Der schöne Spielzug

Der Sieg ist nicht entscheidend: Warum uns der Sport fasziniert.

A passt zu B, B zu C, C schiesst aufs Tor: Auch in Wattenscheid im Ruhrgebiet ist man auf der Suche nach dem unvergesslichen Moment. Foto: Vario Images

A passt zu B, B zu C, C schiesst aufs Tor: Auch in Wattenscheid im Ruhrgebiet ist man auf der Suche nach dem unvergesslichen Moment. Foto: Vario Images

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Es hat sich etwas getan im Verhältnis der Intellektuellen zum Sport. Die Massen fasziniert er seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Bis vor wenigen Jahrzehnten war Sportbegeisterung für Geistesmenschen aber nur unter gewissen Vorbehalten akzeptabel: als praktizierter Sport und nicht als Zuschauer-Sport; als Oberschichten- und nicht als Proleten-Sport (Tennis ja, aber bitte keinen Fussball!); als distanziert-kritische und nicht «einfach identifikatorische» Teilnahme. Wer Fussball und gar eine Weltmeisterschaft als unwiderstehlich erlebte, galt aus «ideologiekritischer» Perspektive als sozialpsychisch geschädigt oder wenigstens als hoffnungslos naiv. Inzwischen ist der Fussball zu einem Lieblingsthema der Intellektuellen avanciert, ohne dass wir wissen, warum sich die Situation verändert hat. Was faszinierte sie, was fasziniert uns heute am Sport?

Kampf, Tugend und Kunst

Wenn wir von Sport reden, meinen wir nicht ein menschliches Verhalten im Sinne einer «Handlung», die auf die ­Realisierung einer Vision von Zukunft zielt, auf eine minimale oder einschneidende Veränderung der Welt. «Sport» erleben wir vielmehr als «Aufführung», mit einem Fremdwort: als «Performanz», als Verteilung und Choreografie von Körperbewegungen nach expliziten oder impliziten Regeln, innerhalb eines begrenzten Raums, den die Athleten mit potenziellen Zuschauern teilen. Es ist ein Ereignis, das von Akteuren und Zuschauern vor allem nach den Graden seiner Intensität geschätzt wird.

Diese Beschreibung trifft nun ebenso auf Tanz- oder Ballettaufführungen zu, obwohl wir sie nicht als «Sport» erleben. «Sport» nennen wir solche Aufführungen nur dann, wenn sie auftreten unter den oszillierenden Impulsen von «Agon» und «Arete», wie es in der griechischen Antike hiess, von Kampf und Tugend, unter dem doppelten Impuls des Wettbewerbs, der zu Sieg oder Niederlage führt und zugleich der permanenten Selbst-Steigerung.

Warum aber bindet die von Agon und Arete angetriebene Darbietung die Aufmerksamkeit einer grossen Zahl von ­Zuschauern? Derzeit findet die These immer stärkere Resonanz, dass wir den Sport in der Modalität ästhetischer Erfahrung wahrnehmen, also tatsächlich unter einer Inanspruchnahme unserer Sinne und unseres Intellekts, die deutliche Ähnlichkeit mit ihrer Inanspruchnahme durch Musik, Malerei und Literatur aufweist. Damit wird das sportliche Ereignis nicht gleich zum Kunstwerk (denn dazu gehört unbedingt der Wille des Künstlers, eben ein Kunstwerk zu schaffen). Es geht einfach darum, dass einige der klassischen Beschreibungen ästhetischer Erfahrung genau auf das ­Erleben der Sports-Fans passen.

Das gilt zum Beispiel für Immanuel Kants Analyse des ästhetischen Urteils in seiner «Kritik der Urteilskraft». Kant hebt zunächst die «Interesselosigkeit» dieses Urteils hervor und meint damit seine absolute Distanz zu allen praktischen Zielen und Interessen, die wir im Alltag verfolgen. So sehr auch die Siege oder Niederlagen meiner liebsten Mannschaften alle Affekte in Anspruch nehmen, sie schlagen sich nicht auf meinem Konto nieder oder in dem Lebenslauf, mit dem ich mich um Stellen bewerbe.

Weiter gehört es für Kant zum ästhetischen Urteil, dass wir uns bei ihm nicht auf «objektive», das heisst: quantitative oder stabil qualitative Kriterien verlassen können. Niemand wird sich nur deshalb für ein Spiel begeistern, weil viele oder wenige Tore erzielt und bestimmte taktische Marschrouten von den Trainern festgelegt wurden. Trotzdem gehen wir davon aus, dass unsere ästhetischen Urteile von allen anderen Betrachtern geteilt werden, unabhängig von dem Erfolg oder Misserfolg ihrer Mannschaft.

