Interview

«Die Schweizer betrieben sozusagen einen Sekundärimperialismus»

Es ist ein neues historisches Trendthema: Die Schweiz und der Kolonialismus. Forscher Christof Dejung über Sklavenschiffe, Missionare und Schweizer Grossunternehmer, die mit den Briten wetteiferten.

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Herr Dejung, inwiefern waren Schweizer in kolonialistische Aktivitäten im engeren Sinn involviert, zum Beispiel in den Sklavenhandel?
Schweizer Kaufleute vor allem aus Genf, Neuenburg und Basel investierten in Sklavenhandelsunternehmen und besassen teilweise auch eigene Sklavenschiffe. Darüber hinaus und in weit grösserem Mass waren sie indirekt involviert, indem sie mit Erlösen aus dem Sklavenhandel Geschäfte betrieben oder Rohstoffe verarbeiteten, die durch Sklavenarbeit auf den Markt gekommen waren, insbesondere Baumwolle.

Wie profitierte die Schweiz allgemein vom imperialen Kolonialismus?
Es gilt, den Staat Schweiz von der Wirtschaftsmacht Schweiz zu unterscheiden. Die offizielle Schweiz hegte zu keinem Zeitpunkt koloniale Ambitionen, wodurch sie sich von anderen Kleinstaaten wie Dänemark, Holland oder Belgien unterschied. Das ist allerdings nichts zu verwechseln mit einer kritischen Haltung: Die Schweizer Politik verstand den Kolonialismus als selbstverständlichen Bestandteil der modernen Welt. Das prägte auch die Schweizer Identität. So wurde auf der Landesausstellung 1896 in Genf unter anderem eine afrikanische Völkerschau gezeigt.

Und die Unternehmer?
Seitens der Schweizer Privatwirtschaft gab es Firmen, die sich global betätigten und die während der Kolonialzeit eine beachtliche Marktmacht aufbauen konnten. Diese Firmen machten sich die Kanonenbootpolitik der Imperialmächte zunutze und belieferten aktiv neu geöffnete Märkte wie China oder Japan. Die Schweizer betrieben sozusagen einen Sekundärimperialismus. Was wichtig ist: Für die wirtschaftlichen Akteure spielte die Nationalität lange Zeit überhaupt keine Rolle.

Können Sie das ausführen?
Die Firma Diethelm Keller etwa war in Südostasien sehr präsent, Siber Hegner war in Japan tätig und Volkart in Indien – diese Handelsfirmen verstanden sich als globale Unternehmen, ihr Radius umspannte alle Kontinente, ihr Staff war international. Die Identität dieser Firmen war eine europäische, keine schweizerische. Erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs besannen sich diese multinationalen Konzerne auf ihre nationale Herkunft, nicht zuletzt aufgrund der kriegswirtschaftlichen Massnahmen der Konfliktparteien. Die Betonung des Schweizerischen und damit der Neutralität wurde plötzlich überlebenswichtig.

Weshalb beginnen sich die Historiker ausgerechnet heute mit dem Verhältnis der Schweiz zum Kolonialismus zu beschäftigen?
Das ist auf die aktuellen Weltverhältnisse zurückzuführen. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die Globalperspektive wieder interessanter, der Aufstieg Chinas und der islamische Fundamentalismus konkurrenzierten plötzlich das bis dahin hegemoniale europäische Fortschrittsmodell. Dessen Fundamente zu hinterfragen ist ein Trend, der sich nicht auf die hiesige Geschichtswissenschaft beschränkt.

Wie sehr prägten die Schweizer Unternehmen die kolonialisierten Länder, in denen sie wirtschafteten?
Sie prägten sie sicherlich nicht wie eine United Fruit Company oder die East India Company, die quasi ganze Länder besassen. In den Segmenten, in denen diese Schweizer Firmen tätig waren, hatten sie aber sehr respektable Marktanteile.

Die Schweizer Unternehmen reüssierten in Asien selbst dann, als es den europäischen Staaten nach 1918 sehr schlecht ging. Könnte man dies auch als positives Zeichen für die heutige Situation deuten?
Das könnte man so sehen, wobei wir Historiker uns vor Gegenwartsdiagnosen ja hüten. (lacht) Aber die Schweizer Firmen erwiesen sich in der Retrospektive tatsächlich als sehr flexibel. Als nach dem Ersten Weltkrieg eine eigentliche Enteuropäisierung der Weltwirtschaft einsetzte, begannen die Schweizer sehr gezielt Tochterfirmen aufzubauen, in den USA ebenso wie in verschiedenen asiatischen Ländern. Diese Flexibilität hat sicher mit der Kleinstaatlichkeit zu tun. Unternehmen aus einem Land wie der Schweiz müssen und mussten lern- und anpassungsfähig sein – ihr Überleben bedingte eine Kooperation mit vielen Partnern. Dazu kommt der Hochpreisdruck: Die Schweizer Unternehmen waren schon damals meist teurer als ihre deutschen oder englischen Konkurrenten. Sie mussten ihre Kundschaft davon überzeugen, dass ihre Produkte diesen höheren Preis auch tatsächlich wert waren.

