Hintergrund

Digitale Entrückung

Das Smartphone ist unser wichtigstes Gerät, seine soziale Bedeutung kaum zu ermessen. In der Kunst findet es dennoch kaum Beachtung, seltsamerweise.

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Die Abdeckung ist bald komplett. Einer Schätzung zufolge verkauften allein die Anbieter Swisscom und Sunrise in der Schweiz letztes Jahr über zwei Millionen neue Smartphones und Tablets. Ein Grossteil der Jugendlichen und der Arbeitstätigen geht heute mit einem Minicomputer in der Hosentasche durchs Leben, der zugleich Kommunikationsmaschine und Zweithirn mit sofortigem Zugang zum Weltwissen ist.

Letztes Jahr zeigte eine Studie von Comparis.ch, dass jeder dritte Schweizer Besitzer noch im Bett oder gleich nach dem Aufstehen sein Smartphone zu verwenden beginnt. Bei Arbeitsbeginn hat es schon die Mehrheit benutzt. Wer sich in Trams, an Wartestellen und in Cafés umschaut, stellt definitiv fest: Es ist unser wichtigstes Gerät.

«Sie bauen keine Empathie mehr auf»

«Diese Dinger sind Gift, besonders für Kinder», warnte Louis C. K. vor ein paar Wochen in einer Talkshow. C. K., mit bürgerlichem Namen Louis Szekely, gehört zu den bekanntesten Humoristen der USA. Wenn er seine Maske des zynischen Possenreissers lüftet, kommen die Verheerungen der Konsumgesellschaft zum Vorschein. Als grösstes Übel hat Szeleky das Smartphone ausgemacht. «Die Kinder schauen die Menschen nicht mehr an, wenn sie mit ihnen sprechen», sagte er. «Sie bauen keine Empathie mehr auf.» Auch verhindere das ständig präsente Phone die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit.

Szekelys Kritik stiess auf grosse Zustimmung. Sein Statement wurde auf Facebook ebenso rasant verbreitet wie in der traditionellen Presse. Die «LA Times» nannte es «ein heiliges Sakrament». Fast zeitgleich begann das Video «I forgot my Smartphone» der Schauspielerin Charlene de Guzman auf Youtube zu kursieren. Es zeigt junge Menschen, die unablässig und überall ihr Handy betippen. Der Kurzfilm wurde bis heute über 35 Millionen Mal angeklickt.

Die Kritiker liegen falsch

Die Kritik von Szeleky und de Guzman ist simpel: Das Smartphone lenkt vom wahren Leben ab, und die Beschäftigung mit dem Gerät ist vertändelte Zeit. Doch auch wenn diese Ansicht weit verbreitet ist – sie ist falsch. Denn die konsequente Nutzung des Smartphones ist für viele keine Option mehr, sondern schlicht eine soziale Notwendigkeit. Dank des Programms «Whats App» ist die SMS-Kommunikation gratis. Wer nicht umgehend kommuniziert, wird als Verweigerer wahrgenommen und muss sich erklären.

Da den meisten Jugendlichen nicht der Sinn steht nach einer solchen Rebellion, tun sie emsig mit. Und die Kadenz steigt. Das zeigt das Beispiel Südkorea, wo der Mobileriese Samsung zu Hause und die Smartphone-Dichte so hoch wie sonst nirgends ist. Laut der Studie eines Marktforschungsinstituts verbrachten die südkoreanischen Jugendlichen 2013 im Schnitt bereits vier Stunden täglich mit ihrem Handy.

Das Sozialleben verlagert sich so zusehends in den digitalen Raum. Je länger wir auf unsere Phones schauen, desto blasser und unwichtiger erscheint das Leben um uns herum. In Japan warnt die Behörde vor der Handynutzung auf den Perrons, weil versunkene Nutzer immer wieder auf die Gleise stürzen. Auf den Trottoirs von San Francisco haben laut dem «Wall Street Journal» die Kollisionen von Passanten seit dem Aufkommen des Smartphones deutlich zugenommen. Diese Nachlässigkeit lässt sich leicht erklären. Coolness und Beliebtheit sind für viele Jugendliche und junge Erwachsene heute ohne ständige Onlinepräsenz nicht mehr zu haben. Vorteilhafte Facebook-Fotos sind ebenso wichtig wie Markenkleider oder angesagte Musik.

