Die Welt erlebt den Einbruch des Realen in das Virtuelle

Die Bankenkrise erschüttert auch postmoderne Kulturtheorien, sagt der Zürcher Historiker Philipp Sarasin. Wirklichkeit ist kein Phantasma mehr.

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In den «Tagesthemen» der ARD konnte man am vergangenen Donnerstag Bilder einer Zeltstadt im US-Bundesstaat Nevada sehen: Hunderte von privaten Zelten, angeordnet in langen Reihen wie auf einem monströsen, ungemütlichen Campingplatz. In diesem Katastrophen-Lager leben Opfer der Hypothekarkrise, ältere Menschen, Alleinerziehende und Familien, deren Häuser zwangsversteigert wurden und die mit ihren letzten Habseligkeiten in der brütenden Sonne weinend, verbittert oder fassungslos in die Kamera des Reporters blicken.

Am selben Abend sendete CNN die Bemerkung eines amerikanischen Ökonomen, dass diejenigen, die «bei einem Honorar von 10'000 Dollar in der Stunde für 5 Prozent Zins fremdes Geld ausliehen, um es für 7 Prozent weiter zu verleihen, halt doch zu wenig clever gewesen sind». Viel weniger schlau jedenfalls, als sie zu sein glaubten und uns alle glauben liessen, dass sie es wären.

Doch woher stammt eigentlich dieser Glaube? Woher das Vertrauen darauf, dass das Jonglieren mit Zahlungsversprechen und mit der Erwartung auf künftige Gewinne endlos Geld zu vermehren vermag? Woher der Glaube, dass der Handel mit Papieren zur Absicherung des Ausfallrisikos von Krediten (Credit Default Swaps und ähnliche, in ihrer mathematischen Komplexität von kaum jemandem mehr durchschaubare barocke Finanz-Instrumente) genauso «wirkliche» Werte schaffen würde wie geförderte Rohstoffe, neu produzierte Autos, innovative Maschinen oder selbst noch die Gadgets der Unterhaltungselektronik, die immerhin von realen Menschen gekauft werden?

Wir haben gelernt, dass all diese spekulativen derivativen Instrumente doch einen realen Kern hatten: dass sie durch Schuldverschreibungen im amerikanischen Liegenschaftsmarkt «abgesichert» wurden. Wir erleben seit einigen Monaten, dass diese «Absicherung» im Hypothekarwert von Häusern auf die Finanzwirtschaft zurückschlägt, weil die Wirtschafts- und Steuerpolitik von George W. Bush versagt hat. Wir haben auch gelernt, dass der langjährige Notenbank-Chef Allan Greenspan dem Finanzsektor immer mehr Liquidität zur Verfügung stellte, um sich mit diesen durch keine realwirtschaftlichen Werte mehr gedeckten Mittel Gewinnmöglichkeiten in der Vergabe von Hypotheken an Menschen zu erschliessen, die weder über Vermögen noch entsprechende Einkommen verfügten.

Der amerikanische Traum Hypothek

Die Ursache dieser jetzt geplatzten 1,4-Billionen-Dollar-Blase von Erwartungen über Erwartungen war aber nicht nur die gerne gegeisselte «Gier» von Börsianern und Investmentbankern nach schrankenlosem Gewinn-Sex; die Blase entstand gleichzeitig durch den nicht selten blauäugigen Glauben der unteren Mittelschicht, das Geld für die Zinsen dann schon irgendwie aufbringen zu können. Aber auch blaue Augen fallen nicht vom Himmel.

War es nicht die unter dem zweiten Bush hegemonial gewordene neoliberale Interpretation des amerikanischen Traums, die, im Verbund mit betont christlichen Werten und dem beschleunigten Zerfall der Innenstädte, diesen Menschen kaum eine andere Wahl liess, als sich um jeden Preis die Last eines Eigenheims auf ihre schmalen Schultern zu laden? Wiederum ungedeckte Erwartungen auf künftigen Wohlstand also. Es gab die Hoffnung aufs «Heruntersickern», auf den sogenannten Trickledown-Effekt: Gewinne und Steuerersparnisse für die Reichsten sollten als tröpfchenweise weitergegebener Wohlstand den Mittelstand erreichen. Das Gegenteil ist eingetreten.

Der Staat ist zurück

Man soll dennoch nicht behaupten, die Erwartungen und Hoffnungen der jetzt verarmten Hausbesitzer seien grundsätzlich naiv gewesen. Denn die Alternative zum Glauben ans Wachstum im freien Markt wäre die Planwirtschaft und die staatliche Festsetzung von Preisen. Das ist erwiesenermassen kein praktikabler Ausweg. Selbst ein teilweise verstaatlichter Bankensektor muss sich auf Märkten bewegen, wo Preise nicht von staatlichen Akteuren festgelegt werden und globale Konkurrenz herrscht.

Doch Märkte und Konkurrenz als solche waren gar nicht die Ursache der Krise. Ihre Ursache war der neoliberale Marktfetischismus: der Glaube, dass der Markt sich vollständig selbst reguliert. Das ist jetzt vorbei, der Staat ist zurück.

