Der «totale Intellektuelle»

Robert Menasse erhält am Sonntag den Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich.

Am 21. Juni 1954  in Wien geboren, ist der Germanist,  Philosoph und Politikwissenschafter für seine Essays, Romane und  Polemiken bekannt. Nun erhält er den Max-Frisch-Preis.

Am 21. Juni 1954 in Wien geboren, ist der Germanist, Philosoph und Politikwissenschafter für seine Essays, Romane und Polemiken bekannt. Nun erhält er den Max-Frisch-Preis.

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«Die spinnen, die Schweizer», kommentierte ein österreichischer Blogger die Nachricht von der Verleihung des Max-Frisch-Preises an Robert Menasse; andere sprachen von Freunderlwirtschaft. Schon wahr, Menasse, Sohn der Wiener Fussballlegende Hans Menasse und Bruder der Schriftstellerin Eva Menasse, hat schon 28 Preise bekommen und braucht also nicht unbedingt die 50'000 Franken, mit denen die Stadt Zürich jetzt sein Werk honoriert. Aber man muss solche Wortmeldungen auch nicht allzu ernst nehmen: Es ist nur Wiener Schmäh unter Freunden, die der Umtriebigkeit des «totalen Intellektuellen» Menasse immer mal wieder Parodien, launige Schimpfreden und sogar seriöse literaturwissenschaftliche Studien widmen.

Man kann Menasse viel vorwerfen: sein überbordendes Talent zur Selbstinszenierung etwa, sein Jonglieren mit Hegel- und Adorno-Zitaten, seine Lust an Klatsch, Kalauer und Klamauk oder auch «Die letzte Märchenprinzessin», seinen Beitrag zum Lady-Di-Kult. Aber wenn er jetzt diesen Preis für seine Verbindung von «literarischer Meisterschaft, intellektueller Schärfe, politischem Engagement und historischem Bewusstsein» (Jurybegründung) bekommt, dann hat das schon seine Richtigkeit.

Begnadeter Polemiker

Menasse hat in brillanten Essays wie «Dummheit ist machbar» oder «Das Land ohne Eigenschaften» erklärt, wie Österreich tickt, und wurde als Nestbeschmutzer gescholten; wie Frisch legt er sich auch gern mit übermächtigen Gegnern an, und wie jener spielt auch er in seiner Prosa das Spiel mit biografischen Fiktionen und Spiegelungen.

Und auch das mit der «intellektuellen Schärfe» ist nicht übertrieben: Menasse ist ein begnadeter Sarkast und Polemiker in der Tradition von Karl Kraus und Anton Kuh, und er hat nicht nur im Kaffeehaus Philosophie und Sprachkritik studiert. Er liebt Kapriolen und Zuspitzungen. In seiner Frankfurter Poetikvorlesung bezeichnete er den Terrorismus als «Ideal individueller Entfaltung» und 9/11 als «unsere Rettung im dialektischen Sinne». Im Essay «Der Europäische Landbote» (2012) outete er sich für die viel gescholtenen Brüsseler Bürokraten. Wenn Europa noch eine Chance habe, dann liege sie nicht in «nationalen Provinzpolitikern», sondern in seinen gross denkenden Beamten.

Eine höfliche Absage

Robert Menasse hat nicht zufällig über den Typus des Aussenseiters im Literaturbetrieb promoviert. Der Sechzigjährige ist einer der buntesten Hunde im bunten österreichischen Kulturbetrieb, Hansdampf in allen literarischen, politischen und philosophischen Gassen Wiens: Pamphletist, Provokateur, Übersetzer, Talkshowdauergast und nicht zuletzt Schriftsteller. Eine Poetik im eigentlichen Sinne hat er nicht. Menasse will nur die Epoche, in der er lebt, «bis zur Kenntlichkeit schreibend entstellen», und dafür sind ihm alle Mittel recht: Ideen-, Kriminal-, Familien-, Bildungs- und Heimatromane, postmoderne Faxen und intellektuelles Geschwurbel.

So hat er ein halbes Dutzend Romane und ein Theaterstück geschrieben und in seinen Essays weder Freund noch Feind geschont. Als sehr österreichischer «Wutbürger» bleibt Menasse auch beim Protestieren und Negieren fast immer charmant und höflich. Als Kanzler Schüssel ihn einmal zu einem Mittagessen einladen wollte, sagte er mit der Begründung ab: «Nein danke, ich bin schon satt.» So kann sich der freie Geist auch von der Macht fernhalten.

Erstellt: 09.05.2014, 07:20 Uhr

Max-Frisch-Preis

Die bisherigen Preisträger

2011: Barbara Honigmann

2006: Ralf Rothmann

2002: Jörg Steiner

1998: Tankred Dorst.

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