Der Wildwestreporter

Unbekannte, jetzt gefundene Texte von Mark Twain bestätigen, dass er auch als Journalist ein grosser Spötter war.

Studenten haben über hundert unbekannte Texte von Mark Twain entdeckt.

Studenten haben über hundert unbekannte Texte von Mark Twain entdeckt. Bild: AP Photo

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Der Mann bleibt voller Überraschungen. Erst 2010, hundert Jahre nach seinem Tod, erschien seine «Geheime Autobiografie», die er für so «frank und frei und schamlos» hielt, dass er sie postum veröffentlichen wollte. Jetzt haben Studenten der Universität Berkeley bei der Digitalisierung von Zeitungsarchiven über hundert unbekannte Texte von Mark Twain entdeckt. Bob Hirst, der Leiter des Projekts, spricht von einem Glücksgefühl beim Öffnen einer Pralinéschachtel.

Mark Twain stand damals, nach Jahren als Lotse auf dem Mississippi und erfolgloser Goldgräber, am Anfang einer hoffnungsvollen journalistischen Karriere. Beim «Territorial Enterprise», einem Revolverblatt in Virginia, Nevada, hatte er 1863 seine ersten Reportagen untergebracht, und so lieferte er auch 1865 noch, als er beim «San Francisco Dramatic Chronicle» angestellt war, für hundert Dollar im Monat täglich ein 2000-Wort-Stück Wildwestjournalismus – per Postkutsche. Mark Twain war, wie man heute sagt, gut vernetzt, schnell und neugierig, und er kannte sich in den Strassen von San Francisco aus. Er war ein Skandalreporter, der auch vor Klatsch und Bosheit nicht zurückschreckte.

Die Polizei von San Francisco und ihr Chef Martin Burke wurden mehr als einmal Zielscheiben seines scharfzüngigen Spotts. In einer der jetzt aufgetauchten Kolumnen verwahrt sich Mark Twain gegen den Vorwurf, er habe Chief Burke in seiner Ehre verletzt, als er ihn mit einem Hund verglich, der seinem Schwanz nachjagt, um Eindruck bei seinem Frauchen und «einigen anderen Damen» zu schinden. Die Richtigstellung ist ein Meisterstück journalistischer Ironie: Der fast an Shakespeares «Brutus ist ein ehrenwerter Mann» erinnernde Refrain «he (the dog, not the Chief)», die leicht anzüglichen Anspielungen auf die «gymnastischen Kunststückchen» des Hundsfottes und weitere Amtsvergehen waren so geschickt formuliert, dass Burke nie wieder auf eine Erklärung drängte.

Twain schrieb ausgesprochen direkt: In der Lokalpolitik von San Francisco herrsche ein Ausmass von «Korruption, Erpressung, Bestechung und allgemeiner Schurkerei», das selbst die Verbrecher in San Quentin vor Scham erröten lasse; die Lokalpresse sei fast noch korrupter, und die Hälfte aller Cops müsste sowieso gehängt werden. Mit solchen Forderungen machte man sich nicht mal im Wilden Westen Freunde. Dass der Mann auch anders konnte, zeigt eine wunderbare Erzählung über zwei Goldgräber, deren Leben am Faden eines Rohlederseils und der Gnade eines schläfrigen Grubengauls hängt.

Die Kolumnen im «Territorial Enterprise», die Ende 2016 als Buch erscheinen sollen, zeigen Mark Twain als Draufgänger und Humoristen. Dabei war ihm 1865 nicht zum Scherzen zumute. Kurz vor seinem dreissigsten Geburtstag steckte Twain in einer schweren Identitätskrise: Er hatte immer noch keine Frau und keine Familie, keinen richtigen Beruf und keinen Lebensplan, aber jede Menge Schulden und ein Alkoholproblem. In einem Brief an seinen Bruder schrieb er damals, er wolle sich die Kugel oder Gift geben, sollte er nicht binnendreier Monate schuldenfrei sein. Wenige Jahre später war Mark Twain ein gemachter Mann, ja weltberühmt – als Schrift­steller und Vortragskünstler.

Erstellt: 06.05.2015, 20:45 Uhr

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