Hintergrund

Die gute Fee

Die grosse Schweizer Märchenkönigin Trudi Gerster ist mit 93 gestorben. Sie war aber nicht nur die Stimme der Nation, sondern kämpfte auch in der Politik für die Rechte der Frauen. Ein Nachruf.

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Trudi Gerster war das Märchen. Das grosse Gestern. Das «Es isch emol», mit dem jede ihrer Geschichten begann. Trudi Gerster war aber auch bis fast zuletzt eine Frau mit einem grossen Savoir- vivre. Mit Lippenstift, Nagellack, Zigaretten, Whiskey, Lidstrich. Mit einer Stadtwohnung mitten in Basel, einem Sommerhaus im Elsass, wo sie noch mit weit über 80 selbst hinfuhr im Auto, um ein bisschen allein zu sein oder altes Brot an Tiere zu verfüttern. An Tiere, die sie liebte und beobachtete, die sie auch oft im Zoo besuchte – dort, so sagte sie immer wieder, würde sich ihr offenbaren, wie so ein Tier redet. So ein Elefäntli oder Krokodil oder Säuli.

Und sie liebte Männer, am meisten solche mit «dunkle Chrusle». Ihr erster Mann, der Chemieprofessor Walter Jenny aus Basel, den sie 1948 heiratete, war so einer, ein «schöner Mann», und auch Roger Schawinski hat ihr schampar gut gefallen, als er noch jünger war und sie einmal zu «TalkTäglich» einlud; sie sagte da, klar sei er ihr Typ, und wenn er sie jetzt in den Ausgang einladen würde, dann würde sie sicher nicht Nein sagen. Noch mit 90 konnte sie sich vorstellen, wieder mit jemandem zusammenzuziehen, vor allem, damit man immer, immer miteinander reden könnte.

Eine Pionierin in der Politik

Reden war schliesslich ihr Leben und ihr Geschäft, zuerst – und bis zuletzt – als Märchenerzählerin, und zwischendurch auch noch viel konkreter, nämlich von 1968 bis 1980 als Politikerin, als Grossrätin in Basel, zuerst als Parteilose, dann im Landesring der Unabhängigen. Sie war damit eine der ersten Frauen überhaupt in einem Schweizer Rat. Und wie in ihren Märchen hat sie auch als Grossrätin ein bisschen gezaubert, «sehr raffiniert» sei sie da vorgegangen, sagte sie zu ihrem 90. Geburtstag im Dokumentarfilm «Die Märchenkönigin». Sie hat damals schwache Dinge unter ihre Fittiche genommen und gelegentlich zu einem lokalpolitischen Happy End geführt, nämlich Bäume, Künstler, alte Häuser und Frauen. Und selbstverständlich war sie Protestrednerin auf dem Gelände des geplanten Atomkraftwerks in Kaiseraugst.

Aber ihre Hauptwelt war nie die praktische, sondern immer die märchenhafte, die imaginäre, die keine Grenzen kennt und alle Spielarten des Denkbaren und Machbaren zulässt. Eine Welt, die sie vermitteln und übersetzen und zum Leben erwecken konnte wie niemand sonst. Angefangen hat sie damit als Kind, mit Märchennachmittagen für ihre Gspänli zu Hause in St. Gallen, als Achtjährige stand sie als «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» auf einer St. Galler Beizenbühne, die Leute hätten geschluchzt, so gut sei sie gewesen.

An Selbstbewusstsein hat es ihr nie gemangelt, an Ehrgeiz schon gar nicht. Ihr Vater Gottlieb Gerster war ein Mitbegründer der Büchergilde Gutenberg, der begeistert war über den Lese- und Bildungshunger seiner Tochter, ihre Mutter war eine Bauerntochter, die wollte, dass aus Trudi eine Schneiderin wird. «Mein Vater hat mich sehr verwöhnt, meine Mutter hat mich nicht gemocht», sagte Trudi Gerster. Natürlich hat sie ihren Kopf durchgesetzt, hat aus Trotz ein Leben lang eine Bluse ohne Knopf lieber weggeschmissen, als zu lernen, wie man Knöpfe annäht. Sie hat aber auch Latein nachgebüffelt, um die Matura zu machen, hat die Schauspielschule Zürich absolviert und immer nach Auftrittsmöglichkeiten gesucht.

