Der umstrittenste Chefbeamte

Pontius Pilatus liess Jesus hinrichten – schlimm! Bloss: Hätte er es nicht getan, so gäbe es kein Leiden am Kreuz, keinen Erlöser der Menschen und also kein Christentum.

Ein Ölgemälde von Matthias Stomer aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts: Pontius Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld. Foto: Peter Willi (Bridgemanart)

Ein Ölgemälde von Matthias Stomer aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts: Pontius Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld. Foto: Peter Willi (Bridgemanart)

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Was für eine zweideutige Gestalt! Pontius Pilatus gilt uns als Bösewicht. Als ­Jesus-Richter eben. Die koptischen Christen Ägyptens hingegen verehren ihn als Heiligen. Pontius Pilatus habe das Todesurteil gegen Jesus bereut und sich zum Christentum bekehrt, sagen sie.

Allerdings gibt es keine ernst zu nehmenden Belege dafür, dass Pontius Pilatus den Hinrichtungsbefehl bedauert hätte oder gar Christ geworden wäre. Weshalb auch? Jesus war aus seiner Sicht bloss einer jener jüdischen Aufwiegler, die ihm das Leben als römischer Präfekt in Judäa erschwerten.

Wer war dieser berühmteste Chefbeamte aller Zeiten überhaupt? Einiges ist über ihn bekannt, aber nicht allzu viel. 26 nach Christus tritt Pontius Pilatus in die Geschichte ein, als er die Präfektur von Judäa übernimmt. Vier Jahre später lässt er Jesus kreuzigen. Und nach gut zehn Jahren im Amt wird er im Jahr 37 als Präfekt abgesetzt. Er reist nach Rom zurück, wo sich seine Spur verliert.

Die verstümmelte Inschrift

Seinen Vornamen kennen wir nicht. Der Mittelteil des Namens, Pontius, ist gebräuchlich; einer der Mörder Caesars entstammt derselben Familie. Der dritte Namensteil, Pilatus, wird verschieden gedeutet: «Hutträger», «mit einem Speer bewehrt», «haarlos». Die Familie zählt nicht zum Senatorenstand, sondern nur zum Ritterstand, dessen Angehörige zu Pferde in den Krieg einrücken. Das können bessere Bauern sein oder habliche Gutsherren.

Pontius Pilatus ist Roms fünfter Präfekt in Judäa; die Kolonialmacht kontrolliert seit einiger Zeit das jüdische Kernland. Mittelpunkt der Provinz ist Jerusalem im Landesinneren mit dem Tempel der Juden. Die Römer regieren von der Küste aus, von Caesarea Maritima am Mittelmeer, einer für damalige Verhältnisse modernen Stadt, luftig, hell, im griechischen Stil erbaut.

1961 gibt es aus Caesarea Maritima eine Weltsensation auf dem Gebiet der Archäologie zu melden. Man hat einen Stein entdeckt, 82 Zentimeter hoch, wiederverwendet als Teil einer Treppe. Einst war er in einem öffentlichen Gebäude platziert. Er trägt eine verstümmelte Inschrift. In ihr tritt Pontius Pilatus auf, und zwar als Stifter eines «Tiberium». Eventuell handelt es sich um einen Leuchtturm an der Hafenmole.

Damit ist Pontius Pilatus auf greifbare Art und Weise geschichtlich nachgewiesen. Ansonsten taucht er ausserhalb der Bibel bloss als Randfigur in Geschichtswerken auf.

Ein Provinzpräfekt ist normalerweise ein Verwaltungsmann mit militärischem Hintergrund. Seinem Kommando unterstehen örtliche Hilfstruppen, ernannt wird er vom Kaiser. Nicht in diesem Fall. Kaiser Tiberius, zu dessen Zeit die Geschichte spielt, ist ein menschenscheuer Mann, der Rom als Intrigennest hasst. Just im Jahr 26, als Pontius Pilatus nach Judäa entsandt wird, zieht sich Tiberius auf die Insel Capri im Golf von Neapel zurück.

Antike Geschichtsschreiber haben die Sache ausgeschmückt: der Kaiser als Lustgreis, von Hautgeschwüren entstellt und im Thermalbad von Lustknaben umschwommen.