Gerne erinnere ich mich an eine aus einem ganz anderem Erfahrungsgrund entstandene, aber dennoch mit Kants Kriterien konvergierende Beschreibung des Sports als ästhetischer Erfahrung. Sie war die Antwort von Pablo Morales, einem der erfolgreichsten Delfinschwimmer, auf die Frage, warum er acht Jahre nach seinem triumphalen Abschied vom Wettkampfsport noch einmal die Extrembelastung einer Olympia­qualifikation auf sich nahm. «I wanted to be lost in focused intensity» («Ich wollte mich einer konzentrierten Intensität hingeben»), hiess die Antwort.

Die «ganze Hingabe» entspricht dem Begriff der «Interesselosigkeit» bei Kant. Über Kants Beschreibung des ästhetischen Urteils hinaus aber geht der Gedanke, dass Intensität im Sport auf etwas «konzentriert» ist («focused intensity»), das sich einstellen und zeigen kann – oder auch nicht.

Die Unvorhersehbarkeit

Pablo Morales war kein Mannschaftssportler, doch seine Formulierung führt direkt zu jener Schicht des Erlebens, die vor allem die Faszination der Mannschaftssportarten ausmacht. Dort geht es zunächst und vor allem um den schönen Spielzug («the beautiful play»). Der schöne Spielzug ist (erstens) eine Form, die (zweitens) immer durch mehrere Spieler verkörpert wird. Er hat (drittens) Ereignis-Charakter, weil nie vorherzu­sehen ist, ob ein geplanter oder sich abzeichnender Spielzug wirklich zur Realisierung kommt. Das genau sollen ja die Spieler der jeweils anderen Mannschaft verhindern, weshalb auch sie zur verkörperten Choreografie des Spielzugs beitragen. Schliesslich hat der schöne Spielzug eine besondere Zeitlichkeit: Er beginnt zu verschwinden, sobald er sichtbar wird.

Aber wo bleibt das Tor, der Korb oder der Homerun in dieser Beschreibung? Zunächst will ich betonen, dass viele Matches – mindestens langfristig gesehen – vor allem wegen ihrer schönen Spielzüge im Gedächtnis bleiben. Tor, Korb oder Homerun führen als erfolgreicher Abschluss von Spielzügen in eine andere Dimension der ästhetischen Erfahrung. Denn erst Sequenzen von Spielzügen machen die Dramatik des Mannschaftssports aus, die sich als Dramatik nackter Faktizität zeigt.

Damit ist das Resultat gemeint, das im Sport am Ende steht. Ein Pfostenschuss ist kein Tor, und die unglückliche Verletzung eines zentralen Spielers kann nie wirklich kompensiert werden; Situationen der Ambiguität gibt es im Sport nicht. Pfostenschüsse und unglückliche Verletzungen passieren eben, und genauso verhält es sich mit dem perfekten Strafstoss oder der gerade noch gelungenen Torwart-Parade.

Das nackte Schicksal

Eben deshalb ist das aus der Abfolge von Spielzügen entstehende Match nacktes Schicksal, Schicksal in der reinsten denkbaren Form – allerdings ohne Konsequenzen für das Alltagsleben der ­Zuschauer (während jene Spieler, die während des Matches an mögliche Konsequenzen in ihrem Alltag denken, wohl nie erfolgreich sein werden). In seiner Poetik der Tragödie hat Aristoteles mit spürbarem Erstaunen die ihm paradoxal scheinende Erfahrung erwähnt, dass sich die Zuschauer – unter der Bedingung von «Interesselosigkeit» oder «ästhetischer Autonomie» – auch an dem anscheinend widrigen Schicksal ihrer Helden erfreuen können.

Vielleicht wird ja der Unterschied zwischen sportlichen Siegen und Niederlagen im Blick auf die Zuschauer prinzipiell überschätzt (vor allem von den Zuschauern selbst – in ihren unmittelbaren Reaktionen tiefster Enttäuschung oder grenzenloser Euphorie). Gewiss, der Wunsch, die «eigene» Mannschaft siegen zu sehen, zieht uns an und bindet uns zunächst an das Spiel. Aber am Ende, das wissen wir, werden nicht allein die Momente des Sieges grosse Stadion-Momente gewesen sein.

(Erstellt: 17.06.2014, 07:45 Uhr)

Hans Ulrich Gumbrecht

Geboren 1945 in Würzburg, lehrt er seit 1989 Komparatistik in Stanford, mit weltweiter Resonanz. Zu seinen zahlreichen Büchern gehört «Lob des Sports» (2005).

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