Doppelblind

Güzin Kar hat eine neue Volkskrankheit entdeckt.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Kann es sein, dass die Syphilis von «Projekt» abgelöst wurde? Oder lag dazwischen eine grössere Herpes- oder Grippeepidemie? Jedenfalls ist ein Projekt etwas, das viele in sich tragen, ohne jegliche Symptome zu entwickeln. Bei anderen hingegen kommt es in der Folge von auslösenden Faktoren wie dem Beiwohnen von Vernissagen oder Premieren immer wieder zu heftigen Ausbrüchen. «Wie geht’s, was machst du so?» «Ich habe ein Projekt.» «Ein neues?» «Was ganz Grosses.» «Ui! Aber hör mal: ich auch.» «Lass uns mal zusammensitzen und darüber reden.»

Inzwischen bilde ich mir ein, Menschen mit Projekt von solchen ohne unterscheiden zu können, und zwar allein aufgrund ihres Auftretens. Menschen ohne Projekt gehen von A nach B. Menschen mit Projekt bewegen sich suchenden Schrittes und hungrigen Blickes, manchmal haben sie Schaum vor dem Mund. Letzterer rührt daher, dass sie, innerlich getrieben, dauernd von ihrem Leiden erzählen müssen. «Ich bin noch in der Konzeptphase, hab aber bereits Sponsoren. Wir wollen das Ganze multimedial, tripelsozial, crosslingual und hypersensual aufziehen, und gebloggt wird auch. Natürlich geht es um Modetrends, also um starke Frauen und neue Männer, unterschwellig auch um Macht, Sex und Geld. Du! Musst! Da! Mitziehen! Jetzt ist deine Chance, später wollen alle, und schau, wir haben schon Flyer, Taschen, Klodeckel und Hundebürsten mit unserem Logo bedruckt, Sabbersabberschaum.»

Die Seuche, medizinisch erklärt

In medizinischen Nachschlagewerken wird die Seuche dereinst so erklärt werden: «Unbehandelt können Projekte zu grössten Schäden in Nervensystem, Rückenmark und Sprachzentrum führen – also zu dem, was früher fälschlicherweise mit ausgiebiger Masturbation in Verbindung gebracht wurde –, sodass sich der Projektierende hemmungslos an seinen eigenen Aussagen ergötzt und in diesem autoerotisierten Zustand bei jedem neuen Gegenüber alles von vorn wiederholt. Doppelblindexperimente haben gezeigt, dass der Sprechende tatsächlich doppelt blind ist. Weder merkt er, dass er das Gegenüber langweilt, noch, dass man dieses mitten im Gespräch ausgetauscht hat. Aufgrund des Sprechzwangs kommt es zu vermehrter Speichelsekretion, wobei sich der Ausfluss in den Mundwinkeln ansammelt und je nach Temperatur moussiert, verdampft oder – in der naturbedingt projektärmeren kalten Jahreszeit – zu Eiszapfen gefriert. Letzteres Phänomen war bildliche Vorlage für die Redewendung ‹Ein Projekt auf Eis legen›, was keinesfalls bedeutet, dass der Kranke kuriert wäre, sondern dass er in eine Art Stand-by-Modus gefallen ist.» (Schultz/Römer «Projektbezogene Faselei im Wandel der Jahreszeiten», erscheint im März 2019).

Aber ich greife vor, denn so weit ist die Forschung noch nicht. Im Moment konzentriert sie sich darauf, zu untersuchen, ob projektintensive Menschen nur krank sind oder eine sinnvolle Mutation innerhalb der Evolution darstellen. Im zweiten Fall stände die Wissenschaft vor der grossen Frage, ob projektlose Menschen in hundert, zweihundert Jahren noch überlebensfähig sein werden. Bis die Forschung alle Rätsel gelöst hat, schützt man sich vor Ansteckung, indem man bei der Begegnung mit Projektträgern die Strassenseite wechselt oder Doppelblind- und Fünffachtaubheit vorgaukelt.

Erstellt: 05.12.2014, 16:08 Uhr

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