Ein besonders deutlicher Beleg der digitalen Entrückung ist das Smartphone-Selbstporträt, Selfie genannt und jüngst von den Herausgebern des «Oxford Dictionary» zum Wort des Jahres 2013 gewählt. Ob Obama während der Mandela-Trauerfeier, ein It-Girl vor der Partynacht, der Astronaut im Weltall oder der Amerikaner Ferdinand Puentes, der vor einigen Tag den Arm ausstreckte, um sich in der Schwimmweste auf dem Meer treibend zu fotografieren, nachdem sein Flugzeug abgestürzt war: Die Egoschau wird in aller Welt, in allen Lebenslagen und in allen Gesellschaftsschichten praktiziert.

Das Knipsen eines Selfies bedeutet dabei immer die gezielte Brechung eines Moments zugunsten einer Stilisierung, mit der zu einem späteren Zeitpunkt auf den Onlineplattformen der Marktwert gesteigert werden soll. Die digitalen Erfordernisse takten das reale Leben.

Die Avantgarde versagt bisher

Es sind faszinierende, tief greifende Entwicklungen, die die digitale Revolution und insbesondere das Smartphone in Gang gesetzt haben. Umso merkwürdiger ist es, dass die digitale Entrückung in der Kunst so gut wie keinen Widerhall findet, vom einfachen Pessimismus eines Louis C. K. abgesehen. Wo ist der Roman, der das stundenlange Wegtauchen in Blogs und Foren reflektiert? Wo das Gemälde, das die Hassgefühle eines Youtube-Trolls abbildet? Wo der Song, der das sorgsam kalkulierte und mit so vielen kruden Hoffnungen verbundene Platzieren eines Fotos auf einer Facebook-Pinnwand besingt?

Die Avantgarde versagt bisher. Schriftsteller Rainald Goetz etwa war Ende der 90er einer der ersten prominenten Blogger Deutschlands, beschäftigte sich dann aber doch lieber mit konventionellen Polit- und Wirtschaftsthemen. Lady Gaga ist auf Twitter, Facebook und ihrem Fanforum, wo ihr die Anhänger als «Mutter Gaga» huldigen, zwar eine digitale Eminenz. Ihren Eurotrance-Nummern und ihren Texten ist das aber nicht im Geringsten anzumerken. Und für eine Band wie Kraftwerk, die die Roboterisierung und die Anfänge des PCs vertonte, bedeutete die Internetära gar das künstlerische Aus (interne Querelen taten ihr Übriges). Auf eine visionäre Behandlung des Webs warten die Kraftwerk-Fans seit 20 Jahren vergeblich.

Nur der Touchscreen bleibt

Eine Erklärung für diese Zurückhaltung findet sich bei Arnold Gehlen (1904 bis 1976), einem brillanten Technikphilosophen und moralisch zweifelhaften Gegenspieler von Theodor Adorno. In seinem Werk «Die Seele im technischen Zeitalter» (1957) erklärt Gehlen die Schwierigkeit, der modernen Industrie- und Konsumgesellschaft künstlerisch beizukommen. Die Industrialisierung habe die Welt «entsinnlicht», sagt Gehlen. Sie habe der Welt ein normiertes Äusseres aufgeprägt, der «Menschheit eine stählerne Hülle» übergestülpt. Die Intellektualisierung durch die Naturwissenschaften habe einen weiteren «Abbau an Anschaulichkeit und Unmittelbarkeit» zur Folge gehabt. Spätestens nach Einsteins Relativitätstheorie habe man sich von der Vorstellung trennen müssen, «dass die Welt, in der alle Leute leben, auch allen Leuten begreiflich sein müsse».

Die Künste, denen jahrhundertealte Orientierungspunkte abhandenkamen, mussten sich neu erfinden, wollten sie die fundamentalen Umwälzungen nicht einfach ignorieren. Abstrakte Malerei, atonale Musik oder die kalt sezierende Lyrik eines Gottfried Benn: Für Gehlen sind sie künstlerische Reaktionen auf die Entsinnlichung der Welt durch die Industrialisierung und die Laborexperimente der Naturwissenschaften.

Die digitale Revolution treibt diese Entsinnlichung weiter voran. Sie löst eine Vielzahl physischer, mechanischer Prozesse ab und hinterlässt grössere und kleinere Bildschirme. Fassbar ist danach nur noch der Touchscreen: WLAN ist in der Luft, abstrakte Zeichensysteme und Hyperlinks lenken uns durch den komplex codierten Cyberspace. Es ist die grosse Herausforderung für heutige Künstler, neue Begriffe, Bilder und Töne für den digitalen Raum zu finden. Sie würden so unser Bewusstsein schärfen für die Stunden und Tage, die wir noch hinter dem Smartphone verbringen werden.

Erstellt: 21.01.2014, 08:30 Uhr

Video

Kulturkritiker: Satiriker Louis C.K. über Smartphones.

Video

Anti-Smartphone-Film: «I Forgot my Phone»

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