Die Kunst, auch die schlechte, ist frei

Es ist richtig, über unseren Umgang mit dem «Andern» nachzudenken. Aber dazu das Antirassismusgesetz zu bemühen, ist der falsche Weg.

Kontrovers diskutiert: Sebastian Baumgartnes Zürcher Inszenierung von Brechts «Die heilige Johanna der Schlachthöfe».

Kontrovers diskutiert: Sebastian Baumgartnes Zürcher Inszenierung von Brechts «Die heilige Johanna der Schlachthöfe». Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie

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Black-faced Bimbos in Baströckchen, mit Afrofrisur, servilem Dauergrinsen, ins Dauerdienern gekrümmt: Das gabs vor einem Jahr auf der Pfauenbühne. Und es war kein Problem, sondern ein selbstkritischer, wenn auch etwas lendenlahmer Seitenhieb auf den alten Südstaaten-Rassismus, der, in anderer Form und anderem Ausmass, bis heute überall da zu finden ist, wo Weiss-Sein als Norm angesehen wird. Also auch bei uns. Subtil war das nicht, so wenig wie der Rest von Stefan Puchers Inszenierung von «Die Katze auf dem heissen Blechdach». Aber Kunst. Und Kunst ist frei. Schlecht vielleicht, aber frei. Das steht so in unserer Verfassung, Artikel 21: «Die Freiheit der Kunst ist gewährleistet.» Artikel 16 deklariert: «Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden, sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten.» Artikel 17 zur «Medienfreiheit» hält fest: «Zensur ist verboten.»

Diese Artikel gehören allesamt zu den existenziellen Errungenschaften demokratischer Staaten. Es sind Errungenschaften, deren Verteidigung dazu führte, dass selbst das rechtskonservative Blatt «Die Weltwoche» in Milo Raus Theaterprozess 2013 freigesprochen wurde, obwohl ihr Kampagnenjournalismus durchaus problematisch ist.

Das Wertedilemma

Auf der einen Seite steht also die Antirassismus-Strafrechtsnorm Art. 261bis StGB, die da besagt, dass sich strafbar macht, «wer öffentlich durch Wort, Schrift, Bild, Gebärden, Tätlichkeiten oder in anderer Weise eine Person oder eine Gruppe von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion in einer gegen die Menschenwürde verstossenden Weise herabsetzt oder diskriminiert oder aus einem dieser Gründe Völkermord oder andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit leugnet, gröblich verharmlost oder zu rechtfertigen sucht». Andererseits gewährleistet die Verfassung eben Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit – auch für Comedians. Selbst dann, wenn es sich um schlechte, dumme, ja, rassistische Satiren handelt wie Birgit Steineggers Sketch übers «Täschligate». Wenn die Kunst mit Gesetzen umstellt ist, die unsere demokratischen Werte schützen sollen, hat die Demokratie dann wirklich gewonnen?

Steineggers Figur der trippelnden, grunzenden schwarzen Kundin war völlig unnötig, um sich über den allgegenwärtigen politisch korrekten Eiertanz lustig zu machen. Darum fallen ihre rassistischen Züge umso mehr ins Auge. Das ist schwer daneben. Allerdings gehts beim hochintellektuellen Pucher wie bei der plumpen Steinegger im Grunde nicht um die Schwarzen bei der Blackfacing-Szene, sondern um Defizite der Weissen. Pucher, so meinen wir, tut das ironisch, gebrochen, durchdacht; Steinegger dagegen tumb und tel-quel. Aber in beiden Fällen ist das Nichtweisse nur Folie, Mittel zum Zweck und Marker eines «anderen» – und auf dieser Ebene Rassismus.

Gruppe Bühnenwatch

Aus diesem Generalverdacht heraus schlossen sich Blackfacing-Gegner Ende 2011 zur Gruppe Bühnenwatch zusammen, die gegen Joachim Blieses schwarz geschminkten Schwarzen in Didi Hallervordens «Ich bin nicht Rappaport» Sturm lief; Bliese hatte diese Rolle schon 1987, bei der deutschen Erstaufführung, genauso an der Seite von Bernhard Minetti gespielt und verbat sich jede Rassismus-Unterstellung. Sebastian Baumgartens Zürcher Inszenierung von Brechts «Die heilige Johanna der Schlachthöfe» wiederum führte 2013 am Berliner Theatertreffen zur Blackfacing-Sonderveranstaltung. Isabelle Menke hatte die halb verhungerte Arbeiterwitwe schwarz angemalt gespielt, mit Wollperücke und ausladendem Po: als Inbild der Ausbeutung von einst und jetzt; und Bühnenwatch empörte sich heftig.

