«Die Tanzszene hat sich enorm verändert»

Für das Programm von Steps, dem ältesten und grössten internationalen Tanzfestival der Schweiz, ist Isabella Spirig verantwortlich, die künstlerische Leiterin Tanz beim Migros-Kulturprozent.

«Für mich zählen Qualität und Vielfalt»: Isabella Spirig im Innenhof des Migros-Genossenschafts-Bunds. Foto: Giorgia Müller

«Für mich zählen Qualität und Vielfalt»: Isabella Spirig im Innenhof des Migros-Genossenschafts-Bunds. Foto: Giorgia Müller

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Sie jetten nach Japan oder Kuba, um sich Tanzproduktionen ­anzuschauen, die Sie eventuell in die Schweiz einladen. Sieht die Realität Ihres Traumjobs tatsächlich so aus?
Das Bild kommt der Realität ziemlich nahe. Zuerst treffe ich eine Vorauswahl aufgrund von DVDs. Wenn ich aber überzeugt bin, dass die Compagnie zu Steps passen würde, dann sehe ich mir die Produktion vor Ort oder in Europa an. Nur bei Welturaufführungen ist das nicht möglich. Da zählt einzig das Vertrauen.

Dieses Mal steht eine ­Welturaufführung auf dem ­Programm. Wie ist diese möglich geworden?
Der französische Musiker Roland Auzet ist mir empfohlen worden. Er wollte etwas Neues ausprobieren. Wir brachten ihn mit Arushi Mudgal zusammen, sie gilt in Indien als prominente Vertreterin der Odissi-Tradition. Als die beiden zum ersten Mal zu proben begannen, war es für uns klar, dass sie bei uns ihre Welt­uraufführung haben werden.

Das tönt ziemlich exotisch. Wie schaffen Sie es, dass das Programm massentauglich wird?
Für mich zählen Qualität und Vielfalt. Es ist der Auftrag des Festivals, Tanz zu den Menschen zu bringen. Wir bespielen das ganze Land mit 86 Vorstellungen in 35 Schweizer Städten auf 39 Bühnen. Der Spagat zwischen Qualität und Vielfalt gelingt meistens, aber nicht immer.

Haben Sie schon Flops eingekauft?
Meine Flops liegen zum Glück schon ­einige Jahre zurück. In meinem Beruf braucht es Mut zum Risiko. Ein Auftragswerk kann zum Flop oder zum Knüller werden. Aber: Wer nichts riskiert, kann sich auch keine Lorbeeren holen. Das unterstützt das Migros-Kulturprozent.

Wie sind Sie Leiterin Tanz beim Migros-Kulturprozent geworden?
Als Sachbearbeiterin von Migros-Kulturprozent behandelte ich Gesuche von Tanzcompagnien. Gleichzeitig hatte ich eine eigene Gruppe. La Tangueras nahm Tangoklischees liebevoll und humorvoll auf die Schippe. Als der Gründer von Steps sich 1998 zurückzog, wurde ich angefragt, ob ich seinen Job übernehmen wolle. Natürlich wollte ich.

Steps gibt es nur alle zwei Jahre. Arbeiten Sie nur für dieses Festival?
In den ungeraden Jahren befasse ich mich ein halbes Jahr mit Integrart. Das ist ein Festival, das sich für die Gleichstellung von Künstlern mit Behinderungen einsetzt. Die übrige Zeit bin ich mit Steps sowie Tanzförderung beschäftigt. Steps ist aufwendig, es geht um Logistik, Tourneekalender, Bühnengrösse, Wünsche und Realität.

Welche Aufgabe betrachten Sie als Ihre wichtigste?
Die Aufgaben sind vielfältig: Ein grosses Beziehungsnetz aufzubauen, es zu pflegen, gesellschaftliche und kulturelle Themen aufzugreifen. Die wichtigste Funktion besteht darin, Brücken zwischen den Beteiligten zu bauen.

Dieses Jahr beteiligt sich Steps an Ballett Zürich, das zum Opernhaus gehört. Unterstützen Sie nun die von der Stadt hoch subventionierte etablierte Kultur?
Das ist natürlich nicht so. Christian Spuck kenne ich von früher, als er ­Choreograf der freien Szene war. Als er Ballettdirektor wurde, äusserte er den Wunsch, 2014 bei Steps dabei sein zu wollen. Er fragte mich, welcher Choreograf mich derzeit fasziniert. Ich nannte Wayne McGregor. Welch ein Zufall. Diesen hatte er ohnehin schon angefragt. Steps ist nun erstmals im Opernhaus mit drei Uraufführungen vertreten. Die freie und die etablierte Szene treffen sich – ohne Kosten für Steps.

Wie stark hat sich Ihre Arbeit in den 16 Jahren verändert?
Auf persönlicher Ebene ist viel passiert. Seit 2012 bin ich allein für das Programm verantwortlich. Die Tanzszene Schweiz hat sich enorm verändert. Die Anerkennung ist gewachsen, die Ausbildung ist professioneller geworden. International gesehen werden die Produktionen technisch immer aufwendiger, obwohl die Bühnen nicht grösser werden.

www.steps.ch

Erstellt: 28.04.2014, 03:55 Uhr

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