«Der Salaryman war das grosse Vorbild»

Ein neues Gesetz soll Japaner dazu zwingen, endlich Ferien zu nehmen. Und auch sonst gerate gerade einiges durcheinander im Land des grossen Arbeitseifers, erklärt Japanologin Julia Obinger.

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Warum haben so viele Japaner Mühe damit, Ferien zu nehmen?
Mit Ferien haben besonders die Salarymen Mühe – also jene Japaner, die in Grosskonzernen als Festangestellte im Büro beschäftigt sind. Lange Anwesenheit steht synonym für grossen Arbeitseifer, und es ist oft heikel, Ferien zu nehmen, auch weil Absenzen häufig mit dem Abwälzen von Arbeit auf Kollegen gleichgesetzt wird. Viele Angestellte beschränken sich deshalb selbst und nehmen nur wenige Tage Ferien.

Wie wird ein solches Pensum, bei dem die Arbeitstage zudem oft bis weit in den Abend hineinreichen, überhaupt bewältigt?
Diese lange Arbeitszeit wird nicht immer unbedingt produktiv genutzt: Man ist zwar lange im Büro, arbeitet aber nicht immer auf Hochtouren. Das ist aber natürlich nicht minder anstrengend. Der neue Ferienzwang ist meiner Meinung nach übrigens auch gar kein Zugeständnis an die Arbeitnehmer, sondern eher ein wirtschaftsfreundliches Gesetz: Die Produktivität soll damit gesteigert werden.

Gibt es in Japan womöglich eine raffiniertere Regenerationskultur, die Ferien überflüssig macht?
Die Ferien sind wohl tatsächlich fokussierter – man denke etwa an die einwöchigen Europaferien, oder Tagesausflüge zu den heissen Quellen, wie sie in Japan sehr beliebt sind. Diese Kurzferien gibt es aber schon seit Jahrzehnten, und hier hat sich meiner Meinung nach das Angebot an die Nachfrage angepasst, die eben von den kurzen Ferienzeiten bestimmt wird.

Wie gross ist das Problem des Karoshi, des Tods durch Überarbeitung?
Karoshi wird seit einigen Jahren von den Versicherungen als Todesart anerkannt: Der Tod tritt nach einer grossen Arbeitsbelastung unmittelbar aufgrund einer Kreislauferkrankung, eines Herzversagens oder Ähnlichem ein und betrifft bei weitem nicht nur Manager. Im Jahr verzeichnet Japan etwa 9000 Karoshi-Tote, gleich viele Menschen kommen bei Verkehrsunfällen ums Leben. Ein weiteres Phänomen ist der Karojisatsu, der Selbstmord nach Überarbeitung oder wegen zu hohen Stresses am Arbeitsplatz.

Gibt es hier eine Verbindung zur japanischen Suizidkultur – man denke an den Samurai-Kult des Seppuku, des ehrenvollen Selbstmords?
Das bezweifle ich. Die Gefühlslage eines überforderten japanischen Angestellten unterscheidet sich wohl kaum von derjenigen eines schweizerischen oder amerikanischen Arbeitnehmers; hier wie dort handelt es sich bei einem Selbstmord um einen Akt der schieren Verzweiflung, er ist nicht hauptsächlich von kulturellen Vorbildern geprägt.

Was bedeutet es für den Salaryman, wenn er seinen Job verliert?
Für viele ist das eine gravierende Zäsur, auch, weil die Loyalität zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Japan traditionell sehr stark ist. Es gehört zur japanischen Unternehmenskultur, Arbeitnehmer längerfristig zu binden, vor allem um deren Know-how zu halten. Falls es tatsächlich leistungsschwache Arbeitnehmer gibt, werden diese in der Regel nicht entlassen, sondern innerhalb des Unternehmens versetzt oder frühpensioniert. In Krisenzeiten kommt es dann eher auch zu Einstellungsstopps als zu Massenentlassungen.

Welche gesellschaftlichen Folgen hat es für Japans Gesellschaft, wenn der Lebensentwurf des Salaryman nun plötzlich infrage gestellt wird?
Das Modell des Salaryman stand seit den 1960ern für eine extreme Sicherheit, wie es sie zuvor in Japan nie gegeben hatte: lebenslange Arbeit und ein mit den Jahren steigendes Salär, das zur Ernährung einer Familie reichte. Der Salaryman war das grosse Vorbild für junge Männer. Wenn, wie zuletzt, durch wirtschaftliche Krisen dieses Modell nicht mehr universell erreichbar ist, wirkt das in Teilen der Gesellschaft sehr verunsichernd. Das gilt aber lange nicht für alle: Nicht jeder Jugendliche will sich heute noch für seine Firma aufopfern und von frühmorgens bis spätabends arbeiten, wie das der Vater als Salaryman getan hat.

Was bedeuten diese Veränderungen für die Frauen?
Bis vor einigen Jahren sah der typische Lebenslauf vieler urbaner Frauen so aus: Sie erlernen einen Job, heiraten, bekommen Kinder, ziehen diese auf und kehren Mitte vierzig in den Arbeitsmarkt zurück, um weniger qualifizierte Jobs zu übernehmen. Die Mütter arbeiten dann zum Beispiel Teilzeit in Supermärkten oder für eine gemeinnützige Organisation. Dieses Modell funktionierte natürlich besonders gut mit einem Salaryman als Versorger. Aber je weniger Männer solche Sicherheit bieten können, desto mehr nehmen die Frauen qualifiziertere Jobs an und machen selbst Karriere. Leider geht das aber oft zulasten der Familienplanung, denn flexible Arbeitsmodelle und gute Kinderbetreuungsangebote sind rar.

Gibt es in Japan Gruppen, die sich dem Leistungsdruck verweigern?
Durchaus. In meiner Forschung untersuchte ich etwa eine Gruppe junger Aktivisten in Tokio, die sich dem Karriere- und Konsumzwang in Japan weitgehend widersetzen. Sie richten ihre eigenen Bars und Second-Hand-Läden ein, wo sie sich nach Möglichkeit günstig selbst versorgen. Solche Gruppen finden sich in allen grossen Städten Japans, und gerade seit dem Fukushima-GAU 2011 engagieren sie sich verstärkt politisch; sie waren es auch, die die relativ gut besuchten Strassendemos nach Fukushima organisierten.

Erstellt: 16.02.2015, 20:33 Uhr

Julia Obinger ist Dozentin am Asien-Orient-Institut der Universität Zürich. Die promovierte Japanologin forschte vor ihrem Engagement in Zürich an der Osaka University. Dieses Jahr veröffentlichte sie das Buch «Alternative Lebensstile und Aktivismus in Japan. Der Aufstand der Amateure in Tokyo». (Bild: PD)

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