Interview

«Die Rehab-Kultur ist gefährlich»

Was sagt der Tod von Philip Seymour Hoffman über den heutigen Umgang mit Heroin aus? Autor und Suchtexperte Michael Herzig im Interview.

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Es heisst, Heroin sei aus der Mode. Ist Hoffman ein Einzelfall?
Ein Massenphänomen wie in den 80er- und 90er-Jahren ist Heroin heute nicht mehr – bezeichnenderweise wurde Hoffman in den 90ern angefixt. Allerdings ist die Droge gerade unter Künstlern nach wie vor beliebt.

Wieso?
Wahrscheinlich weil sie, wie die Kunst, Grenzerfahrungen ermöglicht. Hoffman war ja gerade einer, der diese Grenzerfahrungen auch in seinen Rollen suchte. Heroin ist ausserdem eine antibürgerliche Droge, das ist eine weitere Gemeinsamkeit mit der Kunst.

Gutes Heroin sei körperlich wenig schädlich. Stimmt das?
Das ist so – mit Ausnahme des Überdosierungsrisikos, das bei hohem Reinheitsgrad logischerweise auch höher ist. Deshalb vertrete ich ein Modell, bei dem Süchtige ihren Stoff vom Arzt verschrieben bekommen. Wenn die Heroinabgabe ein Teil des Gesundheitssystem ist, haben alle die gleichen Chancen.

Als Millionär hatte Hofmann wohl auch reines Heroin.
Bei ihm fällt mir etwas anderes auf: Er kam frisch aus der Rehab und unterschätzte besagtes Überdosierungsrisiko – er war ja vordergründig wieder gesund. Wenn der Körper aber clean ist, hat er eine tiefere Toleranz gegenüber Heroin. Das ist genau das Problem der Rehab-Kultur: Man wird in einer 5-Stern-Hotel-Umgebung aufgepäppelt und fühlt sich nicht mehr als Drogensüchtiger – ein tödlicher Fehler.

Was wäre die Alternative?
Ein weniger heuchlerischer Umgang mit Drogen. Zum Beispiel eine Legalisierung, die es Süchtigen erlaubt, einfacher an Heroin zu kommen. Nicht am Kiosk natürlich, aber vom Arzt verschrieben. Das ermöglicht eine schrittweise Abgewöhnung, während der auch soziale oder psychische Probleme, wie Beziehungen besprochen werden können.

Wie populär ist Heroin in der Schweiz?
Wenig populär. Vor 20, 30 Jahren nahmen die Jungen Heroin, um gegen ihre Eltern zu rebellieren, es ging um eine Verweigerungshaltung. Heute geht es um Anpassung, Integration und Leistung. Folglich sind Amphetamine und Kokain angesagt, Drogen, die die Funktionstüchtigkeit steigern.

Welche Szene in der Schweiz nimmt heute noch Heroin?
Das ist schwierig zu sagen, die Gruppe ist heterogener geworden. Da sind einerseits die alternden Abhängigen, die man früher auf der Strasse gesehen hat. Die sterben dank der liberalen Drogenpolitik heute ja nicht mehr weg. Jüngere Abhängige gibt es deutlich weniger als früher; ein erkennbares Muster bei jüngeren Konsumierenden ist, dass sie in der Partyszene mit dem Konsum von Kokain und Designerdrogen begonnen und ihn dann irgendeinmal nicht mehr im Griff gehabt haben und beim Heroin gelandet sind, wobei die typischen Konsummuster bei chronischen Abhängigen sowieso polytoxikoman sind.

Weniger junge Abhängige: Eine gute Nachricht.
Im Vergleich zu früher ist die Situation für die Direktbetroffenen sicher besser. Prävention und Aufklärung sind ebenfalls besser. Der Umgang von Politik und Gesellschaft mit Drogen, die nach wie vor sehr rege konsumiert werden, ist aber nach wie vor sehr heuchlerisch. Man romantisiert und verteufelt zugleich. Als Seymour-Hoffman tot gefunden wurde, lagen wahrscheinlich zwei weitere Junkies tot in den Gassen New Yorks. Während Hoffman bedauert wird, gelten sie aber als gesellschaftlicher Abfall. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2014, 12:14 Uhr

Michael Herzig ist Vizedirektor der Sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich und Bereichsleiter Sucht und Drogen. Herzig ist ausserdem Autor verschiedener Bücher.

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