsorge stehen Kulturschaffende in der Schweiz deutlich schlechter da als Angestellte mit einem regelmässigen Einkommen. Im Ruhestand sind dann laut Hans Läubli zahlreiche Künstler von Ergänzungsleistungen oder von der Sozialhilfe abhängig – obwohl sie auf ein jahrelanges Erwerbsleben zurückblicken.

Gegen den Willen des Bundesrates

Der Bundesrat hat die Änderung des Kulturförderungsgesetzes auf den 1. Januar 2013 in Kraft gesetzt. Gegen den Willen von Bundesrat und Bundesamt für Kultur (BAK) zwingt das Gesetz den Bund, sich an der Altersvorsorge für Künstler zu beteiligen.

Ab dem kommenden Jahr liefern das BAK und die Kulturstiftung Pro Helvetia jeweils 12 Prozent der Finanzhilfen an die Pensionskassen oder an die Säule 3a der Kulturschaffenden ab. Damit sind die Beiträge Teil der Unterstützung, die der Bund den Kulturschaffenden gewährt. Mehrkosten entstehen dem Bund keine, wie Daniel Zimmermann vom BAK gegenüber der sda betont.

Insgesamt handelt es sich um rund eine Million Franken, die pro Jahr in die Altersvorsorge fliessen werden. Davon profitieren dürften mehrere hundert Künstlerinnen und Künstler – sowohl Schweizer als auch in der Schweiz etablierte Ausländer.

Altersvorsorge statt Sozialhilfe

Mit dieser Regelung macht der Staat eine Geste. Die Kulturschaffenden bezahlen lediglich die Hälfte des Beitrags, den Rest übernimmt der Staat. Daniel Zimmermann erläutert den Mechanismus am Beispiel eines Künstlers, der vom Bundesamt für Kultur mit 10'000 Franken unterstützt wird.

In diesem Fall zieht der Bund dem Künstler 6 Prozent – 600 Franken – für die Vorsorge ab und überweist ihm die restlichen 9400 Franken. Der Bund bezahlt weitere 6 Prozent aus, und so fliessen insgesamt 1200 Franken in die Pensionskasse oder in die Säule 3a des Künstlers.

Der Bundesbeitrag ist nicht ganz uneigennützig. Denn mit dem Zwang zum Alterssparen will der Bund die Sozialhilfe entlasten. So muss denn auch jeder Künstler innert zwei Monaten angeben, wohin das Geld überwiesen werden soll – ansonsten wird die gesamte Unterstützung gestrichen.

Der Bund hofft zudem, auch Städte und Gemeinden inspirieren zu können, die nach wie vor die Hauptunterstützer der Schweizer Kulturlandschaft sind. Bereits jetzt brüten zwei Kantone über Instrumente der Altersvorsorge für Künstler. 2013 werden sie vom Genfer Grossen Rat und von der Waadtländer Regierung beraten. Im Wallis ist ein solches für Theaterleute bereits bekannt, wie Anne Papilloud erklärt, die Generalsekretärin der Westschweizer Gewerkschaft für Schauspiel.

«Eine symbolische Geste»

Auf Bundesebene hat die Umsetzung der Altersvorsorge für Künstler einige Zeit in Anspruch genommen und kommt nun ein Jahr nach Inkrafttreten des Kulturförderungsgesetzes. «Eine notwendige Zeitspanne, um unbürokratische Lösungen zu finden – es war keine politische Frage», hiess es seitens des BAK.

«Der Kompromiss war schwierig zu finden», gab Läubli zu. «Zu Beginn schienen die betroffenen Ämter wenig kooperativ. Zum Schluss war die gefundene Lösung das Maximum, das wir herausholen konnten. Der Kompromiss ist zufriedenstellend.»

«Es ist eine symbolische Geste, die das Problem der Künstler nicht löst. Sie leben ihr ganzes Leben unter schwierigen Umständen und noch mehr im Ruhestand», sagte Anne Papilloud. «Wir verlangen vom Bundesrat, dass er auf dem Verordnungsweg den gesamten Kultursektor ab dem ersten verdienten Franken der obligatorischen beruflichen Vorsorge unterstellt.» (fko/sda)

Erstellt: 28.12.2012, 22:04 Uhr

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