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Der gute Mensch von Novartis

Wann ist der Mensch gut? Philosophie-Professor Anton Leist handelt diese Frage anhand von Daniel Vasella ab.

Würden wir uns anders verhalten? Daniel Vasella, Ex-CEO von Novartis.

Würden wir uns anders verhalten? Daniel Vasella, Ex-CEO von Novartis. Bild: Keystone

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Man muss es deutlich sagen: Das ist eine Frage, die entweder Kinder, Schriftsteller in verzweifelten Momenten oder philosophische Seminare stellen, und die gegenseitige Nähe innerhalb dieser Liste ist bedenkenswert, soweit es die Philosophen betrifft, sogar bedenklich. Natürlich ist die Frage unbeholfen, weil so vieldeutig wie ein Trompetenstoss. Aber dass sich die Philosophen in der Gesellschaft von Kindern und Dramatikern finden, also eine Frage ernst nehmen, die so pathetisch wie ungezielt ist, macht die Philosophen ähnlich verdächtig wie Kinder und Dramatiker. Meiner Meinung nach beruhigt sich das Bedenken auch nicht dadurch, dass die Philosophen im Unterschied zu den Kindern auf die Frage kontrolliert und, im Unterschied zu den Dramatikern, mit – wie sie es selbst gern formulieren – «Argumenten» reagieren. Philosophen schaffen Klarheit, aber wie können sie das bei dieser Frage?

Die meisten Menschen im Alltag, und damit völlig übereinstimmend die meisten Philosophen, verstehen die Frage so, dass nach einem Massstab für Gutsein gefragt wird. Wird die Frage von ihrer Mehrdeutigkeit befreit, indem das moralische Gutsein und die Eudaimonia, das Gutsein des Lebens, getrennt werden, dann bewegt man sich auf der Einbahnstrasse zu einer zweifachen Auskunft. Der Mensch ist gut, wenn er moralisch gut ist, und er ist gut, wenn er insgesamt, über das Moralische hinaus, in seinen Zielen gut ist. Gegenüber dem Zweiten herrscht heute erhebliche Skepsis, sodass sich die Antwort im Allgemeinen wohl insgesamt auf das moralische Gutsein reduziert. Der Mensch ist gut, wenn er moralisch gut ist.

«Lohnfairness»

Eine leichte Ungeduld ist an diesem Punkt vorherzusehen. Wann also, bitte sehr, ist der Mensch moralisch gut? Die meisten Philosophen reagieren darauf nicht anders als so, die Einbahnstrasse weiter zu fahren und nach Werten, Normen, Ansichten, Intuitionen und Ähnlichem zu suchen. In der Regel artikulieren sie die vage Version einer Antwort, die durchschnittliche Menschen im Alltag schwer bestreiten können: «... dann, wenn der Mensch altruistisch, rücksichtsvoll, gerecht, tolerant etc. ist», einzeln oder in Kombination. Diese Philosophen artikulieren etwas, was in der Erkenntnistheorie (gerichtet gegen den radikalen Zweifel) auch als «Banalität» bezeichnet wird, und das durchaus positiv. Während logische Banalitäten tiefsinnig sein können, sind moralische Banalitäten allerdings ärgerlich. Die Einbahnstrasse entpuppt sich als eine Sackgasse. Wie konnte das geschehen?

An diesem Punkt ist es günstig, die in unserem Zusammenhang hoch instruktive Geschichte um Daniel Vasellas horrende Rücktrittsabfindung ins Spiel zu bringen. Beachtlich ist in dieser Geschichte Verschiedenes. Auf der einen Seite das völlige Fehlen von etwas, was man grob mit «Lohnfairness» bezeichnen könnte, ersetzt durch das erfolgreich Verhandelbare (und möglicherweise immer noch für fair Gehaltene). Vasella und die von ihm repräsentierte Gruppe glauben uneingeschränkt an die Berechtigung ihrer Einkünfte. Auf der anderen Seite beeindruckt der Gesinnungsaufstand Novartis-naher Persönlichkeiten, nicht etwa des einkommensniedrigen Volks, und dessen Wirkung auf Konzern und CEO. Klarerweise ist die Wirkung eine durch Drohen und Sanktionieren, und sie ist keine der Einsicht, sondern nur eine des Rückzugs. Sicher ist das ein in vieler Hinsicht ungewöhnlicher Fall, für die gegenwärtige kapitalistische Gesellschaft aber sehr lehrreich.

