Porträt

«Du bist tapfer, tapfer, tapfer, tapfer, tapfer – aber mutig bist du nicht»

Uta Köbernick kommt aus Berlin und lebt in Zürich. Ihre Lieder sind wahr und machen trotzdem Spass.

Politisch-poetisch: Kabarettistin Uta Köbernick.

Politisch-poetisch: Kabarettistin Uta Köbernick.

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Sie ist lang, schlaksig, hat eine Gitarre, eine Geige, ein Klavier und von Zeit zu Zeit ein mitreissendes Pfadfinderführergrinsen auf dem Gesicht. Sie könnte alles verkaufen. Aber sie verkauft genau das Gegenteil: Unentschiedenheit. Aber die entschiedenste Unentschiedenheit, die sich finden lässt.

Es gibt seit einigen Jahren eine spezifische weibliche Komik, die Männer fast nie hinkriegen. Es ist eine Komik eines unabschaltbaren klaren Blicks, der so klar ist, dass er in Zweifel an sich selbst kippt. Präzise Faustschläge wechseln mit Abbrüchen, Pausen, Erklärungen, Einwänden. Es ist eine Komik, hinterhältig, nervös, ehrlich und wahr. Es ist Grossstadtkomik: Tina Fey oder Sarah Silverman aus New York haben sie.

Oder Uta Köbernick, die in Zürich wohnt, aber in Berlin aufwuchs: mit dem direkten Mundwerk dieser Stadt. Und so zerrissen, überbaut, zentrumslos wie Berlin ist ihr Programm: Lieder, Dreisatzstorys, Minigedichte, Überleitungen ins Nichts, Grossstadtsprüche wie: «Wenn du nur lange genug suchst, weisst du auch wonach.»

Ihre Lieder sind mitreissend in der Musik und schnell im Text. Wobei schnell untertrieben ist. Der Refrain zu ihrem Lied «Tapfer» etwa beginnt mit dem Satz «Tapferkeit steht dir». Worauf der böse Zusatz «im Gesicht» folgt. Und dann, im Maschinengewehrtempo: «Du bist tapfer, tapfer, tapfer, tapfer, tapfer, ja so tapfer – aber mutig bist du nicht.»

Ein Kompliment, das in Sekunden in eine Anklage kippt und dann in eine Diagnose, die das Problem eines ganzen Lebens beschreibt – das ist grosses Können. (Und nicht untypisch für die Entertainerin Köbernick ist, dass später im Programm für eine Sekunde die Gegenthese auftaucht: «Angst ist ja nur der rote Teppich, den man für den Mut ausgerollt hat.»)

Keine halben Sachen, eventuell

Kein Wunder sind auch die Liebeslieder das Gegenteil von naiv. Sie beschreiben die Liebe, wie sie an der Klippe hängt: eine Hand am Fels, die Füsse über dem Abgrund. Etwa im programmatischen Lied: «Ich hab vergessen, worums geht», das mit den Zeilen «Geht’s um die Welt oder nach Hause?» beginnt und mit einer Kaskade von Relativierungen endet: «Ich hab vergessen, worums geht. / Gehts nicht um uns, Mann? / Ich lieb dich / dann und wann / so wies geht / ja kann / sein / es hat sich alles so verdreht. / Ich wollte reden, doch da hatt ich / schon vergessen worums geht.»

Es ist ein ganzes kleines Universum von Männern, «die ein schlechtes Gewissen haben – wohl zu Recht» und Frauen, die «keine halben Sachen mehr machen» wollen und sie trotzdem lieben. Oder auch nicht. Oder doch.

Es ist eine Welt, wo die Maximalforderung der Sehnsucht in der militant vorgetragenen Minimalforderung endet: «DU SOLLST MIR TEE KOCHEN, WENN ICH KRANK BIN!!!», was Köbernick nach dem Song mit dem Satz abschliesst: «Ich hoffe, das war jetzt eindeutig.»

Also, es sind Lieder, die Spass machen, trotz Wahrheit. Die Sorte Spass, die man als Erwachsener am Leben hat, weil nicht mehr zu haben ist.

