Analyse

Die permanente Katastrophe

Im Jahr 2011 jagten sich Skandale und Katastrophen. Und dieses Jahr ging es mit Hildebrand und dem Kreuzfahrtschiff weiter. Doch wird wirklich alles schlimmer – oder nehmen wir es bloss anders wahr?

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Es war diese Woche die grosse Story auf den Newsportalen und in der Tagesschau: Vor der Küste Italiens sinkt ein grosses Kreuzfahrtschiff. Sechs Menschen kommen ums Leben. Alle Zeitungen machen damit auf, die Tagesschau berichtet ausführlich, im Radio wird das Thema den ganzen Tag verfolgt. Schifffahrtsexperten und ehemalige Kapitäne kommen zu Wort und dürfen die «Katastrophe» beurteilen. Sagten wir Katastrophe?

Nun, das Thema ist zweifellos emotional aufgeladen, schliesslich waren Schweizer an Bord, ausserdem ereignete es sich in Europa und hat mit einem Kapitän, der allem Anschein nach lieber mit schönen Frauen Champagner trank als auf der Brücke zu stehen, und dann als erster das sinkende Schiff verliess, einen formidablen Bösewicht. Zudem weckt das plakative Bild des untergehenden Schiffs Erinnerungen an den Film «Titanic». Aber mit Verlaub: Kann man diesen Unfall, so tragisch er ist, eine Katastrophe nennen? Verglichen mit den Ereignissen, die uns im vergangenen Jahr auf Trab hielten, ist dieses Unglück doch eher ein kleiner Zwischenfall. Trotzdem werden Sondersendungen mit einer hohen Umdrehungszahl des K-Wortes geschaltet.

Kreuzfahrtschiff sinkt ins Januarloch

Zu Ihrer Erinnerung: 2011 hatten wir den arabischen Frühling, den Sturz Mubaraks, das Erdbeben, den Tsunami und die AKW-Katastrophe in Japan, den Phone-Hacking-Skandal in England, die Plünderungen in London, die Eurokrise im Herbst, das Massaker in Norwegen, Hungersnöte in Afrika, Überschwemmungen in Asien, den Tod Osama Bin Ladens, Muammar Ghadhafis und Kim Jong-ils.

Auch das Jahr 2012 begann hierzulande mit der Causa Hildebrand mit einem grossen Paukenschlag. Die Story verlor mit dem Rücktritt des Nationalbankpräsidenten an Fahrt, doch dann sank dieses Kreuzfahrtschiff mitten in das Januarloch hinein und füllte es zugleich. Und damit das Versprechen, dass wir weiter hyperventilieren dürfen. Denn darum scheint es zu gehen. Werden wir nicht stetig mit Katastrophen versorgt, fühlen wir uns vernachlässigt.

Unverhältnismässige Dramatisierung

2011 war zweifellos ein ereignisreiches Jahr. Viele Beobachter sprachen von einem der katastrophen- und skandalreichsten Jahre überhaupt. Angesichts dessen, wie uns diese Schifffahrtsgeschichte nun verkauft wird, kann man sich aber auch fragen: Hat sich vielleicht bloss unsere Wahrnehmung so geändert, weil die um Leser buhlenden Medien uns inzwischen jedes Ereignis als grosse Katastrophe verkaufen? Salopp gesagt: Geht die Welt wirklich derart den Bach ab, wie es in den letzten Monaten den Eindruck machte? Oder wird heute jede Meldung derart dramatisiert, dass wir nicht mehr entscheiden können, was nun wirklich relevant und verheerend ist und was nicht?

Die Journalistin Polly Curtis vom «Guardian» stellte sich jüngst dieselbe Frage. Nämlich, ob sich unser Gefühl für den News Overload irgendwie beziffern lässt. Ein Wert, den sie dazu heranzieht, ist der Traffic auf verschiedenen News-Sites. Die Google-News-Suche verzeichnete im Jahr 2010/2011 eine Zunahme der Anfragen um fünf Prozent. Im Jahr zuvor war der Traffic überhaupt nicht gewachsen, 2009 um drei Prozent. Die Unruhen in London bescherten der «Guardian»-Website den trafficreichsten Tag seit 9/11. Bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet schlug der Monat März mit dem Erdbeben in Japan und dem Tsunami oben aus.

Mehr Reporter, mehr Distributionskanäle

Die Frage ist, wie diese Zahlen zu interpretieren sind. Spiegelt die Zunahme, dass vergangenes Jahr tatsächlich mehr passiert ist als in den Jahren davor? Oder spiegelt sie die sich wandelnden Gewohnheiten, wie wir News konsumieren? Die meisten gedruckten Bezahlzeitungen verlieren seit Jahren Leser, während die Gratiszeitungen und Newsportale Leser gewinnen. Entsprechend hat sich auch die Art und Weise verändert, wie wir News konsumieren: Während man sich früher in der Zeitung über die News des vergangenen Tages informierte und für Aktuelles allenfalls den Fernseher oder das Radio einschaltete, versorgen uns die Newsportale mit einem nicht abreissenden Strom von Jetzt-Meldungen. Hinzu kommt die Popularität von Social-Media-Diensten wie Twitter, die aus jedem einen potenziellen Reporter und Breaking-News-Lieferanten machen. Darauf reagieren wiederum die Newsportale, die Twitter-Meldungen aufnehmen, weiterverbreiten und damit neue News schaffen. Sowohl die News-Quellen wie auch die Distributionskanäle sind wesentlich vielfältiger geworden, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, zu kommentieren und zu bewerten. Mit dem Resultat, dass grosse Newsstorys noch grösser werden.

Gut zu beobachten war dies Anfang Jahr, als die Affäre Hildebrand auf allen Kanälen rauf und runter diskutiert wurde. Laut Dan Sabbagh von der Technologieabteilung des «Guardian» nannte man dies früher Erdbeben-Journalismus. Geschah irgendwo ein Grossereignis, räumten die Printzeitungen die Front und die folgenden vier bis fünf Seiten frei, um über ein einziges Thema zu berichten. Heute ist der Erdbeben-Journalismus alltäglich geworden. Und wenn gerade kein Erdbeben zur Hand ist, dann tut es auch der Untergang eines Kreuzfahrtschiffes.

Erstellt: 18.01.2012, 11:51 Uhr

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