Meinung

Die Spinat-Ricotta-Ravioli-Misere

Von wegen Vegetarismus sei im Trend. In Restaurants ist der Vegi-Teller immer noch der Trostpreis. Ein Erfahrungsbericht von einer, die es wissen muss.

Die Rache der Gastronomen an all jenen, die ihre Filets verschmähen: Das vegetarische Angebot beschränkt sich in der Regel auf die unvermeidlichen Spinat-Ricotta-Ravioli.

Die Rache der Gastronomen an all jenen, die ihre Filets verschmähen: Das vegetarische Angebot beschränkt sich in der Regel auf die unvermeidlichen Spinat-Ricotta-Ravioli. Bild: Reuters

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Ich esse seit 25 Jahren weder Fleisch noch Fisch. Das ist nicht schlimm. Das ist für mich vollkommen normal, Fleisch gehört nicht zu meinem Leben, und ich denke kaum je darüber nach, genauso wie ein Nichtraucher ja auch nicht darüber nachdenkt, dass er nicht raucht. Es ist mir deshalb auch Wurst, was andere Leute essen. Ich bin bloss verblüfft, dass ich ständig ungefragt diese Beteuerungen zu hören bekomme, von wegen, man esse ganz wenig Fleisch, also eigentlich fast nie, und wenn, dann nur bewusst und selbst-ver-ständ-lich! ausschliesslich Bio. Ach was. Wenn dem tatsächlich so wäre, würde der Biofleischanteil in der Schweiz nicht seit Jahren bei knapp fünf Prozent liegen.

Tatsächlich tut sich nämlich nicht sehr viel in Sachen Fleisch, also eigentlich gar nichts. In dieser Hinsicht verhält sich der Mensch stockkonservativ. Und das Angebot ist entsprechend, auf der Speisekarte finden sich jeweils maximal drei fleischlose Gerichte. Weil nach wie vor ein gutes Essen nur dann als ein gutes Essen gilt, wenn es Fleisch beinhaltet. Alles andere ist der Trostpreis. Und kommt auch so daher. Die vegetarische Kreativität der Gastronomie erschöpft sich in der Regel in Spinat-Ricotta-Ravioli. Was ich in meinem Leben schon Spinat-Ricotta-Ravioli gegessen habe! Hab essen müssen. Dabei mag ich die nicht mal. Und noch immer existiert er, der Schrecken aller Vegetarier: der Gemüseteller – die Strafe der Gastronomen für all jene, die ihre Filets verschmähen.

Vegetarier gelten als kulinarisch zurückgeblieben

Nach wie vor sind Geschäfts-, Hochzeits- oder Weihnachtsessen ohne Fleisch unvorstellbar, die Gäste wären fassungslos. Fleisch zu essen, gilt als eine Art Menschenrecht. Nach wie vor gibt es Anlässe, an denen keine fleischlosen Gerichte serviert werden, an denen man als Vegetarier gezwungen ist, den Kellner unauffällig zu bitten, einem einfach nur die Beilagen zu servieren und nach wie vor erntet man dafür bisweilen einen mitleidigen Blick. Man gilt ja als Vegetarier automatisch als kulinarisch zurückgeblieben. Ein fleischloser Gourmet? Undenkbar.

Nichts da also mit dem Vegi-Trend, der alle paar Jahre wieder ausgerufen wird. Aber es macht sich halt so gut, und auf der Welle ein bisschen mitzureiten, sowieso. Weil man damit zeigen kann, dass man total gesundheitsbewusst und aufgeschlossen und politisch korrekt ist und überhaupt ein ökologisches Gewissen hat, weil man – abgesehen vom Umgang mit den Tieren – mittlerweile weiss, dass es sich bei der Fleischproduktion um einen gigantischen Ressourcenverschleiss handelt. Wer also wahnsinnig gegen Autos ist und wahnsinnig für die Natur und fürs Stromsparen und so, der gerät etwas unter Zugzwang, wenn er Koteletts und Bratwurst isst. Da ist es dann ganz schick, ein bisschen Hobby-Vegetarier zu sein, so temporär und vor allem: nach aussen. An der Migroskasse stehen sie dann mit den Pangasius-Filets und dem Billig-Poulet im Körbli. Ist mir Wurst. Aber sie sollen mich mit ihrem Geschwätz verschonen. Und mit diesen elenden Spinat-Ricotta-Ravioli. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.09.2013, 13:10 Uhr

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Dieser Text ist eine Replik auf den Artikel Der Aufstieg der Kartoffel-Wurst der Autorin Gabriela Braun.

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