Serie

Die ganz grossen Fragen

In Zusammenarbeit mit dem neuen Portal Philosophie.ch erläutert Tagesanzeiger.ch/Newsnet in einer Serie die ganz grossen Fragen. Heute: Was ist plausibler – die Existenz Gottes oder die Nichtexistenz Gottes?

Gibts ihn wirklich? Gott in der «Erschaffung Adams» von Michelangelo.

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Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zuerst die Begriffe, d. h. die Bedeutung der Ausdrücke, «Existenz» und «Gott», klären. Erst nach dieser Klärung wissen wir, wonach wir fragen. Beide Ausdrücke sind nämlich mehrdeutig. Hinsichtlich der Bedeutung des Ausdrucks «Existenz» können wir zwischen realer und semantischer Existenz unterscheiden. Reale Existenz ist eine durch Sinneserfahrung belegbare Existenz, die auch kausal wirksam ist. So ist etwa das Morgenrot sichtbar und wirkt auf unsere Augen. Allerdings würden die meisten unter uns im Morgenrot, griechisch Eos, heute nicht mehr wie Homer eine Göttin, nämlich die Göttin mit dem Namen Eos, sehen. In der semantischen Existenz dagegen wird die Bedeutung von Wörtern selber zum Gegenstand, worüber wir sprechen. So haben für die meisten von uns die Götter der griechischen Mythologie wie etwa die Göttin Eos keine reale, sondern nur eine semantische Existenz. Eos ist für uns aber nicht mehr eine reale Göttin.

Ebenso wie der Ausdruck «Existenz» ist auch der Ausdruck «Gott» mehrdeutig. Wir können darunter eine Person oder ein letztes Prinzip oder aber beides, d. h. sowohl eine Person als auch ein Prinzip, verstehen. Für die sogenannten abrahamitischen Weltreligionen – d. h. Judentum, Christentum und Islam – ist Gott eine Person, die sich in einer Schrift, dem sogenannten Alten Testament, der Bibel und dem Koran, offenbart hat. Für die Philosophie dagegen ist Gott ein Prinzip oder ein Grund, auf den die menschliche Vernunft, d. h. die menschliche Fähigkeit zur Begründung, als letzten Grund oder letztes Prinzip stösst. Freilich kann dieses letzte Prinzip auch personale, z. B. geistige Züge aufweisen. Mit der Übernahme von philosophischen Überlegungen durch christliche Theologen wie Augustinus ist nun der Gott der Bibel, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit dem Gott der Philosophen in eine Synthese zu bringen versucht worden.

Unsinnliches Prinzip

Das letzte Prinzip ist dann auch ein persönlicher Gott. Gegenstand der Philosophie ist allerdings vorwiegend nur Gott im Sinne eines letzten und unpersönlichen Prinzips. Wenn nun gefragt wird: «Was ist plausibler: Die Existenz Gottes oder die Nichtexistenz Gottes?», so fragt die Philosophie also: «Was ist plausibler: Die Existenz oder die Nichtexistenz Gottes als eines letzten Prinzips?» Da die nominale oder semantische Existenz Gottes eine empirische Tatsache unseres Sprachgebrauches ist – der Ausdruck «Gott» – oder synonyme Ausdrücke – und dessen Bedeutung existiert in den meisten menschlichen Sprachen – so zielt die Titelfrage auf die reale Existenz dieses letzten Prinzips. Da ein solches letztes Prinzip aber mit unseren fünf Sinnen nicht wahrnehmbar ist, so stellt sich die Frage, ob dieses Prinzip ungeachtet seiner Unsinnlichkeit für unser Denken gleichwohl real existiert. Wenn ja, dann muss dieses Prinzip, auch wenn es unsinnlich ist, gleichwohl kausal wirksam sein.

Zur Beantwortung dieser Frage gibt es nun die sogenannten Gottesbeweise, die sich in induktive und deduktive einteilen lassen. Zu den induktiven gehört etwa der Beweis aus der Bewegung, zu den deduktiven der sogenannte ontologische Gottesbeweis. Der interessanteste unter diesen Beweisen ist wohl der ontologische Beweis für die Existenz Gottes. Er lässt sich als eigentlicher Lackmustest für die Beantwortung der Frage betrachten: «Was ist plausibler: Die Existenz Gottes oder die Nichtexistenz Gottes?» Wenn er zutrifft, so ist die Existenz Gottes offensichtlich plausibler als die Nichtexistenz. Vereinfacht lässt er sich in folgende Beweisschritte gliedern:

1. Prämisse: Gott ist das, worüber hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann.

2. Prämisse: Zu dem, worüber hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, gehört auch dessen reale Existenz. Wenn nicht, dann gäbe es etwas, was grösser ist als das, worüber hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, was widersprüchlich wäre.