Zum starken Mann in Rom ist Seianus aufgerückt. Tiberius vertraut seinem Chef-Leibwächter blind; dieser soll sich einst bei einem Höhleneinsturz schützend über ihn geworfen haben. Seianus ist es, der Pontius Pilatus zum Präfekten von Judäa ernennt. Warum gerade ihn? Eine persönliche Beziehung? Irgendeine Form von Die-eine-Hand-wäscht-die-andere? Oder bloss ein normaler Verwaltungsvorgang?

Aufruhr in Jerusalem

Einfach hat es Pontius Pilatus nicht in seiner Provinz. Die Juden sind ein Unruhevölkchen, ihre Spezialität Massenproteste. Die Erinnerung an die Zeit der Hasmonäer lebt, einer jüdischen Dynastie, die einst unabhängig war. Im Alltag haben sich die Juden aber mit den Besatzern arrangiert, die ihnen Spielraum ebenso zugestehen wie einen – von Rom kontrollierten – eigenen Herrscher. Zur Zeit Jesu ist es Herodes Antipas.

Keinesfalls will sich Rom in fremde Glaubensdinge einmischen. Die Juden werden in ihrer Einzigartigkeit belassen, zu der drei Dinge gehören: erstens der Glaube an den einen Gott. Zweitens das mosaische Gesetz mit Beschneidung, Sabbatruhe und Speisevorschriften. Und drittens der Tempelkult samt dem dafür zuständigen Priesterstand.

Einige Male gerät Pilatus in seinen zehn Amtsjahren in Konflikt mit den Juden. Einmal lässt er in einem Palast zu Jerusalem vergoldete Bronzeschilde anbringen mit dem Namen von Tiberius. Das ist nichts Unübliches, doch es löst Demonstrationen der Juden aus. Der deutsche Altertumshistoriker Alexander Demandt spekuliert, dass das dem Kaisernamen beigestellte Adjektiv «göttlich» die Juden erzürnt habe. Für sie gibt es nur einen Gott. Den ihren.

Überliefert hat die Episode der jüdische Historiker Philo Alexandrinus. Ein anderer jüdischer Chronist, Flavius Josephus, erzählt eine derart ähnliche Geschichte, dass Forscher heute von ein und demselben Ereignis ausgehen.

Pontius Pilatus schickt demnach Truppen von Caesarea nach Jerusalem, die ihre Feldzeichen mitführen. Das Bild des Kaisers bewirkt Massentumulte. Der Präfekt lässt die Juden in einem Stadion zusammentreiben. Seine Soldaten zücken die Waffen. Die Juden weichen nicht, werfen sich nieder, entblössen ihre Nacken. Sie lassen sich lieber töten, als nachzugeben. Schliesslich willigt Pontius Pilatus ein, die Bilder wieder zu entfernen. Er will kein Blut vergiessen.

In einer anderen Affäre erlebt man ihn als Modernisierer. Pontius Pilatus will Jerusalem zu mehr Wasser verhelfen. An den grossen Wallfahrtsfesten wird es jeweils knapp. Er entwirft den Plan für eine neue Wasserfernleitung. Allerdings will er sie aus dem jüdischen Tempelschatz finanzieren, der durch Steuerabgaben und Spenden gewachsen ist. Zu Tausenden zieht die entrüstete Menge vor seinen Statthaltersitz in Jerusalem. Soldaten mit Knüppeln dreschen los. Panik kommt auf, viele sterben.

Die Herrschaft des Pontius Pilatus bleibt den Vorkommnissen zum Trotz ein Jahrzehnt stabil. Sein wichtigster Verbündeter ist Kaiphas, Hohepriester, Chef des Synhedrion, des jüdischen ­Hohen Rates, in den die bedeutenden Familien Mitglieder delegieren. Man hat gemeinsame Interessen. Pilatus braucht einen verlässlichen Mann unter den Juden. Und Kaiphas braucht einen Römer mit offenem Ohr für seine Belange.

Kriegsrecht gegen Jesus

Die Juden sind zersplittert in Glaubensrichtungen und Fraktionen. Die einen leben in forcierter Frömmigkeit. Die anderen sympathisieren mit einem philosophischen Griechentum. Und viele erwarten den Messias: den im Alten Testament erwähnten Gesalbten, den gottgesandten Retter am Ende der Zeiten, den Mann, der religiöser Führer und König sein wird. Solche Figuren stehen zur Zeit des Pontius Pilatus und etwas früher oft auf. Der Sozialrebell Judas von Gamala etwa wiegelt zwischen sechs und neun nach Christus das Volk auf, indem er gegen die Volkszählung und Vermögensschätzung wettert.

