Der Vater der Historischen Sozialwissenschaft

Zum Tod des deutschen Historikers Hans-Ulrich Wehler.

Ein Linker war er nie: Hans-Ulrich Wehler.

Ein Linker war er nie: Hans-Ulrich Wehler. Bild: Keystone

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Hans-Ulrich Wehler, der Vater der Historischen Sozialwissenschaft und führende Kopf der Bielefelder Schule, hat Mitte der Siebziger den Paradigmenwechsel seines Fachs von der Geschichte grosser Männer und Ereignisse hin zur Analyse von sozialen Strukturen und Prozessen begründet und in seiner Zeitschrift «Geschichte und Gesellschaft» immer wieder für die Einbeziehung soziologischer, ökonomischer und sogar psychoanalytischer Ansätze plädiert. Ein dezidierter Linker oder gar 68er war der Sozialdemokrat freilich nie, im Gegenteil. Einige Thesen seines Opus magnum, der fünfbändigen «Deutschen Gesellschaftsgeschichte», stiessen auch bei Weggefährten auf Kritik – so etwa der Versuch, Hitlers Aufstieg mit Max Webers Charisma-Begriff zu beschreiben, die Epochenwende von 1968 als «postpubertäre» Reaktion auf eine gar nicht so muffige Adenauer-Zeit zu verkleinern, oder seine aggressive Abrechnung mit dem DDR-«Sultanismus».

Sympathien für Sarrazin

Wehler ging keiner Talkshow-Debatte und keiner wissenschaftlichen Fehde aus dem Weg. Im Historikerstreit verurteilte er Ernst Noltes Revisionismus, 1996 Daniel Goldhagens These vom deutschen Antisemitismus. Er lehnte den EU-Beitritt der Türkei und Christian Wulffs Wort vom Islam als Teil der deutschen Kultur scharf ab und liess sogar Sympathien für Thilo Sarrazin erkennen: Die «anatolischen Analphabeten» erschienen ihm als prinzipiell nicht integrationsfähig, Sprechverbote im politischen Diskurs als wenig hilfreich. Zugleich profilierte sich Wehler aber auch immer wieder, zuletzt in «Die neue Umverteilung» und «Die Deutschen und der Kapitalismus», als unerbittlicher Kritiker sozialer Ungleichheit und eines «obszönen» Turbokapitalismus.

Das «Knüppeln», sagte er einmal im Interview, habe er als ehemaliger Handballer gelernt. Als Mitglied der «skeptischen Generation» (und Freund Jürgen Habermas' seit Schul- und Hitlerjugend-Zeiten) hatte er aber auch früh begriffen, dass man für seine Überzeugungen kämpfen muss. Wehler, 1932 in Freudenberg bei Siegen geboren, hatte 1945 in Köln Kriegstrümmer weggeräumt, und das tat er im übertragenen Sinne dann auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit. Seine erste Habilitationsschrift über den Aufstieg des amerikanischen Imperialismus war noch abgelehnt worden; aber das konnte seinen Aufstieg zum legitimen Erben Max Webers und einflussreichsten deutschen Historiker der Gegenwart nicht aufhalten. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1996 lehrte er an der Reformuniversität Bielefeld; dazwischen lagen Gastdozenturen in Harvard, Princeton, Yale und Stanford.

Scharfsinniger Analytiker

Manche Thesen Wehlers, etwa die vom deutschen «Sonderweg», gelten heute als überholt. Seine unbeirrte Verteidigung der aktenmässigen «historischen Sozialwissenschaft» gegen neuere kultur- und mentalitätsgeschichtliche Ansätze machte ihn zunehmend zum Aussenseiter, und als Stilist konnte er nie an die grosse Tradition deutscher Geschichtsschreibung anknüpfen. «Ich bezahle für meinen analytischen Ansatz den Preis der Anschaulichkeit», analysierte er einmal lakonisch. Dennoch: Hans-Ulrich Wehler hat die Modernisierungsschübe und Widersprüche der alten Bundesrepublik nicht nur scharfsinnig und streitlustig analysiert, sondern auch wie kein zweiter deutscher Historiker repräsentiert. Jetzt ist er im Alter von 82 Jahren in Bielefeld gestorben.

Erstellt: 07.07.2014, 14:28 Uhr

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