Konklusion: Wenn Gott das ist, worüber hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, so muss er auch real existieren. Die Frage ist nun, ob dieser Beweis gültig ist oder nicht. Z. B. könnte man einwenden, dass durch diesen Beweis nur die gedachte oder semantisch reale, aber nicht die wirklich reale Existenz Gottes bewiesen wird. Doch dann stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine solche unsinnliche Realität als Gegenstand des Denkens geben kann. Je nachdem wie diese Frage beantwortet wird, wird auch die Antwort auf die Gültigkeit des ontologischen Gottesbeweises anders ausfallen.

Eines ist jedenfalls klar geworden aus der Diskussion der letzten Jahrzehnte. Der ontologische Gottesbeweis ist nicht so leicht zu widerlegen. Solange der ontologische Gottesbeweis nicht widerlegt ist, ist die Annahme der Existenz Gottes als eines letzten Prinzips plausibler als die Annahme der Nichtexistenz.

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Nachtrag des Autors

Die Frage hat offensichtlich Interesse geweckt. Ich möchte mich für die zahlreichen Kommentare bedanken, indem ich einen Metakommentar schreibe. Schön ist, dass fast alle Stellungnahmenin einem Ton verfasst sind, der in dieser kontroversen Frage den gegenteiligen Standpunkt nicht diffamiert. Freilich gehen die wenigsten Kommentare über persönlich gefärbte Meinungsäusserungen hinaus. Diese Äusserungen mögen richtig sein oder nicht. Das Entscheidende an der Philosophie ist aber, dass sie vom Meinen ̶̶ auch vom richtigen Meinen ̶zum Wissen voranzuschreiten versucht. So sagt bereitsSokrates:

“Dass aber eine richtige Meinung und Wissen zwei verschiedene Dinge sind, das glaube ich durchaus nicht nur zu vermuten, sondern wenn ich überhaupt etwas zu wissen beteuerte– und von wenigem möchte ich dies tun –, so würde ich dieses eine zu dem zählen, was ich weiss.” (Platon. Menon. 98b).

Wissen unterscheidet sich nämlich von einer richtigen Meinung darin, dass es Gründe für diese Meinung abzugeben vermag. Der ontologische Gottesbeweis ist einGrund für die Meinung, dass die Annahme der Existenz Gottes plausibler ist als die Nichtexistenz.

Nun hat der ontologische Gottesbeweis eine lange Geschichte. Zuerst von Anselm von Canterbury (1033 -1109) formuliert, hat ihm Descartes (1596-1650) im fünften Kapitel der „Meditationen über die erste Philosophie“ eine prägnante Neuformulierung gegeben. Immanuel Kant (1724-1804) dagegen und Gottlob Frege (1848-1925) haben den ontologischen Gottesbeweis zu widerlegen versucht. Allerdings ist mit diesen Widerlegungen der ontologische Gottesbeweis keineswegs „gestorben“. Die Diskussion über dessen Gültigkeit lebt weiter. Der entscheidende Punkt liegt dabei in der unterschiedlichen Auffassung des Seinsbegriffs.

Kant geht von der Behauptung aus, dass „sein“ kein reales Prädikat ist. Es ist also kein Prädikat wie „rot“ oder „gelb“, d.h. kein Prädikat, dessen Gehalt man sinnlich wahrnehmen kann. Sein ist, wie sich heute im Geiste Freges sagen liesse, kein Prädikat erster, sondern zweiter Stufe. Es ist nämlich ein Prädikat, das erst sagt, ob der Gehalt von Prädikaten erste Stufe vorhanden ist oder nicht, also z.B., ob das Morgenrot rot ist oder nicht.

Kant verwendet allerdings einen Seinsbegriff, der sich im Gegensatz zur platonisch-aristotelischen und mittelalterlichen Tradition befindet. In dieser Tradition bedeutet der Ausdruck „Sein“ Wirklichkeit(realitas).Während nun das Sein im Sinne Kants keine Grade hat, so hatdieses SeinGrade. So ist Gott das "allerwirklichste Wesen"(ens realissimum). Im Vergleich zu diesem „allerwirklichsten Wesen“ sind z.B. wir Menschen weniger wirklich. Sein ist danach eine Perfektion, d.h. eine Vollkommenheit und damit ein reales Prädikat, das Gott in höchstem Grade, anderen Wesen dagegen in geringerem Grade zukommt.

