Interview

«Der Staat darf nicht zensieren»

Denis Simonet von der Piratenpartei über Filesharing, die Urheberrechtsdebatte – und wieso Musikschaffende das Internet nicht verstanden haben.

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Denis Simonet, Schweizer Musikschaffende regen sich über Filesharer auf und fordern eine Verschärfung des Urheberrechts. Brauchen wir ein neues Urheberrecht?
Ja, auch wir sind der Meinung, dass die Grundlagen für das gegenwärtige Urheberrecht nicht mehr gegeben sind, es ist nicht mehr zeitgemäss. Aber es braucht eine Modernisierung, die die digitale Revolution berücksichtigt. Es ist heute zwar erlaubt, Musik oder Filme herunterzuladen, aber es ist verboten, sie anzubieten. Filesharing - nur im Privaten natürlich - muss man vollständig erlauben.

Wie kann man als Kulturschaffender dann Geld verdienen?
Die Frage, wie man dann Geld verdienen kann, ist sicher gerechtfertigt. Man kann aber nicht davon ausgehen, dass der Verkauf und die Vermarktung der eigenen Produkte so bleiben wie heute. Man hat nicht mehr ganz viele Produkte, die man einzeln verkauft, sondern nur noch ein Produkt, das beliebig oft kopiert werden kann.

Haben Sie konkrete Ideen, wie man Nutzungen von geistigem Eigentum entschädigen könnte?
Zuerst einmal ist der Begriff des geistigen Eigentums unglücklich. Wir sind der Meinung, dass man nie der alleinige Schöpfer eines Werks ist, man schafft nie etwas zu 100 Prozent alleine. Man hat einen wichtigen Beitrag geleistet und soll belohnt werden, aber eigentlich sind alle Werke Schöpfungen aus Kombinationen und Anpassungen von etwas, das es schon gab. Das Immaterialgüterrecht muss aber natürlich auch für Kulturschaffende geregelt werden: Hier ist zu sagen, dass wir keinesfalls das Urheberrecht abschaffen wollen. Wir finden es wichtig, dass es ein Urheberrecht gibt, weil auch Copyleft-Lizenzierungen, die eine Weitergabe unter den gleichen Bedingungen erlauben, darauf angewiesen sind.

Aber wenn jetzt die Musikschaffenden kommen und sagen, sie verdienen einfach kein Geld mehr, was entgegnen Sie?
Das mag sein, aber monokausal zu sagen, das Internet sei schuld, ist auch falsch. Natürlich ist es wichtig, dass man das Recht durchsetzen kann. Wenn Kino.to Millionen verdient mit der Vorführung von Werken anderer, muss man dagegen vorgehen können. Man muss aber unterscheiden zwischen Privatkopie und kommerzieller Verwendung. Durch das Internet öffnen sich viele neue Möglichkeiten und Chancen, aber eine konkrete Lösung haben wir auch nicht bereit.

Wie steht die Piratenpartei zur Idee einer Kulturflatrate?
Dazu stehen wir weder ablehnend noch befürwortend. Wichtig ist, dass man keine Möglichkeit im Vornherein ausschliesst, sondern alles diskutiert. Die Kulturflatrate ist eine Möglichkeit, aber es gibt sicher auch andere Modelle, die man anschauen muss. Wir sind bereit, über eine Kulturflatrate zu diskutieren, aber wir fordern sie nicht.

Wie kann eine Lösung gefunden werden?
Eine Lösung muss im Dialog gesucht werden. Die Musikschaffenden kennen den Musikmarkt besser. Aber wie man bei ihrer Erklärung sieht, bei der sie mit Begriffen wie Urheberrechts-Guantánamo um sich werfen, haben sie nicht wirklich eine Ahnung vom Internet. Darum ist es wichtig, dass alle Beteiligten probieren, eine Lösung zu finden, dass alle ihre Bedürfnisse äussern und alle Fakten auf den Tisch gelegt werden.

Was sind die Bedürfnisse der Piratenpartei?
Für uns ist klar: Man kann das Internet nicht einschränken, auch wenn das einige gerne hätten. Man kann nicht ein Modell finden, bei dem man die volle Selbstbestimmung über alles hat. Im Internet findet Kommunikation auf mehreren Kanälen in mehreren Richtungen statt. Das ignorieren die Musikschaffenden. Sie gehen davon aus, dass das Internet einfach nur ein Publikationsmedium ist, das aussendet wie früher. Es ist aber nicht mehr früher. Wenn man das verstehen würde, könnte man den Rückkanal auch besser nutzen, da gibt es verschiedene Erfolgsgeschichten. Man kann die Fans mobilisieren, man kann mit ihnen interagieren, man kann mehr Nähe herstellen. Ich denke, das war auch ein wichtiger Grund für den Erfolg der Rockmusik: Sie verbindet. Das Internet führt hier noch einen Schritt weiter, und es ist klar, dass alte Geschäftsmodelle damit Mühe haben.

Wer vertritt die Internet-User in der Debatte? Die Piratenpartei?
Ich würde uns nicht als die Vertretung der Internet-User bezeichnen, aber wir vertreten unter anderem einen grossen Teil der Internet-User. Uns geht es um die Auswirkung der digitalen Gesellschaft auf alle, und hier ist das Internet ein sehr wichtiger Bestandteil. Wir vertreten das Interesse an einem freien Internet. Wir wollen, dass das Internet ein Ort ist, an dem man Wissen und Kultur frei austauschen kann, ohne dass der Staat zensiert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.05.2012, 16:31 Uhr

Urheberrechtsdebatte

Wie soll das Urheberrecht beschaffen sein und wie kann es im Internet durchgesetzt werden? Die Forderungen reichen von der Einführung einer Kulturflatrate bis zu repressiven Massnahmen. Letzte Woche veröffentlichte die Interessensgemeinschaft Musikschaffende Schweiz ein scharf formuliertes Statement mit der Forderung nach einer Anpassung des Urheberrechts und der Verfolgung von Filesharing, das weite Kreis in Blogs und Foren zog.

Denis Simonet

Denis Simonet ist Gründungsmitglied und Pressesprecher der Piratenpartei Schweiz. Von 2009–2012 war er ihr Präsident. Er studiert Informatik an der Berner Fachhochschule und bloggt auf denissimonet.ch vor allem zu Fragen der Digitalpolitik.

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