Analyse

Die Untergeher

Einerlei, ob nun Hollande oder Sarkozy gewählt wird: Die Wirtschaftskrise schwelt weiter. Und die Sprache der Apokalypse boomt – wenn ein Analyst sie einmal im Mund geführt hat, muss er auf den Crash hoffen.

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Eigentlich ist das alles ja ungeheuer abstrakt. Es geht um zwölfstellige Staatsschulden, um Obligationen und Derivate, um A+ und B– und immer und immer wieder um Börsenkurse, diese genialische virtuelle Reduktion ganzer Unternehmen und Nationen auf einen – Strich.

Doch es scheint, als ob gerade die enorme Komplexität der Finanzmärkte mit ihren scharfsinnigen Softwareprogrammen und ihren abgefeimten juristischen Winkelzügen die Analysten der Medien und die Pessimisten der Stammtische dazu zwinge, auf archaische, biblische Bilder zurückzugreifen: Die Schwierigkeit, die Dimensionen des befürchteten Eurocrashs in Worte zu fassen, drängt den Begriff der Apokalypse auf; zur Erklärung der institutionellen Obligationenhändler und deren schwer durchschaubaren Tuns werden jene furchterregenden vier Reiter herangezogen, die der Bibel zufolge am Weltende über die Menschen richten; der als unheilvoll empfundene Markt wird mit dem grässlichen Drachen aus der siebten johannischen Vision verglichen.

Es gibt kein Zurück

Das Reden von der Apokalypse impliziert dabei immer auch die Vorstellung eines «Danach», das fundamental verschieden ist vom Zustand des «Davor» – der Bruch ist endgültig, eine Rückkehr ausgeschlossen. Ebenso kann ein Wirtschaftsanalyst, der einmal die Apokalypse angekündigt hat, nicht mehr zurück zu moderateren Positionen.

Er muss die Apokalypse immer wieder aufs Neue verkünden, will er vor seinem Publikum und seinen Kollegen nicht unglaubwürdig werden. Nach fünf Jahren schwerer und unbestreitbarer Dauerkrise ist die Zahl der Apokalyptiker denn auch bedrohlich angewachsen. Sie reihen sich ein in die Tradition der Untergeher früherer Zeiten, gesellen sich zu den barocken Memento-mori-Dichtern des Dreissigjährigen Kriegs, zu den panischen Warnern, die in Napoleon den Antichristen erblickten, zu den Ölkrisen-Pessimisten von 1973.

Tagtägliche Beschwörung des Untergangs

Wie ihre Vorgänger stürzen sich auch die gegenwärtigen Untergeher auf alle möglichen verfügbaren Details, die ihrer bösen Prognose zupass kommen, gerne natürlich auf scheinbar untrügliche mikro- wie makroökonomische Daten und Fakten (der Kaffee im Madrider Lieblingsbistro wurde teurer, die Arbeitslosigkeit in Österreich ist um 0,2 Prozent gestiegen). Und so beginnt neuerlich das unheilvolle Wechselspiel namens Downgrading zwischen apokalyptischem Geraune, hypersensiblen Börsianern und spitzfindigen Ratingagenturagenten.

Auch wenn sie es nie zugeben würden: Das ist ganz im Sinn der Wirtschafts-Apokalyptiker. Denn wie alle Propheten stellen sie Vernunft und Allgemeinwohl hinter ihre Rechthaberei und hoffen innig darauf, dass ihre Prophezeiung – so verheerend sie auch sein mag – irgendwann in Erfüllung geht. Bis dahin kennen sie nur eins: die tagtägliche Beschwörung des ultimativ-krachenden Untergangs.

Erstellt: 04.05.2012, 11:35 Uhr

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