Wenn nun Sein eine Vollkommenheit ist, die Gott als dem "allerwirklichsten Wesen" notwendig zukommt, so erhalten wir bereits durch Bedeutungsanalyse des Subjektausdrucks "Gott" in der Aussage „Gott ist bzw. existiert“ den Prädikatsausdruck "ist". Der Satz „Gott ist“ bzw. „Gott existiert“ ist dann ein analytischer Satz, d.h. ein Satz, der nur auf Grund der Bedeutung der Wörter wahr ist.

Demgegenüber behauptet Kant, dass Sein kein reales Prädikat ist, sondern nur Position oder Existenzsetzung eines Dinges. Diese Existenzsetzung erfolgt für Kant innerhalb der Kategorie der Modalität, die er Wirklichkeit(im heute üblichen nicht graduierbaren)Sinne nennt. Nach den „Postulaten des empirischen Denkens überhaupt“ gilt: "Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich" (KrV.B266). Ein Satz wie „Gott ist“ ist danach für Kant ein synthetischer Satz. Nur die Erfahrung und nicht allein die Bedeutung des Wortes „Gott“ kann diesen Satz wahr machen.

Entscheidend zur Beantwortung der Gültigkeit des ontologischen Gottesbeweises ist nun, welchen Existenzbegriff wir verwenden. Wenn wir den Ausdruck „Existenz“ oder „Sein“ im Sinne von Kant verwenden, dann ist der ontologische Gottesbeweis widerlegt. Aus dem Begriff von Gott als dem, worüber hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, folgt noch nicht, dass dieses „Grösste“ auch real, d.h. sinnlich erfahrbar, existiert. Es folgt nur dessen gedachte Existenz.

Wenn wir den Ausdruck „Existenz“ oder „Sein“ aber im platonisch-aristotelischen Sinne als Wirklichkeit auffassen, dann wird es schwieriger, die Frage zu beantworten. Denn wenn Gott als diese Realität nur ein menschlicher Gedanke wäre, so stellt sich die Frage, wovon dieser Gedanke ein Gedanke wäre. Die Antwort lautet: Eben von dieser Realität. Und wenn diese Realität wieder nur ein Gedanke wäre, so stellte sich wiederum die Frage, wovon usw. ins Unendliche (vgl. die analoge Argumentation in PlatonsParmenides, 132b-c ). Also scheint doch eine unsinnliche Realität vorhanden zu sein, der die Menschen eben den Namen Gott gegegeben haben.

Allerdings, wie ein Kommentar mit Paula Ludwigsagt: Gott ist dunkel. Wir setzen seine Realität voraus, aber wir sehen sie nicht. Ebenso ist schwer erfassbar, wie diese unsichtbare Realität in der sichtbaren wirksam werden kann. Sicher ist jedoch, dass die Annahme dieser Realität wie auch deren Verneinungdie Menschen in Bewegung gesetzt hat, heute noch bewegt und wohl auch in Zukunft bewegen wird.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.03.2013, 14:46 Uhr

Serie

Orientierungswissen scheint gefragt. Das beweisen nur schon die populärphilosophischen Bestseller eines Richard David Precht. Auch der Zeitschriftenmarkt hat sich kürzlich um zwei Philosophie-Magazine erweitert. Und neu stellt das Portal Philosophie.ch den Kontakt zwischen Professoren und Normalbürgern her. Tagesanzeiger.ch/Newsnet macht die Probe aufs Exempel und richtet in einer zweiwöchigen Serie die ganz grossen Fragen an Experten, die von Philosophie.ch ausgesucht wurden. (lsch)

Autor

Professor Dr. phil. Rafael Ferber forscht an der Universität Luzern. Seine Arbeitsgebiete sind die antike Philosophie mit Schwerpunkten Platon und Aristoteles, sowie die systematische Philosophie mit Schwerpunkt Religionsphilosophie.

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Falls Sie selber eine philosophische Frage zu unserer Serie beisteuern wollen, dann schicken Sie sie an
kultur.newsnetz@tages-anzeiger.ch (Betreff: «Philosophische Frage»)

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