Der Plastic Playboy im Cabriolet

Gabriel Vetter über Martin Luther und das Warten auf «Paiidamänn».

Unser Kolumnist Gabriel Vetter.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter. Bild: Hazel Brugger

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Neulich besuchte ich die Show eines norwegischen Comedians. Seine bekannteste Nummer ist diese: «Ist es nicht seltsam, dass wir bei Thor und Odin immer von nordischer Mythologie reden, aber wenn es um Gott oder Allah geht, nennen wir es Religion? Das ist, wie wenn man sagt: Ich weiss, dass Batman und Superman nicht existieren, aber ich persönlich habe ein sehr enges Verhältnis zu Spiderman.»

Auch mein Sohn hat ein sehr enges Verhältnis zu Spiderman. Er ist zwei Jahre alt, und wenn er auf der Strasse jemanden in roter Kleidung sieht, schreit er manchmal: «Paiidamänn!», was, wenn man es ausschreibt, ja sehr finnisch aussieht, was mich überrascht, da meines ­Wissens weder Spiderman noch mein Sohn des Finnischen mächtig sind. Mein Sohn konfrontiert gerne wahllos Passanten mit deskriptiv-kategorisierenden Begriffen aus seinem ganz persönlichen Weltbild. Als er zum Beispiel letzte Woche auf der Strasse eine Dame mit Kopftuch sah, schrie er mit grosser Freude «Pirat! Pirat! Pirat!», obwohl ich ihm schon oft erläutert habe, dass es eigentlich «Piratin» heissen müsste.

Der Sohn hat aber ein erfreulich entspanntes Verhältnis zum erweiterten Themenfeld Kleidung und Mythologie. Andere warten auf den Erlöser, er wartet auf Paiidamänn. Wobei: Seit in Österreich die Burka verboten wurde und man in den USA nicht mehr mit Leggins ins Flugzeug darf, mache ich mir ein wenig Sorgen, ob sich der Sohn da nicht in etwas verrannt hat. Denn was, beim Teutates, was ist das Kostüm von Spiderman anderes als eine einzige knallrote Leggins-Burka? Man stelle sich das mal vor: Spiderman sorgt in Bellinzona für Gerechtigkeit und kassiert als Dank nur eine Ordnungsbusse nach der anderen.

Übrigens: Der Spielzeughersteller Playmobil verkauft zum diesjährigen Luther-Dienstjubiläum ja Martin Luther als Playmobil-Figur. Der Reformator als Plastic Playboy kostet knapp zehn Franken, wird mitsamt Bibel und Feder geliefert und ist für Kinder von 4 bis 99 Jahren geeignet. Das steht so auf der Luther-Verpackung: «4­–99». Luther wird also manchen Mitgliedern der Gesellschaft qua Altersbeschränkung vorenthalten.

Als ich so jung war wie mein Sohn, habe ich von meinem Grossvater keinen Spielzeug-Luther geschenkt bekommen, dafür einen Spielzeug-­Jesus aus Eisen. Ich bin mir nicht sicher, ob «Spielzeug-Jesus» die richtige Bezeichnung ist; aber auf jeden Fall war diese Jesus-Figur gerade so gross wie die handelsübliche Barbiepuppe meiner Gspändli, nur mit dem Unterschied, dass man, anders als bei der tatsächlichen Barbie-Puppe, die Arme und die Beine Jesu nicht bewegen konnte, weil erstens die Scharniere fehlten und zweitens die Arme und Beine eh fixiert waren an einem Kruzifix. Ich glaube, diese Jesus-Puppe war für ein kleines Kind wie mich eher ungeeignet, obwohl an diesem Jesus nicht «4–99» drangeschrieben stand; da stand nur INRI, was ja einfach eine Abkürzung ist, so wie EPA oder ABM.

Ich frage mich, ob Playmobil als Nächstes einen Plastik-Heiland rausbringt. Oder ob es da dann Probleme gibt mit der Lizenzierung, denn die Kirche ist in Sachen offizielles Merchandising sehr streng, das sind fast Zustände wie bei «Star Wars». Martin Luther übrigens hätte im Tessin bussentechnisch wenig zu befürchten. Er trägt als Mönch zwar auch eine Art Ganzkörperverhüllung, aber eine mit oben offenem Verdeck. Ein Burka-Cabriolet sozusagen.

Ich weiss jetzt gar nicht, was «Burka-Cabriolet» auf Finnisch bedeutet. Tja. Da sehen wir mal wieder, wie wenig wir Menschen eigentlich ­wissen vom Universum und der Welt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2017, 11:43 Uhr

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