Der Schock von abgestellten Flugzeugen

Wann ist man ein guter Schweizer? Welches Ereignis würden die Leute aus der Geschichte streichen? Das Projekt Point de Suisse versucht, mit einer Volksbefragung die Befindlichkeit der Schweizer zu ergründen.

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Unter dem Namen Point de Suisse haben Künstler und Wissenschaftler eine landesweite Volksbefragung gestartet, welche die Befindlichkeit der Schweizer ergründen soll. Die repräsentative Voruntersuchung unter 1000 Schweizerinnen und Schweizern, welche die «Schweiz am Sonntag» publik gemacht hat, zeigt dabei Überraschendes.

Gefragt, welches Ereignis sie am liebsten aus der Schweizer Geschichte streichen würden, antworteten 35,9 Prozent der Befragten mit dem Grounding der Swissair. 2001, das Jahr in dem die Flugzeuge der Swissair auf einmal alle am Boden standen: Die haben sich offensichtlich in den Köpfen der Schweizer eingebrannt.

32,4 Prozent gaben an, die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg ungeschehen machen zu wollen. Die Rettung der UBS mit Staatsgeldern und die Masseneinwanderungsinitiative folgen auf den nächsten Plätzen. 8,8 Prozent der Befragten würden die EWR-Abstimmung 1992 streichen, 6,8 Prozent den UNO-Beitritt von 2002. 5,6 Prozent würden gerne die 68er-Bewegung aus der Geschichte tilgen, 2,7 Prozent die Einführung des Frauenstimmrechts 1971. 19 Prozent wählten irgendein anderes Ereignis.

Wann ist man ein guter Schweizer?

Interessant sind jedoch auch die Antworten in anderen Bereichen. So gaben etwa bei der Frage nach der Herkunft der Grosseltern weniger als die Hälfte an, ausschliesslich Schweizer Grosseltern zu haben. Bei gut 20 Prozent sind sogar alle vier Grosseltern ausländischer Herkunft.

Gefragt wurden die Leute auch, ob man noch ein guter Schweizer ist, wenn man keinen Militärdienst leistet, von Sozialhilfe lebt, niemals abstimmt oder die Nationalhymne nicht mitsingt. Die Befragten konnten auch angeben, wie viele Bücher sie besitzen oder wofür sie mehr Steuern bezahlen würden.

Bundesrat zensierte Umfrage von 1964

Hinter Point de Suisse stecken Johannes M. Hedinger und Marcus Gossolt vom Künstlerduo Com & Com, der Regisseur Milo Rau und das Festival de la Cité in Lausanne. Das Projekt ist weder staatlich noch kantonal getragen. Dies biete neue Möglichkeiten, sagt Com-&-Com-Mitglied Hedinger gegenüber der «Schweiz am Sonntag»: «Als Künstler dürfen wir anders fragen als der Bundesrat.»

Point de Suisse ist angelehnt an das Projekt Gulliver, das an der Expo 1964 in Lausanne den Puls der Schweizer fühlen wollte. Auslöser ist das Jubiläum 50 Jahre Landesausstellung Expo 64. Damals füllten über 580‘000 Schweizer die Fragebogen aus, welche man dem Riesen-Gulliver aus Pappmaché übergegen konnte. Unter Fragen von damals fand sich ebenfalls jene nach dem «guten Schweizer».

Die Auswertungen der Befragung von 1964 wurde nicht veröffentlicht – dem Bundesrat waren die Antworten teilweise zu progressiv. Schon im Voraus hatte das Projekt für Streit gesorgt. Die Landesregierung hatte Fragen zensieren oder umformulieren lassen. (kpn)

Erstellt: 29.06.2014, 13:17 Uhr

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