Der deutsche Untote

Friedrich II. machte Preussen zur europäischen Kraft. Nach seinem Tod nährte er deutsche Machtfantasien. Darum stellt sich zu seinem 300. Geburtstag die Frage: Darf man diesen König feiern?

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Die berühmteste Szene im Leben Friedrichs spielt am 6. November 1730. Der preussische Prinz ist 18 und ein verträumter Feingeist. Auf einer Reise durch die Provinz will er vor seinem Grobianvater, dem König, fliehen und das Land verlassen. Leutnant Katte, sein Freund, hilft bei dem Unterfangen, doch alles fliegt auf. Nun muss Friedrich durch das Fenster seiner Festungszelle zuschauen, wie Katte unten im Hof enthauptet wird.

Die brutale Geschichte ergreift im Schulunterricht junge Leute jeweils mächtig – wie überhaupt das Leben Friedrichs II., später der Grosse genannt, Emotionen weckt. Allerdings keine einheitlichen: Intellektuelle bewundern Friedrich für sein aufgeklärtes Denken und die Freundschaft mit dem Philosophen Voltaire. Generalstäbler schwärmen von Geniestreichen im Felde. Deutsche mit Selbsthass mögen es, dass Friedrich schreibend und konversierend das Französische bevorzugte. Pazifisten verabscheuen ihn dafür, dass er mit seinem Credo vom «Krieg bis zum Sieg oder Untergang» Hitler inspirierte. Und in der DDR stand Friedrich einst für Militarismus als Vorstufe des Faschismus.

Ein starker Stoff, dieses Leben; mit historisch-politischen Kontroversen ist im Hinblick auf den 300. Geburtstag am 24. Januar zu rechnen. Dass diesem Friedrich grundsätzlich historische Grösse eignet – das bestreitet keiner. Als König hat er Preussen zum europäischen Player gemacht. Zu einer Macht, die mit den klassischen vier konkurrieren konnte: mit England, Frankreich, Österreich, Russland. Friedrichs Preussen ist die Keimzelle des Deutschen Kaiserreiches, das Bismarck ein Jahrhundert später gründen wird. Der deutsche Nationalstolz hängt an diesem Manne.

Geschlagen und beschimpft

1712, im Geburtsjahr Friedrichs, ist Preussen ein nicht ganz ernst zu nehmendes Kleinkönigreich, ein territorialer Flickenteppich. Der Grossvater hat sich Anfang des Jahrhunderts selber vom Kurfürsten zum König befördert. Die Mark Brandenburg samt Berlin und Potsdam steht als Stammland im Zentrum. Gen Osten muss des Königs Kutsche viele Stunden durch Polen fahren, bis er wieder eigenes Gebiet erreicht. Nach Westen hin dauert es gar Tage, bis Kleve am Niederrhein erreicht ist.

Friedrich wird als Kind einer harten Zucht unterworfen. Der Vater trägt Uniform, verlangt Gottesfurcht, hält viel von Rechnen, Ökonomie, körperlicher Disziplin, aber nichts von Literatur und den schönen Künsten. Friedrich ist sein Gegenteil. Er fällt des Öftern vom Pferd, fürchtet sich vor dem Knall des Gewehrs, wird vom Vater als «effeminiert», verweiblicht, beschimpft. In einem Brief klagt er: «Täglich bekomme ich Schläge, werde behandelt wie ein Sklave und habe nicht die mindeste Erholung. Man verbietet mir das Lesen, die Musik, die Wissenschaften . . .»

Der Vater gehört dem Haus Hohenzollern an. Die Mutter entstammt dem Haus Hannover und ist die Tochter des englischen Königs. Daher das Ziel, das sich Friedrich ausdenkt, als er 1730 dem Vater zu entkommen sucht: Er will an den englischen Hof. Die versuchte Familienflucht ist somit Hochverrat. Für Tage sieht es aus, als würde Friedrich hingerichtet. Schliesslich muss allein Freund Katte sein Blut lassen.