Matriarchin und Diva

Eine davon war an der Landesausstellung 1939 in Zürich, und was anfänglich nur als etwas besserer Kinderhort gedacht war, verwandelte sich schnell zu einer der grossen Landi-Attraktionen: Neben dem Schifflibach und der Gondelbahn über den See wurde die damals 19-jährige Märchenfee Trudi Gerster über Nacht zum grossen Schweizer Publikumsliebling. Schliesslich besuchten 10,5 Millionen Neugierige die Landi. Trudi Gersters Stimme war schon da nicht besonders schön oder angenehm, aber sie war besonders, war eingängig, war so farbig wie ein Kinderbuch, sie passte sich auch dem seltsamsten Fabelwesen an und klang immer ein bisschen wie aus einem Trickfilm: Nie hatten Zwerge munziger, Prinzessinnen verwöhnter und Hexen giftiger gewirkt als aus dem Mund von Trudi Gerster.

Die Kinder waren hingerissen. Es war diese Stimme, zusammen mit der Person Trudi Gerster, die es genoss, wenn sie angehimmelt wurde, die keinen Tag im Leben publikumsscheu war, was ihre Auftritte so begehrt und so vital machte. Danach hatte sie eine feste Anstellung am Stadttheater St. Gallen, war das Walterli an der Seite von Heinrich Gretlers Tell, tourte mit Hans Albers.

1948 heiratete sie Walter Jenny und zog nach Basel. Für ihre beiden Kinder Andreas und Esther beendete sie ihre Schauspielkarriere, aber ihre Mundartbearbeitungen und ihre eigenen Märchen gab sie nicht auf, denn bald wurde das Erzählen, mit Auftritten, Radiohörspielen und Schallplatten, zu ihrer einzigen Einnahmenquelle. Walter Jenny, der Mühe hatte mit der Vorstellung von einer berufstätigen Frau, nahm sich eine feste Geliebte, und Trudi Gerster liess sich scheiden. «Schöne Männer sind halt meistens labil», lautete ihr Ehefazit. Sie heiratete später ein zweites Mal, über diese Ehe ist allerdings nichts bekannt, auf Trudi Gersters Website wird sie nicht einmal erwähnt.

Ins kollektive Bewusstsein geredet

Ihre Kinder beschreiben die Mutter und ihre Märchenwelt als sehr dominant, die Tochter, die sich für Musik und Tanz interessiert, wandert vorübergehend nach Indien aus, um Distanz herzustellen zur «starken Persönlichkeit» ihrer Mutter und zur Allgegenwart von Andersen und Grimm, der kleinen Hexe und dem wunderfitzigen Elefäntlein. Der Sohn wird Grafiker und illustriert bis heute die Werke seiner Mutter, in seinem Haus in St. Gallen steht das Tonstudio, in dem Trudi Gerster ihre Aufnahmen einspielte, ihre Schwiegertochter schrieb selbst ein paar Geschichten für sie und begleitete sie viele Jahre lang zu ihren Auftritten. Eine Enkelin machte das Management. Die grosse Matriarchin hatte ihr Familienimperium bewundernswert fest im Griff.

Als Berufsalternativen nannte Trudi Gerster einmal «Bundesrätin oder eine Königin, die etwas zu sagen hat». Sie wusste genau um ihren Wert, die Frau mit der rosaroten Federboa und dem Seidenmantel mit dem bunten Blumenmeer. Sie war eine Diva, wenn es darum ging, wie ihre Frisur auf einem Bild am besten wirkt, sie konnte einer Zeitschrift ein schlechtes Foto jahrelang übelnehmen, und kein Regisseur, der sie je für ein Theaterprojekt eingespannt hat, konnte sie von ihrem Urteil abbringen.

Aber sie hatte ja recht. Sie wusste ein Leben lang, wie etwas klingen muss, damit die Schweiz danach süchtig wird. Sie hat sich ein paar Generationen lang direkt ins kollektive Bewusstsein geredet. Sie wusste es einfach besser. Nur etwas wusste sie nicht. Wie sie sich den Tod und das Danach vorstellen sollte. Sie sei dazu einfach nicht weise genug, sagte sie. Sie wird es nun vielleicht erfahren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2013, 06:28 Uhr

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