Die Überläufer

Atheismus-Serie: Verblüffend häufig wandelten sich atheistische oder religionsferne Literaten zu vehementen Katholiken – mit bösen Folgen.

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Vielleicht ist es der Urtext aller modernen Überläufer zum Katholizismus: Novalis' Fragment «Die Christenheit oder Europa» (1802). Novalis (eigentlich Friedrich von Hardenberg) feiert in seiner Schrift die Vorzüge der christlichen Urkirche in hohen Tönen – das monolithische Dogma, den Reliquienkult, die Wallfahrten. Nichts weniger als eine durch Poesie erwirkte Erneuerung dieser Kirche, die doch längst ihre religiöse und intellektuelle Vormachtstellung eingebüsst hatte, schwebte Novalis vor. Und er sollte bei weitem nicht der letzte moderne Literat bleiben, der im Katholizismus sein Heil suchte.

Romantiker...

In Novalis' Umkreis, im Zirkel der Romantiker, begeisterten sich aussergewöhnlich viele Künstler für die alte Kirche. Clemens Brentano (1778–1842) etwa, der ein wildes freigeistiges Künstlerleben führte, bevor er mit 35 in eine veritable Midlife-Crisis geriet und sich danach in geradezu fanatischer Manier dem Katholizismus verschrieb. Volle sechs Jahre verwandte Brentano hernach darauf, die Visionen einer stigmatisierten Nonne aufzuzeichnen, es folgten erbauliche Werke mit Namen wie «Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christus» oder «Leben der heiligen Jungfrau Maria».

Auch Friedrich Schlegel (1772–1829) gehörte zu den Verehrern des Papsttums. Der Haupttheoretiker der Romantik und Verfasser der «Lucinde» konvertierte 1808 zum römisch-katholischen Glauben und wurde 1814 sogar zum Ritter des päpstlichen Christusorden ernannt.

... und selbst Dadaisten

Konnte man den Romantikern noch ein zwiespältiges Verhältnis zur Aufklärung nachsagen, so standen die Dadaisten bereits tief in der Moderne – Leuchtreklamen, Autos et cetera gehörten selbstverständlich zu ihrer Lebenswelt. Doch selbst unter ihnen, den Nosens-Genies, fanden sich Literaten, die zum Katholizismus konvertierten.

Der prominenteste unter ihnen ist Hugo Ball (1886–1927), ein Pionier der Bewegung. Er, der 1916 in Zürich das Cabaret Voltaire gegründet hatte, wandte sich nach dem Ersten Weltkrieg der katholischen Orthodoxie zu. Insbesondere die Mystiker interessierten ihn. In seinem Essay «Die religiöse Konversion» (1925) versuchte Ball zu ergründen, weshalb der Übertritt zum Katholizismus so verlockend sei: Der römisch-katholische Glauben, so erklärt Ball, stille «das Bedürfnis nach geistiger Direktive» und «nach einem sicheren Standort inmitten der Zusammenbrüche und der Konfusion».

Die Konversion als «peinlicher Vorfall»

Zwei weitere bekannte Überläufer unter den Literaten des 20. Jahrhunderts sind Karl Kraus (1874–1936), der virtuose Feuilletonist, und Alfred Döblin (1878–1957), der Autor von «Berlin Alexanderplatz». Sie beide traten vom Judentum zum Katholizismus über. Döblin, der lange Zeit mit dem Marxismus sympathisierte, konvertierte während des Zweiten Weltkriegs – ausgezehrt und verarmt im amerikanischen Exil.

Döblins Übertritt wurde unter seinen Schriftstellerkollegen kontrovers aufgenommen, für Bertolt Brecht gab er gar Anlass zu einem giftigen Gedicht. In «Peinlicher Vorfall», eigens für Döblins 65. Geburtstag gefertigt, diffamiert Brecht den Neokatholiken als feigen Papst-Freund («[Döblin] erklärte mit lauter Stimme [...] dass er soeben eine Erleuchtung erlitten habe und nunmehr religiös geworden sei und mit unziemlicher Hast setzte er sich herausfordernd einen mottenzerfressenen Pfaffenhut auf»). Dass ausgerechnet sein langjähriger Weggefährte Döblin sich unters Kreuz stellte, musste den Religionskritiker besonders hart getroffen haben.

Weniger überrascht wäre Brecht wohl ob der Konversion des reaktionären Ernst Jünger (1895–1998) gewesen; der Weltkriegsglorifizierer («In Stahlgewittern») trat im biblischen Alter von 101 Jahren der römisch-katholischen Kirche bei.

Einstellung der literarischen Arbeit

Doch was verbindet die literarischen Überläufer dieser verschiedenen Epochen? Sie alle teilten die persönliche Neigung zum Mystischen, Irrationalen, die sich bereits vor der Konversion feststellen liess, und sie alle vollzogen die Hinwendung zum Katholizismus während einer Lebenskrise.

Und zumal: Sie alle stellten ihre literarischen Arbeiten weitgehend ein, nachdem sie sich in die Obhut der Urkirche begeben hatten – fast scheint es, als wären modernes Schriftstellertum und tiefgläubiger Katholizismus unvereinbar.

Erstellt: 02.02.2012, 15:05 Uhr

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