Geistreiche Tafelrunden

1733 akzeptiert Friedrich eine unansehnliche Herzogstochter als Gattin. Der Vater, der unterdessen die Bibliothek des Sohnes versteigern liess, hat es so gewollt und verzeiht dem Sohn im Gegenzug dessen Fluchtversuch. Im Schlösschen Rheinsberg darf Friedrich ein wenig König spielen. Er inszeniert jene geistreichen Tafelrunden, die seinen Ruf als Schirmherr der Aufklärer begründen. In der Rheinsberger Zeit, den idealistischen Jungmännerjahren, schreibt er den «Anti-Machiavel»: eine Abrechnung mit dem Renaissancetheoretiker Niccolò Machiavelli, gemäss dem ein Fürst zwecks Machterhalt jede List praktizieren und jede Gemeinheit ausüben darf. Friedrich plädiert für die gute, gerechte Herrschaft.

1740 wird Friedrich selber König: Er ist Friedrich II., nachdem der Grossvater als Friedrich I. regiert hat und der nun ebenfalls verstorbene Vater als Friedrich Wilhelm I. Nimmt er die eigenen Ideale auch auf dem Thron noch ernst? Schon am dritten Tag seiner Regentschaft schafft er die Folter – mit wenigen Ausnahmen – ab. Aus demselben Jahr datiert der viel zitierte Spruch: «Die Religionen müssen alle tollerieret werden und mus der Fiscal nur das Auge darauf haben, das keine der anderen Abbruch tuhe, den hier mus ein jeder nach seiner Fasson selich werden.»

Kleines Reich, grosse Truppe

Allerdings sind Theorie und Praxis des Regierens zwei Dinge. Und vielleicht hatte der nüchterne Machiavelli doch recht. Friedrichs Europa besteht aus einer Handvoll Monarchien, deren Angehörige miteinander verwandt sind – und allzeit bereit, übereinander herzufallen. Schon im ersten Jahr als König bietet sich Friedrich die Chance, eine Schwäche des habsburgischen Nachbarn auszunutzen: Österreichs Kaiser stirbt. Einen Erbprinzen gibt es nicht. Bis sich die Kaisertochter Maria Theresia durchsetzt, dauert es. Das Vakuum nutzt Friedrich, um in Schlesien einzumarschieren, das den Österreichern gehört. Es ist wertvoll dank früher Industrialisierung, einer entwickelten Landwirtschaft, Bodenschätzen.

Maria Theresia wird zu Friedrichs lebenslänglicher Feindin. Sie ist die volkstümliche Katholikin, er der intellektuelle Protestant. Und der eiskalte Feldherr. Sein Reich ist klein, doch seine Truppe gross. Preussen ist die viertstärkste Militärmacht des Kontinents. Insgesamt drei Kriege wird Friedrich um Schlesiens willen durchstehen, wird brillante Siege erringen, wird einige Male aber auch am Abgrund stehen. Wiederholt gerät er selber in Gefahr. In der Schlacht von Kunersdorf 1759 wird ihm zweimal nacheinander das Pferd unter dem Leib weggeschossen, eine Kugel prallt an seiner Tabaksdose ab. In einer anderen Schlacht soll der Preussenkönig seinen Soldaten vorangestürmt sein mit dem Ruf: «Racker, wollt ihr ewig leben?» Der Mut der Verzweiflung prägt diesen König: «Entweder werde ich meine Macht behaupten, oder ich will, dass alles zugrunde geht und bis auf den preussischen Namen mit mir begraben werde», sagt Friedrich.