Einer aus dieser Reihe von Unruhestiftern ist aus Sicht der Römer und ihrer jüdischen Verbündeten Jesus von Nazareth. Als er am Palmsonntag in Jerusalem einzieht, wird er mit Messias-Rufen empfangen.

Marschiert da ein jüdischer König auf? Kaiphas und die etablierte Elite fühlen sich bedrängt und infrage gestellt.

Die jüdische Tempelpolizei setzt ­Jesus schliesslich fest, überstellt ihn den Römern. Fachmann Demandt sortiert, was in den vier Evangelien zu den folgenden Ereignissen steht. Hat die Frau des Pontius Pilatus diesen gewarnt, Jesus zu kreuzigen? Bare Erfindung. Hat Pontius Pilatus versucht, die Hinrichtung zu verhindern? Kaum. Ist er mit Jesus in den Dialog getreten? Fiktion. Hat er seine Hände in Unschuld gewaschen? Die altbiblische Geste passt nicht zum Römer. Hat er Jesus entkleiden und geisseln lassen? Das war Usus. Und die Todesstrafe? Ein Stück Kriegsrecht.

Entlassung nach Massaker

Pontius Pilatus lässt Jesus nicht hinrichten, weil dieser den Glauben der Juden infrage stellt; das geht ihn nichts an. Sondern er folgt Kaiphas, der Jesus als Aufwiegler zur Steuerverweigerung und Möchtegernkönig der Juden hinstellt. Das stellt Roms Herrschaft infrage; es ist ein Majestätsverbrechen, für das die ­Todesstrafe vorgesehen ist.

Pilatus vollzieht ein «politisch motiviertes Gefälligkeitsurteil gegenüber Kaiphas», so Historiker Demandt. Es handle sich um «eine ganz gewöhnliche Polizeimassnahme gegen einen Rebellen, einen von Aberhunderten».

Der Fall Jesus ist aus der Perspektive des Pontius Pilatus also einer von vielen. Jesus ist schnell vergessen, die Arbeit geht weiter, neue Konflikte ziehen herauf. Einige Jahre nach Jesu Kreuzigung stürzt Roms Oberfunktionär über einen Zusammenstoss mit den Samaritanern, einer Art Sekte der Juden, die einen ­Propheten erwartet. Ein solcher erhebt sich, sammelt die Samaritaner, will mit ihnen den heiligen Berg Garizim besteigen. Die Masse seiner Gefolgsleute, bereit zum Endkampf, formiert sich in einem Dorf, es kommt zur Schlacht mit den Römern. Viele Menschen sterben.

Die Samaritaner beschweren sich beim unmittelbaren Vorgesetzten von Pontius Pilatus, dem Statthalter Syriens. Dieser setzt Pontius Pilatus im Jahr 37 ab und beordert ihn nach Rom, wo er sich vor Kaiser Tiberius erklären soll. Doch als er ankommt, ist Tiberius tot.

Damit enden die verlässlichen Nachrichten über Pontius Pilatus. Alexander Demandt macht ihm abschliessend ein Kompliment. Er attestiert ihm «grosses Durchsetzungsvermögen in einer unruhigen Provinz».

Pilatus und der Pilatus

Im Übrigen darf gesagt werden, dass es ohne Pilatus wohl kein Christentum gäbe; derart zentral ist die Vorstellung, dass der Gottessohn am Kreuz litt und starb und die Sünden der Menschen auf sich nahm. Pilatus war das Werkzeug des göttlichen Heilsplans. Auch wenn ihn der Volksglaube als teuflische Figur verewigte – am Zentralschweizer Berg Pilatus etwa, der seinen Namen trägt. Dort gab es im Mittelalter ein Seelein, in dem angeblich der untote Pontius Pilatus hauste. Warf man Steine ins Wasser, zogen Unwetter auf.

Pilatus war zu Lebzeiten ein Verwalter. Seither ist er eine Figur zwischen Gut und Böse. Eine personifizierte Schuldfrage. Ein Spektakel der Moral und Amoral auf ewig.

Wichtigste Quelle: Alexander Demandt, «Pontius Pilatus», C.H. Beck Wissen, München 2012, 128 S., circa 14 Franken.

Erstellt: 15.04.2014, 06:58 Uhr

Judäa zur Zeit Jesu

(Bild: TA-Grafik)

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