Ecopop? Ecoschlager!

Güzin Kar über das Glück der Einfachheit.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Jetzt hocken wir also in unseren 200 m² Lofts, trinken Champagner und beste Olivenöle, essen kiloweise Delikatessen, haben den Partner, den wir verdienen, die Kinder, die uns erschreckend gleichen, und sind immer noch nicht glücklich. Wir haben es mit Yoga, Traumabewältigung, Ingwertee und Bordellgängen versucht, haben gekauft, aufgearbeitet und kopuliert wie Irre, und am Ende starrt uns immer noch dieses Loch genannt Leben an.

Es hat Mundgeruch. Und kaum sagt oder fragt man etwas, haucht es uns mit tausend stinkenden Gegenfragen an. Alles ist kompliziert geworden, die Frauen, die Männer, das Einkaufen, der öffentliche und der geschützte Verkehr. Irgendwer hat herausgefunden oder wenigstens behauptet, dass Engagement im Dienste der Allgemeinheit glücklicher mache. Also lassen wir das Schimpfen und Denken und engagieren uns. Für Tiere. Für Bäume. Für die Lebensgrundlagen. Für etwas, das nicht diskutiert, nicht zu spät nach Hause kommt, nicht lügt, uns nicht nach 20 Dienstjahren entlässt und uns nicht sagt, wie blöd es unsere Filme, Texte und Konzeptpapiere findet.

Wer Glück sagt, hat schon verloren

Die Umwelt ist gut, lasst sie uns schützen, damit wir sie auch in 300 Jahren noch anstarren können. Dann sehen wir die Berge, den Himmel, den See, auf dessen Grund irgendwer unser Glück versenkt hat. Lasst uns das Wort Glück durch Lebensqualität ersetzen, das hat nicht diesen schalen Nachgeschmack des Gescheitertseins. Wer Glück sagt, hat schon verloren. Lebensqualität hingegen klingt so machbar, so vital nach Wiesenpicknick, so dynamisch nach Arbeitslust, so selbstverdient und selbsterlebt, als hätte es vor uns noch keiner gekaut und ausgespuckt, so extra vergine, so vollwertig.

Wir wissen, woran der Planet krankt: an uns, an Überbevölkerung. Deshalb spenden wir kein Geld, sondern Kondome und Kastrationsprogramme. Für Rüden in Rumänien oder waren es Nutten in Nigeria? Und gegen das Verkomplizieren. Wir wollen ganz einfach die Ressourcen schonen. Vor allem die eigenen, denn das ständige Informiertseinmüssen erfordert zu viel Kraft.

Wir wollen keine dieser unverständlichen Statistiken und Diagramme mehr, die unser Land und unsere Zukunft erklären, sondern den Rechenschieber nehmen und per Holzkügelchen unsere Zufriedenheit berechnen: 0,2 Prozent Personenwachstum. Gleich viele rein wie raus. Wie in einem vollen Nachtclub, nur ohne Geschubse. Die Sucht nach Einfachheit ist ein Menschenrecht, die lassen wir uns nicht austreiben.

Ecopop ist ein beiger Wollpulli

Dass die Rechnung am Ende nicht aufgeht, dass am Ende immer ein paar Kügelchen übrig bleiben, für die keiner eine Erklärung hat, wissen wir. Und dennoch fühlt es sich gut an. Wie Papier sammeln, Horoskope lesen, Wirbelsäulen oder Meridiane richten, die Meridiane des Landes, der Welt. Danach kann man besser schlafen, sagen die, die es ausprobiert haben. Ecopop ist der Politik gewordene Rechenschieber eines Fünfjährigen. Es ist der beige Wollpulli aus der Versicherungswerbung, den der junge Familienvater trägt, und an den sich seine Liebsten schmiegen.

Endlich einfach. Endlich bei sich sein. Das Heer der Gemütlichkeitsterroristen singt Schlager gegen die Überbevölkerung, sucht Reime auf Wörter, die man für reimresistent hielt. Und mit dem Cognac am Kamin sitzend, summen wir mit: «Und da sind dieselben Lieder, die wir hörten in der Sonntagnacht, als du mir das Glück gebracht. Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung – Dubdidubdidubdub.»

Erstellt: 21.11.2014, 15:56 Uhr

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