Sozialer Kontext

Herr Vasella ist nicht so verschieden von den meisten von uns. Die Konzernewelt beschert ihm nicht nur ein materiell extremes Gehalt, sie erzeugt auch die geistige Sphäre, in der Motivation und Rechtfertigung für das Gehalt entstehen. In seinem Fall wird extrem anschaulich, dass der soziale Kontext dafür hoch verantwortlich ist, was jemand denkt und fühlt. Und wenn wir Herrn Vasella zugestehen – und ich denke, das sollten wir – dass er ein durchschnittlicher Mensch ist, dann gilt diese determinierende Funktion der sozialen Bedingungen für die moralischen Massstäbe nicht nur für ihn, sondern für alle. Wären, sehr hypothetisch gedacht, alle hohe Angestellte von Novartis, dann gäbe es keine Konflikte über die Höhe von Abfindungen. Angesichts der Frage «Wann ist der Mensch gut?» drängt sich deshalb eine zweite, eigentlich viel direktere Antwort auf: Dann, wenn und wie die sozialen Bedingungen ihn dazu machen!

Der Einwand liegt nahe: Ohne einen Massstab von Fairness oder Gleichheit wäre die Entrüstung allererst gar nicht entstanden, also Massstäbe vor den Bedingungen! Einmal dahingestellt, ob die firmennahe Reaktion tatsächlich moralischer und nicht wiederum geschäftsbewahrender Natur ist – selbst wenn wir alle vage Ideen des Guten mit uns tragen, konkretisiert werden sie doch nur durch die Bereitschaften, die wir im Durchschnitt manifestieren, auch entsprechend zu handeln. Ohne drohende Strafen und soziale Kontrollen handeln viele nicht gut. Und was es heisst, gut zu handeln, wird nicht durch einen bloss gedachten oder gewünschten Massstab fixiert, sondern durch die realisierbare Bereitschaft einer Mehrheit. Würde sich die Mehrheit nicht anders wie Herr Vasella verhalten können, wäre sein Verhalten richtig und er wäre ein guter Mensch.

Dass uns diese Folgerung widerstrebt, verweist auf die Hoffnung, dass sich viele von uns anders verhalten könnten, als nur ihren Profit zu vermehren. Einer solchen Hoffnung muss aber der reale Beweis noch folgen. Im Klartext: Wann (Massstab) «jemand ein guter Mensch ist», hängt davon ab, in welchem Ausmass wir unter realen Bedingungen gute Menschen sein können (Bereitschaft). «Wann der Mensch gut ist», ist also eine weitgehend offene – gerade auch was den Massstab betrifft, offene – Frage, weil sie davon abhängt, wozu Menschen bereit sind. Das zeigt, wenn überhaupt, bestenfalls die Zukunft. ----

Nachtrag des Autors:

Ethiker haben drei Möglichkeiten, um etwas «moralisch gut» oder «schlecht» zu nennen. Sie können sich auf eine tiefere Einsicht, ihre moralischen Überzeugungen oder auf psychologische Fakten berufen. Im optimalen Fall besteht ihre «tiefere Einsicht» in einer Vermutung über das Ganze der Moral, bei der sie sich auf die moralischen Überzeugungen und die Fakten stützen. Moralische Überzeugungen sind kein esoterisches Wissen, sondern die Ethiker teilen sie mit den meisten anderen in der gemeinsamen kulturellen Region. Wenn ich „Banalitäten“ in der Ethik ärgerlich nannte, dann meinte ich solche geteilten Überzeugungen, die Ethiker vielleicht in eine bessere logische Ordnung bringen, aber die sie nicht informativ mitteilen können, weil sie bereits reichlich bekannt sind.