Die staatliche Regulation von Märkten und Marktteilnehmern erweist sich als nötig. Es braucht staatlich festgelegte Spielregeln fürs Verhalten auf Märkten ebenso wie soziale Auffangnetze für Verlierer – falls man nicht der Meinung ist, man könne diese auf Campingplätzen und in Trailerparks entsorgen. Der Staat als Regelungsinstanz ist zurück in einer Weise, wie liberale Theoretiker wie F. A. von Hayek oder die Freiburger Ordoliberalen (Eucken, Röpke und andere) nach dem Zweiten Weltkrieg sich seine die Wirtschaft «einrahmende» Rolle gedacht haben: als jenes System, das dann «soziale Marktwirtschaft» heissen sollte.

Das Problem ist nicht, dass «der» Mensch zu «gierig» und daher «der» Kapitalismus menschenverachtend wäre. Das Problem ist, wie sich heute zeigt, dass jeder Kleinsparer «gierig» wird, wenn man ihm schöne Renditen in Aussicht stellt, und jeder Jungbanker über alle Massen unvorsichtig, wenn man ihn mit fetten Boni überschüttet. «Der» Mensch mag sein, wie er will, das spielt keine Rolle. Menschen verhalten sich auch nicht alle gleich. Klar ist jetzt, dass ein Markt ohne staatliche Kontrolle dazu neigt, sich selbst aufzufressen und dysfunktionale Einkommensunterschiede zu produzieren.

Daher ist dies der historische Moment Obamas, der mit Bezugnahme auf Roosevelts New Deal in den 1930er- Jahren heute staatliche Regulation zurückfordert. Und vielleicht ist dies auch das Ende jener Kultur, die man seit Lyotard (1979) die Postmoderne nennt. Postmodern war nicht der neoliberale Marktfetischismus, denn diese Spielart von Fundamentalismus war schon immer eine drohende Möglichkeit kapitalistischer Gesellschaften. Aber muss man nicht die seit den 1990er- Jahren weltumspannend gewordene Finanzindustrie mit ihrer Technik, Erwartungen über Erwartungen zu häufen und darauf Optionen und Derivate zu konstruieren, im Wortsinne als postmodern bezeichnen? War das nicht eine Form von bloss noch semiotischem Kapitalismus mit Zeicheneffekten, welche die Realität nicht mehr irgendwie «abbilden» (was die Börse eigentlich tun sollte), sondern in neuer Gestalt erzeugen (und dann Panik vor den eigenen Schimären bekommt)?

Die Postmoderne hatte mit Baudrillard die Irrelevanz, ja die «Agonie des Realen» behauptet und das Zeitalter der Simulation ausgerufen. Sie beharrte mit Derrida auf der faktischen Unerreichbarkeit des Realen hinter dem Schleier der Sprache und der Zeichen, in dem unsere Versuche, mit der Welt zu tun zu haben, sich unweigerlich verfangen. Ihre theoretischen Modelle legen nahe, dass unsere Wahrnehmung der Welt nicht vom Realen, sondern einzig von den Zeichenspielen im Raum der Medien, Signifikanten und Bilder geprägt werde. Die Wirklichkeit spielte für diesen semiotischen Konstruktivismus eine ähnliche Rolle wie in besseren Zeiten die Einfamilienhäuser im Mittleren Westen der USA für die derivativen Produkte der globalen Finanzindustrie. Obwohl wir mit Lacan immer tapfer (wenn auch etwas rhetorisch) proklamierten, dass das Reale in die Welt der Bilder und Zeichen «einbrechen» könne, musste man sich um solche Dinge nicht wirklich kümmern.

Abschied vom Spiel der Zeichen

Damit ist es jetzt offenbar vorbei. Es ist daher wohl kein Zufall, wenn sich im Reflexionsraum kulturtheoretischer Diskurse gegenwärtig der Abschied von jenen Signifikantenspielen abzuzeichnen beginnt und verschiedene Autoren nun wieder die «Präsenz» (Gumbrecht) oder die «Evidenz» (Lethen) aufrufen und einfordern: die Präsenz oder Evidenz des Wirklichen und des sinnlich Erfahrbaren in philosophischen, kulturanalytischen und historischen Beschreibungen der Welt. Es ist schon wahr: Wir waren kaum mehr fähig, das Gewicht der Welt zu ermessen, wie sie zusammenbrechen kann, wenn Löhne sinken und Hypothekarzinsen steigen. Was also geschieht jetzt?

Ein einfaches Zurück zur Unmittelbarkeit der Erfahrung des Realen kann es nicht geben; dafür wissen wir zu viel über die Vermitteltheit und Konstruiertheit der Wirklichkeit im Medium von Sprachen, Bildern und Diskursen. Aber wir können nicht mehr so tun, als hätte das Netz der Sprache nicht gleichsam Kanäle und/oder Bänder zurück zu jener Wirklichkeit, wie sie sich in Zeltstädten in Nevada zeigt. Und wir können nicht länger vorgeben, als sei dieses Netz dicht genug gewoben, um uns gegen den handfesten Einbruch des Realen zu schützen. Eine Epoche geht zu Ende. Wir müssen uns im Feld der Kulturtheorien daher die Frage stellen, wie sich unser Sprechen und Theoretisieren wieder auf die Welt da draussen beziehen lässt. Entsetzt über die wirklichkeitsvergessenen Zahlenspiele der Finanzindustrie den Kopf zu schütteln, nur um in Ruhe unsere eigenen Zeichenspiele weiter treiben zu können, wäre unzeitgemäss – wenn nicht schlimmer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2008, 10:42 Uhr

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