Interview

Die Kurve schweigt

Auch nach den jüngsten Vorkommnissen schweigen die eingefleischten Fussballfans. Hooligan-Experte Thomas Busset über den Ehrenkodex und die Selbstregulierung innerhalb von Fankurven.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Mann, der in Rom am FCZ-Spiel drei Finger verlor, will sich nicht zum Vorfall äussern. Warum?
Das überrascht kaum. Dass solche Vorkommnisse intern geregelt werden, dass man gegen aussen schweigt, gehört zum Selbstverständnis dieser Gruppierungen. Allerdings steht die Aufarbeitung noch bevor, bei den Betroffenen und in der Fanszene.

Was sind die Konsequenzen, wenn man gegen diese Schweigepflicht verstösst?
Wenn jemand die Regeln bricht, kommt es im Prinzip zum Ausschluss aus der Gruppe. Wie weit einzelne Gruppierungen sonst gehen, kann ich nicht sagen. Ich weiss aber von einem Fall eines Informanten, der massiv unter Druck gesetzt wurde.

Ist die Schweigepflicht Teil eines bestimmten Ehrenkodex?
Ja, wobei Ehrenkodex ein Begriff ist, der eher der Hooligan-Szene zugeschrieben wird: Wenn in einer Schlägerei etwa jemand zu Boden geht, darf man nicht weiterschlagen. Bei den Ultras gibt es Verhaltensregeln, die auf Werten wie Freundschaft, Treue zum Verein und Lokalpatriotismus basieren. Darüber hinaus bestehen zwischen Gruppierungen Differenzen zum Beispiel im Hinblick auf die Formulierung von Fananliegen oder gesellschaftlichen Anliegen. Die Fanszene ist weit heterogener als in der Öffentlichkeit angenommen. In der Fankurve gibt es auch Leute, die sich über das Verhalten anderer masslos ärgern. Von aussen gesehen hat man sogar das Gefühl, dass sich die Fankurven heute selbst zerstören.

Wie verbreiten sich solche Regeln?
Innerhalb der Kurve gibt es Identifikationsfiguren, die Verhaltensregeln verinnerlicht und vielleicht auch mitgestaltet haben. Es gibt einzelne Exponenten, die über die lokale Fankurve hinaus vernetzt und informiert sind. Zudem gibt es viel Literatur zum Thema, im Internet, aber auch als Bücher. Solche Schriften werden gelesen und in Foren ausführlich diskutiert. Die Leader innerhalb der Szene schauen, dass die Regeln respektiert werden, wobei man oft hört, dass es immer schwieriger sei, den Nachwuchs und sein Verlangen nach Action zu bändigen.

Nicht nur gegenüber Polizei oder Verein halten sich die Ultras bedeckt. Insbesondere gegenüber den Medien gibt man sich verschwiegen. Wenn mal jemand spricht, dann anonymisiert als «Szenekenner». Warum?
Früher gab es Leute aus der Szene, die willentlich Auskunft gegeben haben, weil sie so bestimmte Vorurteile korrigieren wollten. Denn grundsätzlich wollen sie mit ihren Anliegen ernst genommen werden, sie verstehen sich ja als Teil des Vereins. Heute ist dieses Mitteilungsbedürfnis stark gesunken. Die Fans haben das Gefühl, von den Medien in ein schlechtes Licht gerückt zu werden. Sie empfinden die Berichterstattung generell als Empörungsjournalismus ohne objektive Distanz. Auch die Pauschalisierung der verschiedenen Fangruppen kreidet man den Medien an.

Ist das Schweigen klug? Führt das nicht zu weiterem Unverständnis in der Öffentlichkeit?
Die Haltung ist diesbezüglich tatsächlich ambivalent und teilweise widersprüchlich. Man will Akteur sein – aber verweigert die Kommunikation. Wobei die Fans mit ihrer Medienkritik auch einen wunden Punkt treffen. Es ist tatsächlich so, dass es keine kontinuierliche Berichterstattung über das Thema gibt und leider nur sehr wenige Journalisten, die Dossierkompetenz besitzen. Man reagiert vor allem auf dramatische Ereignisse.

Wie kann man den Kontakt zu den Gruppen herstellen?
Ein Informationskanal kann über die Fan-Arbeit laufen. Diese übernimmt somit eine Vermittlerfunktion. Allerdings braucht es Zeit, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Zudem ist die sogenannte Pyrodiskussion in eine Sackgasse geraten. Der Verband und die Behörden pochen auf das Gesetz, die Fans auf ihre Kultur.

Werden die Fan-Arbeiter von den Ultras ernst genommen?
Die Wahrnehmung solcher Fanprojekte ist unterschiedlich. In Basel beispielsweise hat man eine Vertrauensbasis zwischen Verein, Fanprojekt und Fanszene aufbauen können. Beim FCZ weigern sich meines Wissens gewisse Gruppierungen weiterhin, professionelle Fan-Arbeit zu akzeptieren. Sie wollen die Probleme stattdessen selber lösen.

Die vielbeschworene Selbstregulierung.
Genau. Die Selbstregulierung ist im Prinzip der beste Weg, um negativen Kräften innerhalb der Szene entgegenzutreten. Wobei die Selbstregulierung nicht darin besteht, die Schweizer Gesetzgebung durchzusetzen. Es geht um die internen Regeln.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Vor zwei Jahren beispielsweise gab es bei einem Spiel zwischen dem FCZ und dem FC Basel einen Fackelwurf von FCZ-Fans auf Basler Zuschauer. Danach kam es zwischen Gruppierungen aus der Zürcher Kurve zu einer Schlägerei, weil man den Fackelwurf nicht goutierte. Im jüngsten Fall in Rom aber waren die Betroffenen Leute aus der Fanszene. Wie Selbstregulierung in einem solch dramatischen Fall funktioniert, wird sich noch zeigen. In einer kürzlich erschienenen Studie aus Deutschland bezeichnen sich Ultras auch als Sozialarbeiter, die sich im Alltag um Leute aus der Gruppe kümmern. Es wird interessant zu sehen sein, wie dies im Fall des Petardenopfers ist.

Erstellt: 10.11.2011, 10:22 Uhr

Der Historiker Thomas Busset war Assistent und Mitarbeiter in verschiedenen Instituten - an der Uni Lausanne, der ETH Zürich, der unabhängigen Experten-Kommission der Schweiz im 2. Weltkrieg. Zurzeit forscht er im Umfeld des Hooliganismus und der Geschichte des Schweizer Wintersports. Seit 2004 arbeitet Busset im Centre international d'étude du sport (CIES), das der Uni Neuenburg angeschlossen ist.

Artikel zum Thema

Südkurve: Mit dem Erfolg kamen die Probleme

Pyro-Angriffe auf Gegner, explodierende Petarden mit Verletzten: Die Südkurve steht unter Beschuss. Das war nicht immer so. Mehr...

Verletzter FCZ-Fan wieder in der Schweiz

Der FCZ-Anhänger, der sich in Rom mit einer Petarde drei Finger weggesprengt hatte, ist nach Angaben der römischen Polizei wieder in der Schweiz. Gegen ihn wurde in Italien Anklage erhoben. Mehr...

«Klar ist Kokain in der Südkurve weit verbreitet»

Dass Fussballfans gerne Bier trinken, ist bekannt. Doch laut Insidern werden auch harte Drogen in der Zürcher Südkurve konsumiert und führen zu noch mehr Aggressionen in den Reihen der Ultras. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...