«Deutschland ist ein Irrenhaus»

Komiker Oliver Polak über Paris, Humor und die «nicht entnazifizierte Seele» seiner Heimat.

Foto: Oliver Polak/wikimedia

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Am Nebentisch füttert eine Dame ihrem Hund Wiener Schnitzel. Das berühmte Café Einstein Unter den Linden: Spitzenpolitiker kommen hier mittagessen, manchmal auch die Bundeskanzlerin. Oliver Polak, der 37-jährige Wahlberliner aus dem Emsland, trägt: Turnhose, Sneakers, Bart, Bauch. Er bestellt einen Liter Sprudelwasser und Rührei mit Lachs. Es ist nach eins, aber Polak ist eben erst aufgestanden. Der Jetlag. Polak war, mal wieder, nach New York geflüchtet. Denn Deutschland findet der jüdische Comedian manchmal unerträglich.

Über den Terror in Paris müssen wir reden. Ändert sich etwas für Sie?

Für mich als Komiker? Es ändert sich nichts.

Wie denken Sie über die Mohammed-Karikaturen?

Ich denke: Die malen also immer diese Karikaturen, aber woher will man wissen, ob das überhaupt Mohammed ist? Denn es hat ihn ja niemand jemals gesehen oder gemalt. Das finde ich eine interessante Frage. Oder, was man auch mal sagen muss, ein Islamist, der im jüdischen Supermarkt erschossen wird: Was für ein erniedrigender Tod für den! Das ist ungefähr so, als würde Alice Schwarzer beim Oralsex am Penis ersticken.

Verstehe. Ein Oliver Polak wird wegen Terror nicht zahmer.

Aber als Deutscher mit meinen Wurzeln, meiner Religion, da ändert sich was. Wenn ich sehe, wie in Frankreich, wie in Europa jüdische Kinder vor Kindergärten erschossen, wie gezielt jüdische Menschen angegriffen werden – und immer seltener sagt jemand etwas … Oder man überhört Gespräche: «Ah, drei jüdische Kinder wurden erschossen, sind ja selbst schuld, weil was die da in Israel machen …» Diese Haltung, da wird einem natürlich schlecht. Auch als im Sommer die Demonstrationen waren wegen Gaza, wo Linke, Rechte und Weltverschwörungstheoretiker sich vereinten und Israelfahnen verbrannt wurden …

… und man fragt sich: Wo bleibt der ­Aufschrei?

Wo man ja immer vor dem islamistischen Terror warnt: Die einzigen Anschläge in den letzten zehn Jahren in Deutschland, das war der NSU, da hab ich nie jemanden gesehen mit «Je suis Nicht-NSU». Das ist so ein ­dunkler Geist, der hier herumschwirrt. Deutschland ist ein Irrenhaus, eine kranke, nicht entnazifizierte Seele. Die Einzige, das muss man fairerweise sagen, die mal was gemacht hat, das war die «Bild»-­Zeitung: «Nie wieder Judenhass in Deutschland», schrieben die gross und fett. Aber von den ­ganzen Facebook-Nahost-Experten wünschte ich mir, dass sie sich wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren: Lanz kritisieren und «Tatort».

In Berlin werden geschichtsträchtige Orte wie die ehemalige jüdische Mädchenschule in hippe Lokale verwandelt. Wie finden Sie das?

Komisch, seltsam. Man wirbt sogar damit, dass es die jüdische Mädchenschule ist: Seht her, hier wurden die alle abgeholt, und ihr könnt jetzt am selben Ort geiles Fleisch essen. Nein, das ist nicht mein Style. Aber was soll ich sagen? Die Leute sind kaputt, und jeder macht halt, wie er kann und meint. Wenn die meinen, dies wäre die richtige Form, um die Erinnerung aufrechtzuerhalten: Herz­lichen Glückwunsch, willkommen in der Bedeutungslosigkeit!

Sie sind in Papenburg aufgewachsen, Emsland, Niedersachsen. Wie muss man sich Papenburg vorstellen?

Ländlich, alles katholisch. Es hat keine Entnazifizierung stattgefunden, leicht rechtskonservativ. Papenburg ist genau der Ort, wo man nicht aufwachsen will.

Kurz: keine glückliche Kindheit?

Bedingt. Mein Elternhaus war cool. Ansonsten: nicht so cool.

Antisemitismus?

Auch. Auf dem Schulhof gejagt werden als Ausländerjude. Oder die Kinder wollen dich nicht anfassen, weil sie meinen, sie kriegen «Judenaids».

Die Erinnerung an den ersten Auftritt?

