Die entzauberte Welt

Wie sich unser Indien-Bild durch die Vergewaltigungen der letzten Zeit verändert hat.

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Kaum ein Tag, an dem nicht über eine Vergewaltigung in Indien berichtet wird. Am Wochenende wurde eine polnische Touristin Opfer eines Taxifahrers, der sie vor den Augen ihrer zweijährigen Tochter missbrauchte. Unabhängig von der Frage, ob es in Indien früher schon so viele Vergewaltigungen gab und wir heute bloss mehr davon erfahren – in der letzten Zeit hat sich unser Bild von Indien radikal verändert. Das Land ist brutal normal geworden.

Von dem neoromantisch hochgeschminkten Kitsch und der existenziellen Ichsuche, wie sie exemplarisch in Hesses «Siddhartha» zelebriert wurden, ist heute nichts mehr übrig geblieben – ebensowenig vom esoterischen Ballast, den die Baghwan-Jüngerinnen und Jünger freiwillig auf ihre schmalen Schultern luden. Die Zeit der allseitigen Ernüchterung angesichts der herrschenden Gewalt gegen Frauen in einem Land, das zur Zeit der Romantik als veritabler Gegenentwurf zum aufgeklärten, aber entemotionalisierten Westen dargestellt wurde, sollte vor allem dazu genutzt werden, den Sinn und Zweck solcher Fern(ost)stilisierungen zu überdenken.

Mentale Kurskorrektur

Hegel, schlauer als die anderen, warnte schon früh vor der Imagination: «Im Gegensatz zum chinesischen Staat ist Indien das Land der Phantasie und Empfindung.» Dorthin, in das Land der Gefühle, wo das Selbst von selbst zu einem kommt, zog es diejenigen, die mit der Entzauberung der Welt Mühe hatten – darunter, wen wundert es, auch viele Intellektuelle auf der Suche nach dem verlorenen Sentiment. Aber ähnlich wie nach dem Fall der Berliner Mauer oder nach der Finanzkrise will es heute jeder besser gewusst haben. Auf einmal will keiner mehr ein Pilger gewesen sein, Goa war auch gar nie eine Gegenwelt zu Berlin, Zürich oder London!

Durch die brutalen Vergewaltigungen wurde auch Indien endgültig entzaubert – auch im meditationssüchtigen Westen, der lieber am Gegenteil festgehalten hätte. Wer mit ethnologischem Blick gerne vom «Anderen» oder «Fremden» spricht, das das «Eigene» bereichert, neigt dazu, das Naheliegende, das allzu Alltägliche zu übersehen – und dadurch gefährlich zu überhöhen. Bei der neuen Sinnlichkeit, die bei indischen Orgien gesucht wurde, war die Grenze zwischen dem Kuscheln und dem Übergriff fliessend. Die mentale Kurskorrektur kommt nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, da Indien das Image als Nischenanbieter ablegt und sich auf den kapitalistischen Weg nach Westen macht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2014, 16:41 Uhr

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