Der Mann mit dem zerfurchten Gesicht entpuppt sich als zärtlicher Dokfilmer

Rocksänger Lou Reed zeigte in Nyon seinen ersten Film: über seine 100-jährige Grosscousine, eine jüdische Immigrantin, und ihr furchtloses Leben.

Ein harter Bursche, ganz begeistert: Lou Reed.

Ein harter Bursche, ganz begeistert: Lou Reed. Bild: Keystone

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Etwas stimmt nicht mit seinem Gesicht. Man hat ihn so oft gesehen, an zahllosen Konzerten, am Fernsehen, im Interview. Sein verschlossener Ausdruck dabei, das zerfurchte Gesicht eines 68-jährigen Mannes, der alle Exzesse durchlebt hat und von sich einmal sagte: «My week beats your year», meine Woche übertrifft dein Jahr. Und dann fällt einem ein, was nicht stimmt: Lou Reed lächelt.

Er ist mit dem Zug von London nach Nyon hergefahren, steht auf der Bühne des lokalen Theaters, blinzelt in den aufbrandenden Applaus hinein, murmelt etwas Dankendes und sagt, wir sähen jetzt «den bemerkenswertesten Menschen, den ich je getroffen habe». Dann tritt er wieder ab. Denn für einmal geht es nicht um ihn, für einmal wird nicht er befragt, sondern er fragt selber, keine bekannte Person, aber eine bedeutende: Shirley Novick, seine mittlerweile 101-jährige Grosscousine. Er besuchte sie ein paar Tage vor ihrem 100. Geburtstag bei ihr zu Hause, im Chelsea-Quartier von Manhattan. Über sie hat der Musiker, von Ralph Gibson an der Kamera unterstützt, seinen ersten Film gemacht. Und bringt ihn jetzt in Nyon zur Uraufführung.

Ihr altes Gesicht wirkt jung

«Ich mache immer das, was mir selber gefällt», wird er nach der Vorführung sagen, und man versteht, warum ihn diese Frau so beeindruckt, warum er den ganzen Abend lang immer wieder von ihr erzählt. Denn Shirley Novick hat ein Leben geführt, an dem viele andere zerbrochen wären, und sie erzählt davon in lakonisch klaren Sätzen. Sie ist wach, ihr altes Gesicht wirkt jung.

Shirley Novick, die damals natürlich anders hiess, wuchs in einer polnischen Kleinstadt auf, in der fast nur Juden lebten. Im Ersten Weltkrieg kam die Stadt unter deutsche Besatzung, «aber diese Soldaten waren nett», erinnert sich Shirley, «sie haben uns nur das Essen weggenommen». Zehn Jahre nach Kriegsende, als sie 19 Jahre alt war, schickten die Eltern sie nach Kanada. Das Mädchen reiste mit zwei Koffern ab, konnte kein Wort Englisch und weinte auf dem Schiff der Heimat nach. In Montreal gefiel es ihr nicht, «mir war das zu provinziell», also überquerte sie, unter einer Lastwagenblache versteckt, die amerikanische Grenze und reiste nach New York zu ihrem Onkel, Lou Reeds Grossvater.

Aufstand gegen die Bosse

In Manhattan fand sie als Näherin eine harte, schlecht bezahlte Arbeit. Die Arbeiterinnen wurden dermassen ausgenutzt, dass sich Shirley erst mit den korrupten Gewerkschaften und dann mit den Bossen anlegte, was ihr den Übernamen einbrachte, der dem Film den Titel gibt: «Red Shirley». 1963 fuhr sie nach Washington und hörte Martin Luther Kings berühmte Rede, das «I have a dream» der Gleichberechtigung. Unvergesslich blieb ihr auch der Auftritt von Mahalia Jackson; «in einem Song hörte man die ganze Welt», sagt sie.

Ihr Cousin sitzt ihr gegenüber, manchmal kniet er sogar, wiederholt eine Frage und kommentiert eine Antwort, will Details wissen, sagt «this is unbelievable» oder «you're joking». Die Kamera hält auf das Gesicht einer 100-Jährigen, die nichts von ihrer Unerschrockenheit verloren hat und bis heute zu ihren Überzeugungen steht. Beiläufig erzählt sie, dass ihre beiden Schwestern in den Dreissigerjahren nach Israel auswanderten und sich nach dem Krieg für den neuen israelischen Staat einsetzten. Warum sie ihnen nicht gefolgt sei, will Reed von ihr wissen. «Weil ich keine Zionistin bin», sagt sie, «es geht doch nicht an, den Arabern das Land wegzunehmen.» Ihre Eltern blieben in Polen zurück; ihre Mutter, sagt Shirley, habe sich nicht von den Besitztümern trennen können. «Adolf Hitler hat sich dann um sie gekümmert.» Sie verzieht keine Miene.

«Isn't she great?»

Nach der Vorführung kehrt Reed auf die Bühne zurück und lässt sich vom Festivalleiter Jean Perret befragen. Und ohne dass er es selber zu merken scheint, zeigt er Regungen, die er vor der Öffentlichkeit stets versteckt hielt: Begeisterung, Zuneigung, sogar Zärtlichkeit. «Isn't she great?», fragt er mehrmals und erklärt dann im Gespräch und später dem Publikum, was ihm an dieser Frau so gefällt. Wie genau sie rede, ohne Umschweife und Aussetzer. Wie sie bereit gewesen sei, mit jeder neuen Situation zurechtzukommen, in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache. Und sich dabei nicht anzupassen, sondern sich zu behaupten, die Verhältnisse zu erkennen und dann auf sie einzuwirken.

Mit seinen 68 Jahren kommt einem Lou Reed zeitweise älter vor als seine Cousine mit ihren 101. Tiefe Falten durchfurchen sein Gesicht, er geht langsam und unsicher, wirkt zerbrechlich und trägt seine schwarze Lederjacke wie einen Schutzanzug. Erst als er einige seiner eigenen Texte vorträgt, die er mit quälender Monotonie abliest, versteht man, warum ihm diese Frau so viel bedeutet. Beide sehen die Welt, wie sie ist, beide haben nicht davor kapituliert, sondern dagegen aufbegehrt: Er als Songschreiber, sie als Gewerkschafterin; er als Sänger, sie als Frau.

Erstellt: 21.04.2010, 22:35 Uhr

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