Sie haben sich intensiv mit dem Winterthurer Unternehmen der Gebrüder Volkart, das zeitweise bis zu zehn Prozent des indischen Baumwollhandels kontrollierte, auseinandergesetzt. Wie konnte sich dieser Betrieb gegenüber den Briten behaupten?
Die Briten wollten die indische Baumwolle in Manchester verarbeiten. Das Problem dabei war allerdings, dass die indische Baumwolle der amerikanischen qualitativ unterlegen und deshalb in England nicht erwünscht war. In Kontinentaleuropa dagegen bestand eine Nachfrage, und diese bediente die Firma Volkart, die umsichtig wirtschaftete und mit Winterthur eine perfekte Ausgangsbasis für ihre Lieferungen ins Ruhrgebiet, nach Italien, Österreich und Frankreich hatte.

Luden Unternehmer wie die Volkarts Ihrer Meinung nach Schuld auf sich, wenn sie sich derart stark innerhalb kolonialer Strukturen engagierten?
Die Frage ist doch, inwiefern der globale Handel überhaupt moralisch vertretbar ist. Fakt ist, dass fast alle Rohstoffe – von der Baumwolle über den Kautschuk bis zum Kaffee –, die wir konsumieren, von Leuten produziert werden, die in der sogenannten Dritten Welt leben und die kaum ihre Existenz sichern können. Die Frage, ob diese Rohstoffe nun aus einem kolonial kontrollierten Gebiet kommen oder nicht, erscheint mir sekundär. Es gibt keinen fundamentalen Unterschied zwischen einem afrikanischen Kleinbauern, der heute ums Überleben kämpft, und einem indischen Kleinbauern, der zur Kolonialzeit ums Überleben kämpfte.

Gab es auch Zweifler unter den ins Kolonialgeschäft involvierten Schweizern?
Wer die Korrespondenz der Volkart-Geschäftsleute aus Indien betrachtet, dem fällt eine ambivalente Haltung auf. Gerade die Schweizer konnten in den 1920er-Jahren eine gewisse Sympathie für die Freiheitsbewegung um Gandhi nicht verhehlen, andererseits äusserte man sich immer wieder despektierlich über den «Fakir im Nachthemd» und man sorgte sich ganz praktisch um das Geschäftsumfeld, dessen Stabilität von den Kolonialherren bis dato garantiert worden war.

Wie entwickelte sich der Kolonialismus-Diskurs in der Schweizer Öffentlichkeit? Gab es vehemente Befürworter, klare Gegner?
Interessante Akteure waren diesbezüglich sicherlich die christlichen Missionare. Sie profitierten einerseits vom Kolonialismus, weil sie durch ihn Zugang zu neuen Ländern und Bevölkerungen erhielten. Andererseits lehnten sie viele koloniale Praktiken dezidiert ab, etwa die Einführung von Bodensteuern in den kolonialisierten Gebieten oder die verhängnisvolle Verkoppelung von Lokal- und Weltwirtschaft. Ablehnend standen der Kolonialisierung bereits damals die Arbeiterbewegung und ihre politischen Vertreter gegenüber, die die Ausbeutung afrikanischer oder asiatischer Landarbeiter mit der Ausbeutung der europäischen Fabrikarbeiter durch die Bourgeoisie verglichen.

Welche Rolle spielte die Schweiz während des Dekolonialisierungsprozesses, der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte?
Aktiv mitgewirkt hat die Schweiz nicht, aber sie profitierte wiederum vom Neutralitätsbonus und vom Umstand, dass sie selber nie eine koloniale Macht gewesen war. Sie war beispielsweise 1948 das erste Land, das mit Indien nach dem Ende der Kolonialherrschaft einen Freundschaftsvertrag abschloss. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.12.2012, 12:25 Uhr

Kolonialismus

Die Anfänge des Kolonialismus werden auf das Ende des 16. Jahrhunderts datiert, als Spanier und Portugiesen nach Afrika und Südamerika expandierten. Seine Hochzeit hatte der Kolonialismus während der Epoche des Imperialismus am Ende des 19. Jahrhunderts, als ein Grossteil Afrikas und weite Teile Asiens von europäischen Staaten besetzt worden waren. Derzeit sind verschiedene grössere Kolonialismus-Studien mit Schweizer Bezug in Arbeit, und auch an den 3. Schweizerischen Geschichtstagen in Fribourg (7. bis 9. Februar 2013) wird das Thema besprochen.

Christof Dejung (*1968) ist Privatdozent für neuere und neueste Geschichte an der Universität Konstanz. Seine Studie «Die Fäden des globalen Marktes. Eine Sozial- und Kulturgeschichte des Welthandels am Beispiel der Handelsfirma Gebrüder Volkart 1851–1999» erscheint Anfang 2013.

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