Die rohe Kraft von Kitsch

In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten heimliche Vorlieben. Heute: Jerry-Cotton-Krimis.

«Die Kräfte eines Löwen, das Herz eines Kindes und den Verstand eines vernünftigen Mannes»: Trailer zur Jerry-Cotton-Verfilmung (2010).


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Ich kaufte den Stapel Heftchenromane aus einer Laune heraus. Allerdings nicht aus einer freundlichen. Ich war 21 und finster. Und sehnte mich nach dem Trost aller finsteren Leute: auf etwas zu treffen, das ich noch mehr verachten konnte als mich selbst.

Ich drückte mich in eine Ecke des Bahnhofscafés und begann zu lesen: zwei Jerry-Cotton-Krimis und zwei Arztromane. Drei Stunden später wachte ich auf, bezaubert und verloren. Das hatte ich nicht erwartet. Denn was Bücher betraf, war ich ein harter Kerl. Andere hatten die Nächte ihrer Jugend mit Partys verbracht. Ich mit Klassikern wie Kafka, Joyce oder Mann.

Ohne Erfahrung mit Kitsch traf mich die Lektüre mit voller Wucht. Der Schock war: Das Zeug riss mich mit. Es war Industrieware, schludrig konstruiert, Papierdeutsch, aber es riss mich mit. Ich schämte mich dafür. Aber ich wusste, dass ich meine Ideen zur Literatur ändern musste. Also alle Ideen, die ich hatte.

Blasse Enden

Denn die Hefte hatten eine rohe Kraft. Wo die Klassiker das Mobiliar beschrieben, trat Jerry Cotton die Tür ein. Besonders das erste Drittel der Storys hatte Schwung. Das lag vor allem an den Verbrechern: der Erpresser, der die Frau des Bankiers verschleppt. Der Killer im Bordell. Der Topterrorist, der seine Komplizen umbringt. Damit verglichen blieb das letzte Drittel der Jerry-Cotton-Romane blass: Die Auflösung der Fälle war fast immer zusammengeflickt. Der Schlussakkord kam nie auf das Niveau der Ouvertüre. Ganz im Gegensatz zu den Arztromanen. Dort war das Ende der Höhepunkt: Wenn sich erst die Augen, dann die Hände von Schwester Monika und Doktor Merten fanden und dann ihre Herzen.

Nie war ich so durchschaut worden. «Jerry Cotton», schrieb sein Verlag 1954 zum Start der Reihe, «hat die Kräfte eines Löwen, das Herz eines Kindes und den Verstand eines vernünftigen Mannes.» Es war exakt das, was ich nicht war. Aber eines Tages sein wollte. Und auch die Arztromane schrieben über meine Sehnsucht: Ich wollte eine Freundin.

Die Chance auf Verrat

Und noch etwas Zweites riss mich hin: Ich entdeckte, wie einfach Manipulation funktionierte. Die Groschenromane bewiesen: Man musste kein literarisches Genie sein, um Leser zu fesseln. Es war auch mit fast industriellen Mitteln möglich. Plötzlich sah ich die Chance, ins Spiel einzusteigen und zu schreiben. Also vom Opfer der Literatur zu einem Täter zu werden.

Und dann das Dritte: Die Groschenromane waren das Programm für eine Rebellion. In der Universität las damals jeder Student mit Ehrgeiz die postmodernen Theoretiker: Derrida, Lacan, Foucault. Je komplizierter, desto prestigereicher. Heftchenromane eigneten sich perfekt, um das eigene Milieu zu schockieren. Ich witterte, was jeder halbwegs lebendige Intellektuelle sucht: die Chance auf Verrat. Denn Verrat ist das Ziel allen Denkens. Das schon im Kleinen: Jedes Nachdenken ist nichts anderes als die Hoffnung, Verrat an den vorherigen Gedanken zu üben. Und im Grossen: Der Grand-Slam für jeden Geistesarbeiter ist der Aufbau einer eigenen Ästhetik gegen die herrschende.

Nur eine weitere Konvention

Der Rest meines Lebens verlief wie automatisch: Die Lektüre von Jerry Cotton war der Anfang vom Ende meines Literaturstudiums. Im Sommer darauf schrieb ich mit einem Freund einen Krimi (mit eingelegtem Arztroman), um die anderen Studenten zu schockieren. Der Plan klappte: Sie waren tatsächlich schockiert. Und der Krimi wurde tatsächlich verlegt. Der Titel war: «Das Unglück». Zwar hielt sich sein Verkauf in Grenzen, aber zwei Magazine gaben mir Aufträge für Short-Storys. Zu meiner Verblüffung zahlten sie sogar Honorar. So blieb ich im Journalismus hängen. Damals, an der Uni, behauptete ich: Ihr liefert Papier, ich ein Stück Fleisch. Heute weiss ich, dass ich mich irrte. Wie in jeder ästhetischen Rebellion ersetzte ich nicht eine Konvention durch mehr Leben, sondern durch eine andere Konvention. Und was als Rebellion begann, stellte sich später als Opportunismus heraus.

Denn Postmoderne und Bildungsbürgertum verloren die Schlacht gegen das Entertainment. Heute schreibt fast jeder Krimis. Ohne Unterhaltung verkauft sich nichts mehr. Komplizierte Intellektuelle sind in der öffentlichen Debatte so gut wie ausgestorben. Was ich damals als sehr persönliches Wagnis sah, tat ich nur als Kind meiner Zeit.

Wäre ich heute 21, würde ich mein Leben nicht mehr auf Jerry Cotton bauen. Pop ist tot, zumindest für Rebellen. Ich würde ganz anderes lesen: Leute wie Kant, Keynes oder Arendt, die Denker der Verantwortung. Denn Sünde heisst heute: die Gesellschaft neu zu denken. Und kompromisslos elitär zu sein. Nichts würde Leute so schockieren wie Ernst. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.11.2014, 15:40 Uhr

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