«Eat Shit, Bob!»

John Oliver zeigt einem Kohlemagnaten, was eine Harke ist: Da werden Kraftausdrücke und Obszönitäten geträllert, dass es eine Lust ist.

In Minute 21 beginnt John Oliver seine Musical-Nummer über das fragwürdige Gebaren des Kohle-Tycoons Bob Murray. Quelle: Youtube


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John Oliver, der wunderbar unwahrscheinliche Brite, der sich seit 2016 jedes Jahr – verdientermassen – einen Primetime Emmy Award für seine wöchentliche HBO-Show «Last Week Tonight with John Oliver» abholt, hat diesen Sonntag den Vogel abgeschossen. Oder soll man sagen: Er hat dem Kohle-Kobold (Oliver: «coal goblin») Feuer unterm Fudi gemacht?

Jedenfalls hat der Nachrichtensatiriker aufs Genialste vorgeführt, wie man jene, die an den Machthebeln und auf den Geldbergen sitzen, vorführen kann. Zur Vorgeschichte: 2017 hatte der Polit-Comedian den Chef der grössten privaten Kohlefirma der USA, Bob Murray, CEO von Murray Energy, unter die Lupe genommen. Und ja, der Mann hat Dreck und Staub am Stecken, schlampt in Sachen Arbeiterschutz – sogar mit Todesfolge; und Kritik, die mag er gar nicht.

Prozesse als Geschäftspolitik

So hatte Murray jenen Arbeiter, der einen Bonus von 3 Dollar per Scheck zurückgeschickt hatte, versehen mit der Notiz «Eat Shit, Bob», zu feuern versucht. Und Organe kritischer Berichterstattung wie kleine Lokalzeitungen müssen mit langwierigen Gerichtsverfahren rechnen: Verfahren, deren Aussichtslosigkeit von vornherein feststeht und die lediglich den Zweck haben, die aktuellen Kritiker über Jahre hinaus mundtot zu machen und alle anderen potenziellen Kritiker einzuschüchtern. Also bekam auch HBO wegen John Oliver eine Klage von Bob Murray an den Hals.

Diese Art von Firmenpolitik via Prozess-Exzess ist in Teilen der USA gang und gäbe. Doch weil Murray nun – nach zwei Jahren, die HBO über 200'000 Dollar an Anwaltshonorar kosteten –, den Fall gegen Oliver aufgegeben hat, trat der jetzt prompt nach. Beziehungsweise: Er erläuterte am Sonntag erstens ausführlich das Unwesen solcher substanzloser Verfahren. Und er zeigte zweitens, wie man es den klagelustigen Bossen zeigen kann.

Zeit für die Suck-My-Balls-Bob-Dancers

Alle Gerichte bis hin zum höchsten sind sich nämlich über eins einig: Lockere, ungenaue, bildliche Sprache, in die vernünftigerweise keine Faktenbehauptung hineininterpretiert werden kann, ist ein Stilmittel geschützter Rede – «protected speech» im Sinne der Meinungs-, Rede- und Kunstfreiheit. Die seriös gehaltenen Murray-kritischen Passagen in John Olivers Auftritt können demnach unter Beschuss geraten, aber eben nicht die lockeren, liederlichen («loose»).

Darum hat sich Oliver – nach zweijährigem Rechtsstreit zu erschöpft für einen Murray-Kommentar, wie er sagte – für eine Murray-Musicalnummer namens «Eat Shit, Bob» entschieden, samt regelrechtem Filmabspann: ein fünfminütiges Glanzstück mit ihm als Sänger und der riesigen Compagnie der Suck-My-Balls-Bob-Dancers, die über den Times Square glitzern; und inklusive Gastauftritt eines HBO-Rechtsanwalts, der spottet: «See you in court, fuck-face!»

Da wird eine Obszönität nach der anderen geträllert, gejubelt, getanzt und per Feuerwerk an den Nachthimmel New Yorks expediert, dass einem die Ohren glühen. Es werden die fiesesten und verrücktesten Vorwürfe gemacht wie «he likes to blame Malala for his farts». Und, ein winziges bisschen betreten und schuldbewusst ob der eigenen Lust an dieser verbalen Gewalt im virtuosen Künstlerlook, denkt man: Ganz grosses Kino!

Erstellt: 12.11.2019, 21:55 Uhr

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