Zunehmend viele Ethiker stützen sich dennoch nur auf ihre moralischen Überzeugungen, und sonst nichts. Dabei sehen sie sich durch das Argument vom «naturalistischen Fehlschluss» gestützt, dem zufolge man den «normativen», man könnte auch sagen «idealen» Charakter des Guten zerstört, wenn man es auf die tatsächlichen Verhaltensweisen reduziert. Sie sind dann allerdings mit der heiklen Frage konfrontiert, wie sich die Existenz des Guten nachweisen lässt und wie es uns zu motivieren vermag. Anstatt an der blossen Idee des Guten festzuhalten, finde ich es «gesünder», die tatsächlichen menschlichen Eigenschaften sprechen zu lassen. Eine informative Einsicht in «gute Menschen» erhält man nach dieser Auffassung nicht über Definitionen, Überzeugungen mit offener Wirksamkeit und schon gar nicht den «gesunden Menschenverstand». Man erhält sie vielmehr durch eine an die Handlungsbereitschaft der meisten Menschen gebundene Idealisierung, die einen «impliziten Vertrag» der Moral nachzeichnet, mit enger Bindung daran, welche sozialen Eigenschaften wir tatsächlich haben.

Dabei ist beachtenswert, dass unsere soziale Handlungsbereitschaft in hohem Ausmass vom sozialen Umfeld, dem Verhalten der anderen, abhängt. Die Frage, «wann der Mensch gut ist», lässt sich überhaupt nicht ohne den sozialen Kontext beantworten, auch wenn vielfach der Irrglaube herrscht, «der» Mensch sei unter allen Umständen derselbe. Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall, und dass die meisten Kritiker Vasellas seine Abgangszahlung ebenfalls freudig akzeptieren würden, sollte das unterstreichen. Kann man sich nicht einfach, wie ich glaube, auf eine verhaltensunabhängige Idee des Guten beziehen, dann brauchen wir Einblick in die günstigsten Bedingungen, unter denen Menschen sich akzeptabel verhalten.

Noch ein Wort zu meinen Kommentaren. Die meisten sehen die Antwort einfach darin, dass der gute Mensch altruistisch ist, also seinen Egoismus bekämpft. Das meinte ich mit Banalitäten. Interessant wäre doch vielmehr, wie sich das konkret austrägt. Der gute Mensch gibt seine Güter ganz auf, oder die Hälfte, oder 10%, wie manche Berufsethiker fordern? Nicht dass wir solche genaueren Informationen nicht bräuchten, wenn man eine «gerechte Steuer» oder «gerechte Löhne» bestimmen, oder einfach ein «guter Mensch» sein will. Im übrigen wollte ich zu keiner moralischen Verurteilung des CEO beitragen oder anregen, die mir zu billig scheint, solange ich dabei keine Kosten zu zahlen habe. Es ist offensichtlich, dass das System geändert werden muss, die Menschen in ihm sind nichts anderes als dessen Wirkung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.03.2013, 13:59 Uhr

Serie

Orientierungswissen scheint gefragt. Das beweisen nur schon die populärphilosophischen Bestseller eines Richard David Precht. Auch der Zeitschriftenmarkt hat sich kürzlich um zwei Philosophie-Magazine erweitert. Und neu stellt das Portal Philosophie.ch den Kontakt zwischen Professoren und Normalbürgern her. Tagesanzeiger.ch/Newsnet macht die Probe aufs Exempel und richtet in einer zweiwöchigen Serie die ganz grossen Fragen an Experten, die von Philosophie.ch ausgesucht wurden. (lsch)

Autor

Dr. Anton Leist ist emeritierter Professor der Universität Zürich für praktische Philosophie und einer der Herausgeber von «Analyse & Kritik», einer Zeitschrift für Sozialphilosophie und Sozialtheorie.

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