Der Papst erhebt Jesus-Mythen zu Fakten

In seinem neuen Jesus-Buch nimmt Benedikt XVI. die Evangelien wortwörtlich. Sein dogmatischer Zugang versperrt ihm die Sicht auf die historische Figur.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der 2007 erschienene Band I von «Jesus von Nazareth» hat sich, in 37 Sprachen übersetzt, zwei Millionen Mal verkauft, allein 500 000 Mal in Deutschland. Der ebenfalls im päpstlichen Hausverlag Herder auf Deutsch herausgegebene Band II wird die Startauflage von 150 000 Exemplaren gewiss vielfach übersteigen: Denn der Autor des Buches ist Papst Benedikt XVI. Der theologisch anspruchsvoll geschriebene Band II, der Jesu Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung interpretiert, ist allerdings keine einfache Kost. Obwohl er die Evangelien letztlich so erklärt, wie sie uns als Kinder im Religionsunterricht vermittelt wurden.

Unbeleckt von den Erkenntnissen aus 200 Jahren historischer Bibelkritik, wonach die Evangelien weniger historische Information als religiöse Botschaft enthalten, nimmt Benedikt sie wortwörtlich. Die frühestens 30 Jahre nach dem Tod Jesu aufgezeichneten Evangelien liest er wie Augenzeugenberichte. Er unterscheidet nicht wie die historischkritischen Exegeten zwischen dem Jesus der Geschichte und dem verkündigten Christus des Glaubens. Anders als die universitäre Theologie hält er die Worte des historischen Jesus und die spätere theologische Auslegung durch die gläubige Gemeinde nicht auseinander. Gegen das Gros der Exegeten hält er an der «historischen Verlässlichkeit der Einsetzungsworte Jesu beim Abendmahl» («Dies ist mein Leib») fest.

Geistlich überhöhte Ereignisse

Joseph Ratzinger postuliert, dass er mit seiner «kanonischen Exegese» die historisch-kritische Methode und die Hermeneutik des Glaubens zusammenbringe und so Jesu Gestalt und Botschaft in den Blick bekomme. In den Evangelien durchdrängen sich «Wort Gottes und Ereignis»: «Die Fakten sind gleichsam mit Wort, mit Sinn, gefüllt.»

Ausgehend von diesem «Ineinander von Sinn und Geschichte» sind für den Platoniker die Evangelien eine einzige Abfolge von analogielosen, geistlich überhöhten Ereignissen: Alles ist exemplarisch, sinnschwanger, bedeutungsschwer. Jesu Kreuzestod wird zum «entscheidenden Wendepunkt in der Religionsgeschichte». Sein Notschrei am Kreuz dürfe nicht individualistisch verstanden werden. Schliesslich sei Jesus eine überpersönliche «Korporativpersönlichkeit», ganz so wie Maria, die nicht nur seine persönliche Mutter ist, sondern auch die überzeitliche Mutter der Kirche. Benedikt banalisiert das Sterben der Menschen, wenn er schreibt: Die Angst Jesu vor dem Tod «ist etwas viel Radikaleres als die Angst, die jeden Menschen angesichts des Todes überfällt: Sie ist der Zusammenstoss zwischen Licht und Finsternis, zwischen Leben und Tod selber, das eigentliche Entscheidungsdrama der menschlichen Geschichte.»

Universitäre Exegeten sehen in Jesus zunächst einmal einen heimatlosen Wanderprediger, der Kranke heilte und Dämonen austrieb, einen jüdischen Charismatiker, der sich eine besondere Gottesnähe zuschrieb und diese eher bei den Prostituierten als bei den Frommen wahrnahm. Zu einem so nüchternen, von aller Dogmatik unverstellten Blick auf Jesus ist Benedikt ausserstande. Für den Theologen in der Tradition Platons ist der Jesus der Bibel immer schon der Sohn Gottes und einer von der Erbsünde unbefleckten Jungfrau, Stifter der Kirche und Erlöser der Welt.

Leibliche Auferstehung

So muss der Papst fortwährend innere Heilswahrheiten zu objektiven Glaubensgegenständen verdinglichen. Bilder, Metaphern und Mythen werden bei ihm zu (heils-)geschichtlichen Fakten, die Himmelfahrt Jesu genauso wie der Strom aus Blut und Wasser, der aus der durchbohrten Seite des Gekreuzigten fliesst und die beiden Grundsakramente Eucharistie und Taufe ihm zufolge vorwegnimmt. Das leere Grab ist für den Papst die notwendige Bedingung für den Auferstehungsglauben. Und der Auferstandene selber erscheint glaubwürdigen Zeugen leib- und wahrhaftig. Er ist «keine wiederbelebte Leiche, sondern ein von Gott her neu und für immer Lebender» in einem unverwesten Leib. Selbst Paulus’ Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus interpretiert Ratzinger nicht als innere Vision, sondern als «ein Ereignis der Geschichte, eine Begegnung mit einem Lebenden».

Logisch: Wenn Jesus wahrhaft Gottes Sohn ist und leiblich auferstanden zur Rechten Gottes sitzt, betrifft seine Sendung «nicht bloss einen beschränkten Kreis von Erwählten, sondern den Kosmos, die Welt in ihrer Ganzheit». Dann sind alle anderen Religionen nur Mythen, bestenfalls Vorläufer dieses heilsgeschichtlich analogielosen «Mutationssprungs». Dann müssen sich auch Muslime und Juden zum Messias Jesus bekehren. Ratzinger verkündet denn auch bedenkenlos den alten Kirchenglauben, dass das Neue Testament das Alte Testament erfülle und überbiete: Jesu ist der «neue Pascha», der «neue Tempel».

Bei allem Kinderglauben hat Papst Benedikt von der modernen Exegese so viel gelernt, dass er nicht länger eine Kollektivschuld der Juden am Kreuzestod Jesu postuliert: Die Schuld treffe nicht das gesamte Volk Israel, schreibt er, sondern nur die damalige Jerusalemer Tempel-Aristokratie.

Erstellt: 15.03.2011, 16:45 Uhr

Papst Bendedikt XVI.

Buch

Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung. Verlag Herder. Freiburg 2011. 352 S., ca. 34 Fr.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...