Der war schon revolutionär, irgendwie. Denn das gab es in Deutschland nicht, einen Stand-up-Comedian, der das Jüdische mit reinbringt. Aber du wirst dann eben auch darauf reduziert. Es hiess nur noch «jüdisch, jüdisch, jüdisch».

Das hat Sie genervt?

Es hat mich überrannt, überrumpelt. Es hat mich vor allem genervt, weil es keinen selbstverständlichen Umgang damit gibt. Wenn du in Amerika gefragt wirst, woher du kommst, und du sagst: «Meine Mutter ist aus St. Petersburg, und wir sind jüdisch», dann höre ich: «Oh, nice, interessant.» Wenn ich in Deutschland dasselbe sage, dann kippt es gleich: «Warum musst du erwähnen, dass du jüdisch bist? Ich sag auch nicht, dass ich Christ bin.» Ich verstehe das nicht, es entscheidet doch jeder selbst, wie er sich definiert. Aber vielleicht ist die einzig sinnvolle Antwort sowieso: «I come from my mother.»

Sie hatten grossen Erfolg mit dem Programm, aber Sie konnten irgendwann nicht mehr.

In den Grossstädten war es okay, aber sobald es ländlicher wurde, gab es Konflikte. Es war oft auch das falsche Publikum, ein Kabarettpublikum, das nicht geschnallt hat, dass dies Comedy ist. Die hatten etwas ganz anderes erwartet, so einen Fühlguthumor, vermute ich, Salcia Landmann, Ephraim Kishon.

Ein bisschen ein Missverständnis.

Ein bisschen sehr. Die Leute verstehen oft nicht: Es ist Comedy, das ist nicht eins zu eins so gemeint. Wenn ich sage, ich vergesse die blöde Sache mit dem Holocaust und ihr verzeiht mir Michel Friedman, dann ist das ein Gag. Oder du machst Pädophilenwitze, und die denken, du seist wirklich pädophil. Jedenfalls, ich hielt die Leute für aufgeklärter. Humor erfordert eben auch Allgemeinbildung. Fehlt die Allgemeinbildung, siehst du einfach einen dicken Juden, der auf der Bühne tanzt, und denkst: «Hä?»

Sie sagen gern: Deutschland ist «humorbehindert».

Das meine ich auch so. Ich suche mit meinem Humor die Reibung, aber die Deutschen wollen sich nur wohlfühlen, nicht nachdenken müssen. Es gibt keine Humortradition in Deutschland. Ich weiss nicht, ob das mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Doch vielen Leuten fehlt einfach ein Humorverständnis.

Die Auftritte haben Sie kaputtgemacht. Sie fühlten sich als «Showjude», als «Holocaust-Clown» abgestempelt, davon schreiben Sie in Ihrem neuen Buch. Sie wurden schwer depressiv und checkten in die Psychiatrie ein.

Ich war müde. Ich glaube, Auslöser für meine Depression war vor allem der Tod meines besten Freundes, aber es kam alles zusammen. Es wurde immer dunkler. Ich fühlte mich sehr einsam, hing irgendwie fest. Vermutlich kommen auch frühkindliche Erfahrungen dazu, ein Cocktail.

Das Buch heisst «Der jüdische Patient», doch auf dem Umschlag ist das Wort «jüdische» durchgestrichen.

Das Cover hat Daniel Richter ge­­staltet. Das durchzustreichen, war ein Impuls von ihm, und ich fand: «Ja, macht irgendwie Sinn.» Denn eigentlich bin ich einfach der Patient, aber weil wir hier in Deutschland sind, bin ich eben der jüdische Patient. Doch diese Fokussierung aufs Jüdische, alles, worüber wir gerade geredet haben, das ist für mich nun Vergangenheit, das war das erste Buch. Mir war es wichtig, dies mit meiner neuen Show «Krankes Schwein» aufzu­brechen. In der Show geht es um Rassismus, Antisemitismus, Vergewaltigung, ganz viele lustige Dinge. Dieses Aufbrechen war ein Befreiungsschlag. Jetzt geht es mir total gut, und ich freue mich auf den Auftritt in der Schweiz. Es heisst immer, die Schweizer seien schwierig – totaler Bull­shit. Ich war mehrmals da, die Leute sind manisch abgegangen. Nur eine Sache stimmt mich traurig.

Ihr verehrter Udo Jürgens, der gross vorkommt im Buch, wird fehlen.

Ich hatte das Glück, ihn im November noch zu treffen. Da habe ich ihm auch das Buch gegeben. Sein Stuhl wird leer bleiben.

Oliver Polak liest am 4. Februar im Kaufleuten in Zürich.

www.kaufleuten.ch

Erstellt: 02.02.2015, 13:02 Uhr

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