Regisseur Michael Thalheimer seinerseits hat, wegen Bühnenwatch-Protesten, die beiden schwarzen, illegalen Immigranten in Dea Lohers Stück «Unschuld», die er erst mit schwarz geschminkten Schauspielern besetzt hatte, Clownweiss anmalen lassen. Aus Blackfacing wurde Whitefacing, und Thalheimer kommentierte: «Da fällt mir kein Zacken aus der Krone.» Das klingt nicht nach Einsicht, sondern höchstens nach Nachsicht.

Ist eine so aggressive Bühnenwatch-Politik sinnvoll? Trifft sie, bös gesagt, ins Schwarze unsrer aller rassistischen Abgründe? Man sollte zumindest darüber reden dürfen, ob schwarz schminken zwingend rassistisch ist; und ob der Rassismus nicht eher in der Ensemblezusammensetzung steckt, beispielsweise. Und: Es ist offen, ob die «Kunst-Opfer» den juristischen Schutzzaun, diese Form von inverser Diskriminierung, überhaupt goutieren.

Der Rassismus in uns allen

Es ist richtig, in unserer aufgeklärten Gesellschaft über unsern Umgang mit dem «Anderen» nachzudenken, in Arbeitswelt, Politik und auch Kunst. Aber eine Strafnorm ist nicht der rechte Weg, um in der Kunst dieses Nachdenken zu fördern. Die Kunst als Hort des Widerständigen, wie ihn die Demokratie braucht, muss sich auch mal ins Abwegige, Widerliche verlaufen dürfen. Kunstrichter gibts ja genug. «Was darf die Satire?» – «Alles», lautet Kurt Tucholskys berühmtes Diktum, und recht hat er. Nein, das ist keine gemütliche und einfache, keine zeitgenössische und originelle Position. Es ist, als ob man, diesseits von Gut und Böse, wertvolle Rechtsgüter gegeneinander ausspielen müsse. So, wie das Schweizer Bundesgericht es tat, das sich 2010 im Fall des furchtbaren, antisemitischen «Komikers» Dieudonné für die Meinungsäusserungsfreiheit aussprach ­– anders als nun das oberste Verwaltungsgericht in Paris. Mit so einer Haltung lässt man Lieder wie das just inkriminierte «Rache muss sein» der Rechtsrocker Frei.Wild Lieder sein, obwohl man sie entsetzlich findet.

Dabei weiss jeder: Der Pucher, der Baumgarten, sie spielen in einer komplett andern Liga als die Steinegger – und die Steinegger ihrerseits ist kein Dieudonné. Da bestehen grosse Unterschiede, da muss differenziert werden. Aber bitte nicht von den Gerichten! Derzeit gilt die Antirassismus-Strafnorm auch für Kunstwerke, und das ist verkehrt; öffnet, getrieben vom Drive der Political Correctness, einer neuen Ära der Kunstprozesse Tür und Tor.

Ab wann ist eine Satire ein rassistischer Angriff auf die Menschenwürde? Der linke Politcomedian Bill Maher spottete im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008, der Republikaner John McCain könne ja mit dem Slogan «The white Obama» werben. Ist das nun Weissen-feindlich oder Schwarzen-feindlich oder beides – oder einfach grandios giftig? Bald wird es zum No-Go, kirchliche Institutionen karikierend zu porträtieren. Tatsächlich hat der deutsche (!) Papst Benedikt 2012 gegen ein Cover des «Titanic»-Satiremagazins geklagt. Und in der härteren, der russischen Variante landete eine aufmüpfige Mädchenband im Arbeits­lager. Der Schritt zur allgegenwärtigen Kunstkontrolle samt einhergehender Selbstzensur erscheint so gross nicht. Das kann eine Welt, die für die Gedankenfreiheit einsteht, nicht wollen.

Wehrhafte Demokratie

Düstere Zeiten drohen, wenn Satire justiziabel ist. Der iranische Zeichner Mana Neyestani legte 2006 einer Kakerlake in einem Comic ein falsches Wort in den Mund, und für ihn begann ein Horrortrip. Man warf ihm die Diskriminierung der Volksgruppe der Azeri vor, es gab Aufstände, er wurde erst in «Schutzhaft», dann in Haft genommen – wegen Volksaufwiegelung ­– und rettete sich schliesslich nach Frankreich. Und was Mohammed-Karikaturen auslösen können in einer Kultur, die das Recht auf Kunstfreiheit so nicht kennt, hat die ganze Welt gesehen.

Dass Demokratie stets «wehrhaft» sein muss, hat die Geschichte gelehrt. Aber ihre gefährlichsten Gegner stehen nicht auf den Kabarettbühnen oder im Komödiantenstadl – selbst dann nicht, wenn sie miserabel oder politische Grüsel sind. Sondern eine Demokratie muss sich dann wehren, wenn sie keine Künstler und Karikaturisten mehr hat: für sich selbst.

Erstellt: 27.01.2014, 17:40 Uhr

Erst schwarz geschminkt, dann Clownweiss angemalt: Die Schauspieler in Dea Lohers Stück «Unschuld» am Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Michael Thalheimer. (Bild: Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)

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