Die Weltverbesserungs-App

Duolingo bringt einem im Nu Sprachen bei, übersetzt das Internet und leistet nebenbei Entwicklungshilfe.

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Sprachen lernen ist langweilig. Schwierig. Zeitraubend. Und teuer. Zum Beispiel Spanisch: Wer in der Schule zu faul war, die fakultativen Sprachstunden zu belegen, sitzt heute bei einer privaten Sprachschule in einem tristen Raum. Dort radebrecht er für 30 Franken die Stunde mit Leuten, die einem suspekt sind, Sätze wie «Soy Philippe, vivo en Zurich» – «Soy Adrian, vivo en Zurich tambien».

Das muss nicht sein. Es gibt neuerdings eine App, die eine fantastische Alternative zu Sprachkursen ist. Duolingo heisst das Gratisprogramm, Apple hat es zur App des Jahres 2013 gekürt. Gelernt wird satz- und wortweise in Form kurzer, spielerischer Übersetzungshäppchen, nicht mittels komplexer Kurse, in denen Grammatik gepaukt wird. Das Prinzip ist so simpel wie genial. Mit jeder Lernstufe gewinnt man Punkte, als weitere Belohnung erklingt eine Fanfare, die einem versichert, wie super man ist. Scheitert man hingegen, verliert man «Leben».

Kurz, Duolingo ist wie ein Casual Game, etwa «Candy Crush», aufgebaut – und macht ähnlich süchtig. Gamification nennt man das, das Prinzip setzt den menschlichen Spieltrieb ausserhalb von Spielen ein. Durch die Integration dieser spielerischen Elemente sollen monotone Aufgaben motiviert angegangen werden. Wenn man so will, gehen die Wurzeln der Gamification auf das analoge Märkleinsammeln im Supermarkt zurück, das mit einem ähnlichen Belohnungssystem arbeitet. 20 Millionen Menschen nutzen Duolingo, diese Zahl wächst rapide. Erfunden hat die App der 35-jährige Informatikprofessor Luis von Ahn - zusammen mit einem seiner Studenten, dem 29-jährigen Schweizer Severin Hacker. Den beiden gehört Duolingo, sie beschäftigen 30 Mitarbeiter.

Genialer Erfinder

Ahn gehört zu den Pionieren des Crowdsourcing und hat ausserdem Captcha erfunden, jene Eingabemaske, bei der man eine zufällige Zahlen-Buchstaben-Folge eingeben muss. Das Verfahren sagt der Website, ob sie es mit einem Menschen oder einer Maschine zu tun hat. Dass von Ahn ein genialischer Erfinder ist, zeigt sich auch in der Finanzierung von Duolingo. Die Sätze, die die User mit Duolingo übersetzen, sind längeren Texten entnommen, die jemand zur Übersetzung in Auftrag gegeben hat. Diese Übersetzungen sind kostenpflichtig – von Ahn finanziert seine App und die angebotenen Gratis-Sprachkurse also quer. Es ist ein ausserordentlich cleverer Tauschhandel: Die Masse lernt neue Sprachen und übersetzt dabei Texte von Internetseiten wie Wikipedia. Auch die Nachrichtenportale CNN und Buzzfeed gehören zu von Ahns Kunden. Die «New York Times» prüft gerade eine Zusammenarbeit.

Laut von Ahn beläuft sich der Markt für Sprachkurse und Übersetzungen auf 30 Milliarden Dollar pro Jahr. Geld interessiert den Professor allerdings wenig. Er sieht sich als «Problemlöser». Mit Duolingo strebt er die Demokratisierung von Fremdsprachenerwerb an. Denn gerade in Entwicklungsländern können sich viele keine Sprachkurse leisten, auch fehlt oft das Personal, um solche anzubieten. Von Ahn weiss, wovon er spricht. Als Guatemalteke musste er einst selber Englisch lernen, um Karriere in den USA zu machen, wo er heute an der Carnegie-Mellon-Universität doziert.

Die Verbesserung der Sprachkompetenz von Expats oder Reisefreudigen liegt ihm übrigens nicht besonders am Herzen. Wir sind ihm trotzdem dankbar. ¡Muchas gracias! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.01.2014, 13:52 Uhr

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Duolingo

Duolingo weitet sein Angebot ständig aus. Welche Sprachen von welcher Ausgangssprache vermittelt werden, steht auf der Duolingo-Website (siehe Link).

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