In den drei Schlesischen Kriegen, vor allem im dritten von 1756 bis 1763, auch der Siebenjährige Krieg genannt, wurzelt der volkstümliche Mythos vom Alten Fritz. Friedrich soll sich gerne zu seinen Soldaten ans Lagerfeuer gesellt und mit ihnen parliert haben. Gleichzeitig erringt er sich die Reputation, die Kraft zu haben, sich fremdes Land zu nehmen und einer Welt voller Feinde erfolgreich die Stirn zu bieten. Der Schlesienraub macht noch zwei Jahrhunderte danach Hitler Eindruck. Und bis in den Untergang hofft Hitler in seinem Bunker, dass auch ihm ein Wunder zuteilwird wie das «Mirakel des Hauses Brandenburg»: Nach der schrecklichen Niederlage von Kunersdorf ist Friedrich eigentlich am Ende. Doch die Sieger zaudern zu lang, und Friedrich rappelt sich auf.

Allein im Siebenjährigen Krieg sterben 180'000 preussische Soldaten. Friedrich zieht in Ehren nach Hause und grüsst die Gattin giftig: «Madame sind korpulenter geworden.» Im eigenen Staatswesen kann er seine Vision vom guten Fürsten leben, Neuerungen einführen, die schönen Seiten des Lebens geniessen. Er preist sich als «ersten Diener des Staates». Er fördert die Zuwanderung: «Und wen Türken und Heiden kähmen und wollten das Land pöplieren, so wollen wir sie Mosqueen und Kirchen bauen.» Er führt die Kartoffel ein, die noch «Tartoffel» heisst. Er spielt im Rokokoschloss Sanssouci zu Potsdam den kultivierten Herrscher. Er verkehrt mit Voltaire, komponiert, bläst mit Talent die Flöte. Deutsche Kultur – Wieland, Klopstock, Goethe, Herder, Lessing – kümmert ihn nicht. Er will lieber Französisch sprechen, schreiben, lesen.

Polen einfach aufgeteilt

«Staaten sind billig, wenn sie nur sieben bis acht Millionen kosten», lautet Friedrichs Schlesien-Bilanz. Ein zweites Staatsverbrechen begeht er in Komplizenschaft: Preussen, Österreich und Russland teilen 1772 Polen unter sich auf. Friedrich bekommt Westpreussen. Nun gebietet er über ein schönes, zusammenhängendes Reich. Die Staatsfläche weitet er von der Inthronisierung bis zu seinem Tod von 120'000 auf 195'000 Quadratkilometer aus. Das Gros der Steuereinnahmen fliesst in die Gewaltsarmee; es kursiert das Bonmot, Preussen sei kein Staat mit Armee, sondern eine Armee mit eigenem Staat. Und dank absurd hoher Schutzzölle prosperiert das Gewerbe: Eine Art merkantile Inzucht wird betrieben.

Die letzten Jahre Friedrichs II. sind zunehmendes Siechtum. Kinderlos stirbt er 1786 mit 74 Jahren; der Neffe folgt ihm nach. Friedrichs Letzter Wille ist es, in Sanssouci an der Seite seiner geliebten Hunde beigesetzt zu werden. Stattdessen beerdigt man ihn an der Seite des schrecklichen Vaters in Potsdams Garnisonkirche. Seither ist dieser König ein Untoter, der durch die Epochen irrt und die Menschen umtreibt oder auch irritiert. Deutscher Nationalismus, deutscher Chauvinismus, deutsche Machtfantasien nähren sich an ihm.

Der Historiker Tillmann Bendikowski eröffnet seine lesenswerte Friedrich-Biografie (siehe Box) denn auch mit der Leitfrage: «War dieser Friedrich nun ein Segen für sein Preussen und damit für Deutschland – oder begann mit ihm das deutsche Unheil, das mit Weltkrieg und Holocaust seinen traurigen Abschluss in den Trümmern Europas fand?»

Erstellt: 19.01.2012, 11:39 Uhr

Buch

Tillmann Bendikowski: Friedrich der Grosse. C.-Bertelsmann-Verlag, München 2011, 331 S., ca. 32 Fr.

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