Die «Märlikönigin» Trudi Gerster ist tot

Die grosse Schweizer Märchenerzählerin Trudi Gerster ist mit 93 gestorben. Ihren ersten grossen Erfolg feierte sie bereits mit 19 – an der Landesausstellung von 1939.

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Sie hatte vor wenigen Jahren den Wunsch geäussert, 100 Jahre alt zu werden. Das war ihr nicht vergönnt: Im Alter von 93 Jahren ist die Märchenerzählerin Trudi Gerster gestorben. Bis ins hohe Alter trat die «Märlikönigin» auf und zog Kinder in ihren Bann.

Ihre prägnante Stimme, mit der sie alle Nuancen von fein säuselnd über tierisch grunzend bis zu bedrohlich donnernd beherrschte, liess drei Generationen Deutschschweizer Kinder wohlig erschauern. Das ihr eigene getragene Tempo, die deutliche Betonung und der St. Galler Dialekt verliehen ihrem Erzählen etwas Hypnotisches.

Weg nicht vorgezeichnet

Ein einziges Mal, auf der Expo.02, seien ihr drei Kinder aus einer Märchenstunde gelaufen, erinnerte sie sich vor wenigen Jahren. Es stellte sich heraus: Die Kleinen verstanden kein Deutsch. Sie seien dann aber doch wiedergekommen, einfach um ihr beim Erzählen zuzuschauen.

Obwohl sie von klein auf im Hinterhof für die Nachbarskinder Märchenaudienzen hielt, war ihr Aufstieg zur Schweizer Erzählkönigin zunächst nicht vorgezeichnet. Die Mutter sah in der Tochter eine Schneiderin, sie selber erwog ein Theologiestudium, entschied sich aber dann für den Schauspielberuf.

Intensivausbildung

Um sich den Unterricht leisten zu können, nahm sie 1939 einen Märchenfee-Job an der Landesausstellung an. Der Erfolg war enorm. Dank Mundpropaganda drohte das Märlizelt schon bald aus den Nähten zu platzen. Die 19-jährige Elfe und das ihr an den Lippen hängende Gefolge mussten auf den grossen Spielplatz umziehen.

Das Honorar des Aushilfsjobs reichte dann doch nicht für eine mehrjährige Ausbildung. Also nahm Trudi Gerster Privatunterricht bei grossen deutschen Schauspielern, die der Krieg ins Schweizer Exil getrieben hatte. Nach einem Jahr bestand sie die eidgenössische Bühnenprüfung.

Mehr als bloss Performerin

Es folgte ein Festengagement am Stadttheater ihrer Heimatstadt St. Gallen, wo die zierliche junge Frau unter anderem 1941 als Walterli neben Heinrich Gretler auftrat. Dazu kamen Gastspiele vor allem in Schweizer Städten, aber auch in Deutschland und Österreich.

Da die Theater damals noch keine Spesen vergüteten, blieb das Erzählen ihr Nebenverdienst – und machte sie vor allem dank dem Radio berühmt.

Nach der ersten Heirat 1948 und mit der Geburt ihrer Tochter und ihres Sohns gab sie die Schauspielerei auf und konzentrierte sich aufs Erzählen, um in der Nähe der Familie sein zu können. Dabei las sie nicht nur, sondern sammelte, übersetzte und bearbeitete Geschichten aus aller Welt, von «Bambi» über «Dschungelbuch» bis zu «Gullivers Reisen».

Politikerin

Als die Kinder schon grösser waren, startete Gerster 1968 eine dritte Karriere – als Politikerin. Als eine der ersten Frauen wurde sie in ein schweizerisches Parlament gewählt, in den Grossen Rat von Basel, der Stadt, wo sie seit ihrer Heirat wohnte.

Zuerst politisierte Gerster als Parteilose, später als Vertreterin des Landesrings der Unabhängigen. Bis 1980 setzte sie sich vor allem für Umwelt, Frauenrechte und Kulturschaffende ein.

Sie sei wohl ihrer Prominenz wegen gewählt worden, mutmasste sie später. Aber es habe sie doch erstaunt, wie grossen Spass ihr das Politisieren gemacht habe.

Nur dass ihre politischen Gegner gelegentlich mit dem Vorwurf des Märchenerzählens ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen versuchten, das habe sie schon ziemlich genervt.

Sie fürchtete den Tod nicht

1998 war Gerster zur beliebtesten Kulturschaffenden der Schweiz gewählt worden, 2005 erhielt sie den Ehren-Prix-Walo. 2009 würdigten die Filmemacher Barbara Zürcher und Angelo A. Lüdin Gerster mit der Hommage «Die Märchenkönigin». Der Film zeichnete das Bild einer stolzen Künstlerin, Matriarchin und klugen Frau.

In einem Interview vor zwei Jahren hatte Gerster gesagt, sie fürchte den Tod nicht. «Angst habe ich nur vor Schmerzen und Krankheit.» Wie ihre Familie am Sonntag sagte, schlief die Märchenerzählerin friedlich im Kreise ihrer Familie ein. (fko/mw/sda)

Erstellt: 28.04.2013, 14:08 Uhr

Giacobbo: «Synonym für Märchen»

Trudi Gerster starb am Samstag im Alter von 93 Jahren in Basel, wie ihre Familie bestätigte. Gerster sei friedlich im Kreise ihrer Familie eingeschlafen.

Mit ihren Märchen habe sie die Herzen der Kinder in der gesamten Deutschschweiz erreicht, erklärte Basels Regierungspräsident Guy Morin gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Er würdigte zudem ihren politischen Einsatz für Natur- und Heimatschutz.

Trudi Gerster habe über eine «unerschöpfliche Kreativität» verfügt und sei «stets modern geblieben», obwohl sich in den vergangenen Jahrzehnten im Unterhaltungsbereich so viel verändert habe, sagte die Basler Kulturunternehmerin Caroline Rasser auf Anfrage: «Sie war ein Ausnahmetalent, das Generationen prägte.»

Als «Märlitante» empfinde sie sich keineswegs, stellte Gerster im Film «Die Märchenkönigin» von Barbara Zürcher und Angelo A. Lüdin aus dem Jahre 2009 klar – und erklärte sich zur «Märlikönigin».

Der Komiker Viktor Giacobbo nannte Gerster in dem Film das «Synonym für Märchen» in der Deutschschweiz schlechthin. Eine von Gerster einst erzählte Geschichte könne er noch immer auswendig. Der Sänger Michael von der Heide unterstrich den Berufsstolz der Erzählerin.

Gerster war zweimal verheiratet. Aus ihrer ersten Ehe gingen zwei Kinder hervor. Ihr Sohn Andreas Jenny arbeitete als Grafiker und Regisseur während Jahrzehnten mit ihr zusammen.

Noch 2011 erschienen die «Säuli-Geschichten», die Gerster offenbar besonders gern erzählte, in einem von Jenny illustrierten Buch mit CD. Der Verlag prüft eine Nachauflage. Ebenfalls 2011 konnte sich Gerster über die Geburt ihres ersten Urenkels freuen.

Der Film «Die Märchenkönigin» endet mit einer Sequenz, in der Gerster auf die Frage nach ihrer Jenseitsvorstellung antwortet. «Ich wünschte mir, dass ich wirklich glauben könnte, dass es weitergeht. Um mir das wirklich vorstellen zu können, müsste ich weise sein.» Auch wenn sie abstritt, weise zu sein – sie wirkte so. (sda)

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