Die Konzentration in den Texten, die Eleganz in der Musik und die Abwesenheit von Naivität – kurz: das ganze künstlerische Kein-Gramm-Fett-Zuviel – liegt auch daran, dass Köbernick Profi war, fast seit sie denken konnte. Sie besuchte eine Musikeliteschule in der DDR und sang schon als Sechsjährige in einem Vorzeige-Kinderchor, der in die Ukraine, nach Russland oder nach Japan reiste: «Man förderte von früh an die Konkurrenz unter den Kindern. Das hat mich, glaub ich, immun dagegen gemacht.» Die Anarchie in Köbernicks Programm dagegen entsprach dem Lauf der Politik. Im September 1989 sang sie noch vor dem DDR-Geheimdienstchef Erich Mielke «Unsere Heimat», einen Monat später im Westberliner Rundfunk eine kommerzielle Schnulze.

Damals, beim Fall der Mauer, war sie 14. Kurz darauf verabschiedete sie sich vom Chor, von der Schule, den Eltern und trieb sich im fast gesetzlosen Nachmauerfall-Berlin herum, meist als Mitglied irgendeiner Band. Sie begann mit 15 eigene Lieder zu schreiben und entdeckte die Geige neu: «Vorher hatte ich Noten gelernt, jetzt erst Musik. Also Zuhören, nicht Virtuosität.» Dann begann und schmiss sie das Konservatorium.

Wir, mit Risiko

Im Jahr 2000 zog sie nach Zürich: «Zu meiner Überraschung erinnerte mich die Schweiz an die DDR: durch das Insulanerverhalten. Und durch die Mischung von Scham und Stolz der Leute auf ihr Land», sagt sie im Gespräch. Sie absolvierte «die einzige Schule, die ich nicht brauchte»: die Schauspielschule. Sie wurde Mutter eines Sohns (der Vater ist Schauspieler Roeland Wiesnekker) und entwickelte ihr erstes Soloprogramm: «Sonnenscheinwelten».

Seitdem lebt sie ein Hotelzimmerleben mit 80 bis 100 Auftritten im Jahr. («Neulich fragte mich ein Kellner in der Deutschen Bahn: ‹Dasselbe wie gestern?› Das war schlimm.») Sie brachte zwei CDs heraus: «man muss ja nicht gleich» und «auch nicht schlimmer». Kurz: Ihre Steuererklärung ist so komplex wie mager.

Für unabhängige Köpfe gibt es eine Sehnsucht: das Wir. Dieses Wir entstand, für kurze Zeit, bei den Protesten gegen den Megabahnhof Stuttgart 21. Köbernick kam zufällig dazu, engagierte sich, erlebte die Wochen der Demonstrationen ohne Pressebericht, die Arbeitsgruppen, dann den Riesenprotest, den Polizeieinsatz, die Abwahl der allmächtigen CDU, dann die Grünen, die den Bahnhof nach einer Volksbefragung bauen lassen.

Sie erlebte den Witz der ersten Tage, die Euphorie danach, den Massenaufstand, dann das Zerfallen des Protests in Verhandler und Nicht-Verhandler, in Regierung und Fussvolk, schliesslich Niederlage und Verbitterung. «Dass ich Bescheid wusste, dass ich die Dossiers wirklich kannte, aber die Politiker nicht, gab mir zum ersten Mal die Freiheit, zu sagen: Hier Schwarz, dort Weiss. Ohne alles aus Prinzip grau einzufärben.»

Zum ersten Mal schrieb sie eindeutige Texte, etwa das Lied über Realpolitiker, das nach der Entschuldigung – «Auch wenn die Kunst etwas leidet» – fortfährt: «Alles Verbrecher, alles Verbrecher, alles Verbrecher, alles Verbrecher ...»

Kurz: Der Protest riss sie mit und um. «Eigentlich war ich nicht blauäugig eingestiegen. Ich hatte nach der Wende zu viele Leute an ihren Hoffnung zerbrechen gesehen.» Trotzdem zahlte sie ihren Preis: «Ich brauchte ziemlich lang, um nach der Niederlage auf die Formel zu kommen, was ich danach machen sollte. Und die hiess: Zweifel säen. Dann merkte ich, dass ich das die ganze Zeit davor schon gemacht hatte.»


Samstag, 20.30 Uhr, tritt sie im Theater Winkelwiese auf, vom 9. bis 28. Januar im Casinotheater Winterthur.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2013, 07:15 Uhr

Uta Köbernick live

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